Deichsicherheit

Die steigenden Wassermengen aus dem Hinterland sind in Tondern im Fokus

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Die jüngste Deichrenovierung in der Kommune Tondern fand in Juvre auf Röm statt.

Der kommunale Direktor Michael Holst erläutert seine Sichtweise auf das große Wasserquantum, das durch die Wiedau und die Wiedauschleuse ins Wattenmeer transportiert werden muss. Bei der Deichverstärkung spielt die anteilige Finanzierung von Staat, Kommune und Deichverbänden eine Rolle. Der fehlende Verteilungsschlüssel macht sich bemerkbar.

„Wer nicht will deichen, der muss weichen.“ Dieses Sprichwort und das Kräftemessen mit der Nordsee haben seit Jahrhunderten an der Nordschleswigschen Westküste Bestand.

Während im Oktober 2023 die Sturmflut an der Ostküste tobte, sah die Lage an der Westküste anders aus.

„Die Oststürme, von denen es nicht so viele gibt, haben nichts mit uns zu tun“, sagt der Direktor der kommunalen technischen Verwaltung in Tondern, Michael Holst.

Die Sicherheit im Blick

„Was die Deichsicherheit angeht, sind wir gegenwärtig recht gut aufgestellt. Wir richten einen aufmerksamen Blick auf die Sicherheit. Die Zuständigkeit liegt beim Küstendirektorat. Die Instanz inspiziert jährlich die Deiche“, erläutert Holst im Zusammenhang mit Stürmen aus dem Westen.

„Die Kommune Tondern ist für den vorgeschobenen Deich zuständig und die Deichverbände sind für den Betrieb und die Instandsetzung der übrigen Deiche verantwortlich“, so Holst.

Dadurch, dass ein Mitglied des technischen Ausschusses in den jeweiligen Deichverbänden vertreten sei, gebe es einen guten Informationsstand.

Der jüngste und größte Deich

Der jüngste Deichbau liegt mittlerweile rund vier Jahrzehnte zurück. Als Folge der großen Überschwemmung 1976 wurde 1977 der Bau des vorgeschobenen Deichs beschlossen.

Das 7,45 Meter hohe Bollwerk von der deutsch-dänischen Grenze bei Rodenäs (Rodenæs) im Süden bis Emmerleff-Kliff (Emmerlev-Klev) im Norden mit der Wiedauschleuse als zentrales Element wurde in der Zeitspanne von 1979 bis 1981 gebaut. Die Wiedauschleuse sorgt dafür, dass Wasser aus der Wiedau ins Wattenmeer ablaufen kann. Gleichzeitig verhindert sie, dass Wasser aus dem Wattenmeer ins Binnenland drängt.

Das Meer gibt keinen Anlass zur akuten Besorgnis

Direktor Michael Holst während der kürzlichen grenzüberschreitenden Übung

Bei Holst löst das Nordseewasser gegenwärtig keine Sorgenfalten aus. „Ich denke mir, der vorgeschobene Deich ist in einer solchen Verfassung, dass er richtig, richtig viel Wasser verkraften kann, bevor etwas passiert“, sagt der kommunale Direktor.

„Ich bin eigentlich mehr wegen des Wassers aus dem Hinterland besorgt. Mit dem Regenwetter, das du heute mitbringst, muss richtig viel Wasser wegtransportiert werden. Der einzige Weg führt durch die Wiedauschleuse“, erläutert der Direktor an einem regnerischen Vormittag bei dem Interviewtermin in seinem Büro.

Das Wiedausystem entwässert rund 100.000 Hektar und das Wasser kommt nicht nur aus der Kommune Tondern, sondern auch aus den Kommunen Apenrade (Aabenraa) und Sonderburg (Sønderborg).

So läuft es bei der Schleuse

Das Hinterland, aus dem das Wasser Kurs auf die Wiedauschleuse nimmt, ist hellblau markiert.

„Das Wasser rotiert mit den Gezeiten zweimal am Tag und nach jeweils etwa sechseinhalb Stunden haben wir Ebbe. Die Wiedauschleuse ist bei Niedrigwasser im Wattenmeer geöffnet. Bei Hochwasser ist die Wiedauschleuse geschlossen. Wenn die Schleuse geschlossen ist, kann das Wasser aus dem Hinterland nicht hinauskommen“, erläutert Holst.

„Dann staut es sich. In dem Zusammenhang spielen die Binnendeiche und die Wasserreservoirs eine Rolle. Dort wird es gelagert, bis sich die Schleusentore wieder öffnen.“

Unmengen an Wasser

„Es handelt sich um wahnsinnig viel Wasser, wenn es viel geregnet hat, der Boden gesättigt ist und es weitere anhaltende Niederschlagsmengen gibt“, so Holst. Dann müssten in der niedrig liegenden Marsch mehr Stellen gefunden werden, um das Wasser zwischenzulagern.

