Mobilität

Winterdienst: Radweg zur Grenze hat keine Priorität

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Radweg Winter
Vereiste Radwege sind für ganzjährige Pendlerinnen und Pendler eine Gefahr und ein Hindernis für alle, die das Rad eigentlich auch im Winter nutzen würden, sich aber nicht trauen.

Für Autofahrende wird auf der Bundesstraße 200 von Flensburg zur Grenze in Krusau in der kalten Jahreszeit mit Priorität geräumt. Doch Grenzpendlerinnen und Grenzpendler mit dem Fahrrad auf dem Radweg nebenan leben bei Schnee und Eis gefährlich. Dass sich zur kommenden Saison etwas am Status quo ändert, ist unwahrscheinlich. Dabei wollen Politik und Kommunen, dass ganzjährig mehr Menschen aufs Rad steigen.

„Eine Priorität für Radwege liegt nicht vor. Die Durchführung des Winterdienstes auf den Radwegen erfolgt im Anschluss an den regulären Winterdienst. Dies auch vor dem Hintergrund, dass bei straßenbegleitenden Radwegen beim Schneeräumen auf der Straße dieser Schnee in der Regel auf dem Radweg zum Liegen kommt.“

Das ist Teil einer Antwort des Landesbetriebes Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV.SH) an den „Nordschleswiger“ auf die Frage, warum der etwa 500 Meter lange Radwegabschnitt von Wassersleben (Sosti) nach Krusau (Kruså) entlang der Bundesstraße 200 im Winter – anders als die Straße – nur nachrangig geräumt wird.

Dabei handelt es sich in der östlichen Grenzregion neben Pattburg (Padborg) und Fröslee (Frøslev) um eine der Hauptrouten von und nach Dänemark.

Zwar ist zweifellos ohne große statistische Erhebung klar, dass die meisten Grenzpendelnden aus Deutschland mit dem Auto zur Arbeit fahren, weil etwa die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die Grenze lückenhaft ist und das Radfahren im ländlichen Bereich unattraktiv. Hemmschuhe sind nicht nur weite Distanzen und fehlende Infrastruktur, sondern auch witterungsbedingte Gefahren.

B200
Der Radweg direkt neben der Westtangente von und nach Dänemark genießt nicht dieselbe Priorität wie die Bundesstraße.

Winterdienst muss anders priorisieren

Geht es nach den Wünschen der Politik und der Radverbände auf beiden Seiten der Grenze, sollen aber gerne mehr Menschen aufs Rad steigen, um den Weg zum Arbeitsplatz zu bewältigen. Noch gibt es nur wenige Pendlerinnen und Pendler, die ganzjährig mit dem Fahrrad über die Grenze zur Arbeit fahren – und das wird auch so bleiben, wenn sich am Winterdienst in Zukunft nichts grundlegend ändert.

Schon 2019 hatte der deutsche Automobilclub ADAC eine Umfrage veröffentlicht, wonach 61 Prozent der 4.000 Befragten angaben, im Winter das Rad stehenzulassen. Diejenigen, die trotzdem radeln, waren vor allem von schlecht geräumten und gestreuten Radwegen genervt und hatten dabei oft angegeben, Angst zu haben, bei Glätte zu stürzen und sich zu verletzen. Laut ADAC habe das Winterradeln zwar großes Potenzial, es brauche jedoch einen verstärkten Winterdienst.

„Es sollte definitiv mehr passieren“

Der Flensburger Ableger des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) bedauert die Aussagen des LBV.SH. „Es ist schade, dass sonst immer wieder die Wichtigkeit der Zusammenarbeit im Grenzgebiet betont wird, es dann aber in der Praxis meist anders aussieht. Es gibt viele Grenzpendler, auch mit dem Fahrrad. Hier sollte definitiv mehr passieren“, so Ortsgruppensprecher Tim Meyer-König.

Laut LBV.SH erfolge im Zuständigkeitsbereich der Winterdienst bislang aber zunächst auf den Fahrbahnen nach Priorität und Wirtschaftlichkeit, dann nachfolgend auf Radwegen. Dabei werde der Winterdienst vorrangig auf Radwegen, welche der Schulwegsicherung unterliegen, durchgeführt.

Fahrbahn frei, Radweg vereist

In der Praxis heißt das: Wer um kurz vor 8 Uhr an einem Wochentag zur Grenze radelt, kann bei winterlichen Verhältnissen also davon ausgehen, dass die B200 wegen ihrer Priorität als Bundesstraße frei ist, der Radweg daneben aber glatt sein kann.

