Deutsche Schulen

Vertrauen statt Kontrolle? DGN-Lehrer will KI-Einsatz neu denken

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DGN-Lehrer Ricky Katzera und Schülerin Frida Vloet

Am Deutschen Gymnasium geht Lehrer Ricky Katzera neue Wege im Umgang mit Künstlicher Intelligenz: Statt Misstrauen zu schüren, setzt er auf Vertrauen – und lässt die Jugendlichen selbst entscheiden, wie und wofür die Klasse KI im Unterricht einsetzen will.

Wie würde ein Schulunterricht aussehen, der komplett von einer KI gestaltet wurde? Am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) hat Lehrer Ricky Katzera genau das ausprobiert. Gemeinsam mit jeder 11. Klasse (1G) hat er zu Beginn dieses Schuljahres eigene Regeln für den Umgang mit ChatGPT und Co. entwickelt. Denn während vielerorts noch über Kontrollmaßnahmen diskutiert wird, geht es hier um etwas anderes: Vertrauen, Verantwortung und Teilhabe.

Eine Reaktion auf eine Herausforderung, die viele Schulen beschäftigt. „Die Lehrer und Lehrerinnen haben Angst, dass wir schummeln – und wir haben Angst, dass wir zu Unrecht beschuldigt werden.“ Mit diesem Satz bringt die 16-jährige Frida Vloet, Schülerin am DGN und Teil des KI-Unterrichts von Katzera, auf den Punkt, was derzeit viele Jugendliche bewegt: Die Unsicherheit im Umgang mit KI ist groß – auf beiden Seiten.

Auch an anderen Schulen zeigt sich dieses Spannungsfeld. An der Deutschen Privatschule Apenrade (DPA) spricht Lehrerin Kira Schade von einem „zeitraubenden Detektivspiel“, wenn plötzlich auffällig fehlerfreie Aufsätze auftauchen. Der Verdacht liegt nahe, beweisen lässt sich jedoch meist wenig. Und Kira Schade ist nicht allein: Eine Umfrage des „Nordschleswigers“ unter den 15 Schulen der deutschen Minderheit bestätigt, dass viele Lehrkräfte sich ähnliche Fragen stellen. Klare Regeln fehlen, Entscheidungen werden oft abhängig im Einzelfall getroffen.

Ein Unterricht von der KI – mit klaren Regeln als Ziel

Mit seinem Ansatz, die Jugendlichen gemeinsam eigene KI-Regeln ausarbeiten zu lassen, will Lehrer Ricky Katzera genau diese Lücke füllen. Statt auf Kontrolle setzt er auf Beteiligung. Er hofft, so einen konstruktiven Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Schulalltag zu ermöglichen.

In Gruppen diskutierten die Schülerinnen und Schüler, wo KI in Schulfächern wie Deutsch, Englisch oder Biologie sinnvoll sein kann – und wo der Einsatz problematisch wird. Am Ende einigte sich die Klasse auf Regeln, die bis heute im Klassenraum hängen:

Lehrer Ricky Katzera setzt beim Umgang mit KI auf Transparenz und Augenhöhe.
  • KI darf genutzt werden zur Inspiration, Recherche, Fehlersuche und Erklärung.
  • Nicht erlaubt ist die Nutzung zur Erstellung kompletter Texte oder persönlicher Meinungen.
  • Wer KI nutzt, soll dies transparent machen, etwa durch Abgabe des Chatverlaufs.
  • Die Regeln gelten auch für Lehrkräfte.
  • Bei Unsicherheiten oder Verdachtsfällen soll das Gespräch gesucht werden.

„Die Regeln funktionieren in beide Richtungen“, sagt Katzera. „Die Transparenz hilft beiden Seiten.“

„Nicht um zu betrügen“

Frida Vloet erlebte die Unterrichtseinheit als hilfreich. „Wir konnten erklären, dass es uns in erster Linie darum geht, KI einzusetzen, um manche Prozesse zu vereinfachen, aber nicht um zu betrügen.“ Die gemeinsame Arbeit an den Regeln habe zumindest innerhalb der Klasse für mehr Klarheit gesorgt.

Doch sie sieht auch die Grenzen. Zwar sei in ein, zwei Fächern kurz über das Katzera-Projekt gesprochen worden, aber: „Mit manchen Lehrern haben wir nie besprochen, ob die Regeln auch für ihren Unterricht gelten – oder ob sie andere oder gar keine wollen.“ Eine Weiterentwicklung oder fächerübergreifende Diskussion innerhalb ihrer Klasse vermisse sie bislang also noch. „Das finde ich sehr schade.“

Frida Vloet ist Schülerin am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig.

Pädagogischer Blick: Nicht ob, sondern wie

Für den Pädagogen Dr. Nicolaus Wilder von der Universität Kiel ist das DGN-Projekt ein positives Beispiel. „Der Anlass, ein Regelwerk zu erarbeiten, sorgt schon dafür, dass über das Thema gesprochen wird“, sagt er. Entscheidend sei dabei der partizipative Ansatz.

Denn seine Kritik an der KI-Debatte insgesamt ist, dass sie oft bei der Frage stecken bleibt, ob KI im Unterricht sinnvoll sei. „KI ist längst Teil unserer Welt – und sie wird Teil der Arbeitswelt sein, in der Schülerinnen und Schüler später stehen.“ Es gehe nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie und Wofür.

Pauschale Antworten könne auch er darauf nicht geben. Und auch Regeln müssten kontextabhängig, transparent und gemeinsam entwickelt werden. „Das Thema muss offen und ehrlich besprochen werden.“ Deshalb hält Wilder das Katzera-Projekt grundsätzlich für den richtigen Ansatz.

Er würde sich wünschen, dass Schulen solche Ansätze sogar noch mehr vertiefen. Sie sollten das Vertrauensverhältnis so sehr stärken, dass sogar dank der Regelverstöße ein Lerneffekt möglich ist: Wenn nach dem Schummeln offengelegt wird, wie KI genutzt wurde, könnten Lehrkräfte daraus ableiten, wo Unterstützung nötig ist – und daraus lernen, wie Schule besser auf die Realität reagieren kann.

Was bleibt – und was kommen muss

Das Katzera-Projekt am DGN ist der Versuch, KI als selbstverständliche, aber nicht uneingeschränkte Begleiterin im Klassenzimmer zu akzeptieren. Lehrkräfte und Lernende wollen gemeinsam Verantwortung übernehmen – und den Rahmen definieren. Doch Fridas Einschätzung und Wilders Analyse machen deutlich: Einzelne Initiativen reichen nicht. Es braucht Verbindlichkeit, Austausch und Strukturen, die Schulen entlasten – nicht sich selbst überlassen.

Frida wünscht sich mehr Erfahrungen wie jene, die sie aus dem Projekt, das ihr Lehrer Ricky Katzera in ihrer Klasse initiiert hat, mitnimmt. „Ich wünsche mir, dass das Vertrauen zwischen Schülern und Lehrern in Bezug auf KI größer wird. Und dass das mehr auf Augenhöhe passiert.“

Hinweis: Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit „Nordschleswiger“-Journalist Jan Peters.

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