Ein Zwischenlager sei der Salzwassersee und im Seiersbeker Koog werde ein Vernässungsprojekt angestrebt. Im nördlichen Teil des Margrethenkoogs plant der Staat mit einem Naturvorhaben auch einen Wasserspeicher bei hohem Wasserstand in der Wiedau.

Weitere Vorhaben könnten Bestandteil des grünen Dreierabkommens (Grøn Trepart) – der Verhandlungen zwischen Politik, Umweltverbänden und Landwirtschaft – werden. Es biete sich an, klug zu denken und Niederungen, die aus der Produktion gezogen werden, in Fällen, in denen es machbar sei, mit regenerativen Maßnahmen zu kombinieren, so Holst.

Hochwasser in der Wiedau von der alten Hoyerschleuse aus gesehen

Der Reisbyer Deich im Fokus

Mit Blick auf die Deichsicherheit sei der Reisbyer Deich wohl am anfälligsten, so der Direktor.

Dieser ist gegenwärtig auch beim Küstendirektorat im Fokus. Der 13 Kilometer lange Reisbyer Deich gehört zu den Deichen, die die Behörde auf ihre Stabilität hin überprüft. Der landesweite Vorstoß konzentriert sich auf 300 Kilometer der insgesamt 1.200 Kilometer Deiche in Dänemark.

„Die Deichverbände sind eine fantastische Konstruktion. Sie haben stets den Finger am Puls. Die Deichverbände sind für die Aufsicht und die Instandhaltung zuständig und fordern von den Menschen mit Landbesitz Deichsteuern ein“, so Holst.

Die Finanzierung der Deichverstärkungen

Die Deiche sind mit gelben Punkten markiert.

Die Deichsteuern werden in die anteilige Finanzierung der Renovierung der Deiche investiert. Dabei gibt es die Möglichkeit, bis zu 80 Prozent der Kosten staatliche Mittel zu beantragen; die Kommune Tondern bringt sich ebenfalls finanziell ein.

Einen konkreten Verteilungsschlüssel wie zu den Zeiten des früheren Amtes Nordschleswig gibt es seither nicht. Zumindest ist er nicht schriftlich fixiert. Damals zahlte die Kommune ein Sechstel, das Amt zwei Sechstel und der Staat drei Sechstel.

Gängige Praxis bei den Instandsetzungen des Havnebyers Deich und des Juvre Deichs auf Röm vor zwei Jahren war, dass der Staat fünf Sechstel trug und die Kommune und der Deichverband gemeinsam für das letzte Sechstel aufkamen. Der Staat trug 80 Prozent der Kosten, und der Deichverband zahlte zehn Prozent des kommunalen Anteils.

Noch keine Marschroute für den Ballumer Deich

Wie das Geld für die Verstärkung des Deichs bei Ballum-Astrup zusammenkommen soll, ist noch in der Schwebe. Der Staat stellte Ende 2023 bei veranschlagten Gesamtkosten von 58 Millionen Kronen für dieses Projekt 26,7 Millionen Kronen zur Verfügung. Der Deichverband und die Kommune Tondern hatten aber Geld entsprechend dem auf Röm praktizierten Verteilungsschlüssel vorgemerkt und waren von einem staatlichen Anteil von 80 Prozent ausgegangen.

„Die Sachlage ist bisher nicht geklärt. Wir arbeiten mit mehreren Modellen und werden uns in Kürze mit dem Deichverband kurzschließen“, erläutert der Vorsitzende des kommunalen technischen Ausschusses, Pouk Erik Kjær (Venstre). Er berichtet, dass es bei der staatlichen Mitfinanzierung eine Frist von fünf Jahren gibt, um das Vorhaben umzusetzen.

„Was die Deichsicherheit anbelangt, fühle ich mich im Namen der Kommune Tondern sicher. Wenn wir die weitsichtige Brille aufsetzen, ist es aber die Frage, ob die gegenwärtige Spitzenform auch den Ansprüchen in 20, 30 oder 50 Jahren gerecht werden“, so Holst.

Poul Erik Kjær beim ersten Spatenstich für Juvre Engsø im Frühjahr 2022 auf Röm im Zusammenhang mit der Deichverstärkung.

Durch die Ereignisse an der Ostküste erwartet er, dass es künftig mehr Nachfrage für den Topf für Deichsicherheit geben wird.

Ein Jahrtausend-Ereignis

Vor etwa einem Monat poppte die Insel Röm in einer neuen Erfassung des Küstendirektorates mit überschwemmungsbedrohten Gebieten durch ein Jahrtausend-Ereignis rot auf. „Diese Ausweisung können wir nicht im Alleingang stemmen. Wir hoffen, dass in diesem Kontext Geld mit folgt“, so Holst.

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