Der Landesbetrieb hält grenzüberschreitende Radwege offenbar nicht für verkehrswichtig. So heißt es: „Außerhalb der geschlossenen Ortslage braucht bei Glätte nur an verkehrswichtigen und besonders gefährlichen Stellen gestreut zu werden. Gefährlich in diesem Sinn sind solche Straßenstellen, die für den Benutzer, der die erforderliche Sorgfalt walten lässt, nicht oder nicht rechtzeitig erkennbar sind und auf die er sich nicht oder nicht rechtzeitig einzurichten vermag.“

Ein Rechtsanspruch auf geräumte Wege bestehe nicht, sagt der LBV.SH. Dennoch versucht der Landesbetrieb entsprechend der örtlichen Verhältnisse zu gewährleisten, dass Wege befahrbar sind. Damit würden auch die rechtlichen Vorgaben eingehalten – nach eigener Aussage auch darüber hinaus.

„Die mögliche Befahrbarkeit bedeutet jedoch auch, dass mit Behinderungen durch Schneereste oder je nach Einsatzdauer des Winterdienstes teilweise auch mit einer geschlossenen Schneedecke zu rechnen ist. Bei anhaltendem Schneefall kann die Befahrbarkeit von Radwegen jedoch nicht mehr gewährleistet werden.“

Eigene Verantwortung und Sorgfalt

Wer einen Radweg bei Schnee oder Eisglätte benutzt, tue das auf eigene Verantwortung und habe besondere Sorgfalt walten zu lassen, heißt es abschließend.

Trotz dessen es eine freie Wahl des Verkehrsmittels gibt, werden Radfahrende mit dieser Priorisierung benachteiligt. Generell entfällt zwar die Benutzungspflicht von Radwegen, sofern diese witterungsbedingt nicht befahrbar sind, doch möchten Grenzpendelnde mit dem Fahrrad wirklich auf die geräumte Bundesstraße ausweichen?

Das Problem: Auch auf dänischer Seite wird außerhalb geschlossener Ortschaften nicht jeder Radweg gestreut, sofern vorhanden, und überhaupt nur „nach Bedarf“ von Dreck, Schmutz und Eis befreit. Radstreifen entlang der Hauptrouten bekommen etwas Salz ab, ansonsten wird auch in Nordschleswig priorisiert, wie bereits 2023 berichtet.

Rainer Naujeck, Vorsitzender der Schleswigschen Partei (SP), engagiert sich seit vielen Jahren grenzüberschreitend – etwa im Verein der Fahrradfähre. Selbst fährt er zwar kein Rad, dennoch würde er sich eine höhere Priorisierung des Winterdienstes bei Radwegen wünschen. Außerdem müssten Radwege und Radstreifen auf dänischer Seite auch im Laufe des Jahres regelmäßiger sauber gehalten werden.

Kommentar: „Endlich ganzjährig denken“

Schleswig-Holstein und Dänemark werben saisonal massiv für den Radtourismus, für die schier unbegrenzten Reisemöglichkeiten mit dem Rad und die tollen (grenzüberschreitenden) Routen und Radwegenetze. Berechtigterweise. Sie schieben außerdem Projekte zur Förderung des Radverkehrs und der Infrastruktur an (z.B. das entstehende Knotenpunktnetzwerk) und äußern – verbunden mit dem Klimawandel – den Wunsch, mehr Menschen auf das Fahrrad bringen zu wollen. Das ist lobenswert.

Es kann jedoch kein Ziel sein, dies nur auf die oftmals zitierte „Fahrradsaison“ von Mai bis Oktober zu beschränken. Auch danach möchten viele Menschen mit dem Fahrrad mobil sein – vielleicht, weil sie aus diversen Gründen keine andere Wahl haben, vielleicht aber auch, weil sie es einfach wollen. Der Markt bietet inzwischen alles, was es zum Pendeln mit dem Rad im Winter braucht.

Was Radfahrende im Winter jedoch vorfinden, ist eine permanente Benachteiligung. Weil sie als Verkehrsteilnehmende schlicht dem Autoverkehr untergeordnet werden, lassen viele das Rad stehen, um sich im Herbst und Winter nicht auf vom Laub rutschigen oder von Schnee und Eis glatten Radwegen die Beine zu brechen. Natürlich muss man sich als Verkehrsteilnehmender der Witterung anpassen – gerade auf zwei Rädern ist die kalte Jahreszeit da noch mal herausfordernder.

Doch genau hier müsste angesetzt werden. Denn würden Radwege höher priorisiert, würden sich auch mehr Menschen im Winter auf das Fahrrad trauen. Im finnischen Oulu werden beispielsweise 12 Prozent der Strecken auch im Winter mit dem Rad zurückgelegt. Die Kommune macht etwas entscheidend anders. Dort werden die Straßen erst geräumt, wenn die Radwege frei sind. Denn während zwei, drei Zentimeter Schnee für Autos kein Problem sind, kann es das für Radfahrende bereits sein. Ein Umdenken muss daher auch im Grenzland und seinen Kommunen stattfinden, um die selbst gesteckten Ziele bei Mobilitätswende und Klimaschutz auch zu erreichen.