Bildungspolitik

„Keiner will an die Wurzeln ran“ – Deutschlehrerin fordert Bildungswende

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Ob Deutsch künftig wieder an Bedeutung gewinnt, hängt laut Dorthe Schmittroth Madsen davon ab, ob die Politik bereit ist, die Volksschule grundlegend zu verändern.

Deutschunterricht in Dänemark auf dem Abstieg: Lehrerin Dorthe Schmittroth Madsen macht die Politik verantwortlich. Fremdsprachen müssten wieder früh beginnen – als Schlüssel zur Welt, nicht als Nebensache.

Wenn Dorthe Schmittroth Madsen über den Zustand des Deutschunterrichts in Dänemark spricht, wird ihre Stimme fest. „Ich glaube einfach, dass ich es als Deutschlehrerin satthabe, immer nur von der Wichtigkeit des Deutschen zu hören – und keiner macht etwas“, sagt sie.

Madsen hat Germanistik in Kopenhagen studiert, lebt heute in Vejle und unterrichtete mehr als 13 Jahre an Gymnasien – unter anderem an der Haderslev Katedralskole und am Tønder Gymnasium. Sie kandidierte einst für die Konservativen im Regionsrat Süddänemark, arbeitet heute an einer Grundschule und engagiert sich mit Debattenbeiträgen für die Stärkung des Deutschunterrichts.

Die Zahlen sprechen für sich: In diesem Jahr wurden an den Universitäten Aarhus, Kopenhagen und Odense zusammen nur rund 55 neue Studierende für Deutsch zugelassen. „Die Deutschstudiengänge sind vom Aussterben bedroht“, sagt Madsen im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“.

Man müsste das Fach Deutsch viel früher einführen – am besten ab der 2. oder 3. Klasse.

Und während Bildungs- und Forschungsministerin Christina Egelund (Mod.) 68 Millionen Kronen für den Haushalt 2026 in Aussicht stellt, um die Studiengänge Deutsch und Französisch zu fördern, winkt Madsen ab: „Das ist heiße Luft. Niemand will an die Wurzeln ran.“

Das Problem beginnt in der Volksschule

Für Madsen liegt der Kern des Problems nicht in den Universitäten, sondern viel früher – in der Volksschule (folkeskole). „Man lässt die Volksschule außen vor, dabei beginnt dort das Problem“, sagt sie.

Seit diesem Schuljahr wird Deutsch in der dänischen Volksschule erst ab der 6. Klasse als Wahlfach unterrichtet – zuvor begann der Unterricht ab der 5. Klasse. Für Madsen ist das ein Rückschritt: „Fremdsprachen müssen als Kompetenz betrachtet werden. Man müsste Fremdsprachen wie das Fach Deutsch viel früher einführen – am besten ab der 2. oder 3. Klasse.“

Dass die Reform mit dem Argument begründet wurde, Kinder bräuchten mehr Freiraum und Ruhe, hält sie für vorgeschoben. „Das Problem ist nicht die Belastung der Kinder, sondern eine Politik, die Bildung auf kurzfristigen Nutzen reduziert.“

Kritik an Schulstruktur und Ausbildungspolitik

Madsen spricht von einer „arbejderistisk uddannelsespolitik“ – einer auf Arbeitsmarktverwertbarkeit ausgerichteten Schulpolitik. „Wir haben ein System, das praktische Fächer bevorzugt und Fremdsprachen abwertet. Das Ziel ist, Bürgerinnen und Bürger für den Wohlfahrtsstaat auszubilden – aber in dieser Logik spielt Deutsch keine Rolle. Das ist ein riesiger Verlust.“

Dass Schülerinnen und Schüler heute weniger Lust auf Deutsch hätten, erklärt sie nicht mit mangelndem Interesse. „Ich kenne viele kreative, engagierte Deutschlehrer, die sich alles Mögliche einfallen lassen, um den Unterricht spannend zu gestalten. Das Problem ist jedoch, dass viele Kinder und Jugendliche heute nur noch lernen wollen, wenn sie sofort den Nutzen sehen.“

Es fehle, so Madsen, an einem ganzheitlichen Verständnis von Bildung: „Fremdsprachen sind Teil von Kultur, Geschichte und Identität. Es geht nicht nur um Grammatik, sondern um Weltoffenheit, um Kultur, um das Bewusstsein, Europäer zu sein.“

Sie fordere deshalb eine „holistische Ausbildungspolitik“, die Bildung nicht nur als Arbeitsmarktförderung versteht. 

Keiner wagt es, das System infrage zu stellen.

Dorthe Schmittroth Madsen

„Das Problem mit dem fehlenden Interesse an Deutsch wird nie gelöst, wenn wir die Struktur der sozialdemokratischen Ausbildungspolitik nicht hinterfragen. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, Englisch zu lernen und uns dann für weltoffen halten. Das halte ich nicht nur für arrogant, sondern auch für faul.“

„Man tanzt um den heißen Brei“

Bereits in einem Leserbrief an den „Nordschleswiger“ hatte Madsen den Zustand des Fremdsprachenunterrichts mit einem dänischen Kinderlied verglichen: „Så går vi rundt om en Enebærbusk“ (So gehen wir um den Wacholderbusch herum)– immer im Kreis, ohne Ziel.

„Man kennt sich – alle haben ein Herz für Deutsch. Aber wenn die Musik aus ist, versucht jeder, einen Platz zu finden, weil keiner die Verantwortung für den Untergang der Deutschkenntnisse übernehmen will“, schrieb sie.

Ihre Kritik richtet sich auch an Institutionen wie Dansk Industri und das Nationale Zentrum für Fremdsprachen (NCFF). Beide agieren aus ihrer Sicht zu vorsichtig, um Fördergelder oder politischen Einfluss nicht zu gefährden. „Keiner wagt es, das System infrage zu stellen“, so die Deutschlehrerin. 

Mehr Mut zur Sprache

Für Madsen ist klar: Solange Deutsch im Schulsystem keine strukturelle Priorität erhält, wird sich wenig ändern. „Man muss die Volksschule neu denken – sonst bleibt Deutsch auf der Strecke.“

Ob das gelingt, hängt für sie davon ab, ob Politik und Gesellschaft den Mut aufbringen, Fremdsprachen wieder als Schlüssel zur Welt zu begreifen – und nicht als Nebensache.