Kommentar

„Warum es keine ‚Frauen- und Männerabteilungen‘ mehr braucht“

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Harry Styles posiert im Kleid auf dem Cover der „Vogue“, Benson Boone performt bei den Grammys im Glitzer-Jumpsuit. Was haben beide gemeinsam? Uwe X oder Berta Y, die in den sozialen Medien zu wissen scheinen: Das sind keine echten Männer mehr! Praktikantin Carlotta Hofmann ist da anderer Meinung.

Für mich steht fest: Mode ist mehr als nur eine hübsche Verpackung. Aber es muss auch nicht immer jedes Outfit ein Statement sein. Warum wird also jede männlich gelesene Person, die sich modisch aus der gesellschaftlichen Komfortzone traut, ständig zu einer Debatte gemacht?

Früher war alles besser …?

Ein gern gesehenes Argument, wenn es um Geschlechterrollen geht: Früher, als noch „Wert auf Tradition“ gelegt wurde, da waren Männer noch Männer und Frauen noch Frauen! Und ja, wenn man sich auf Zeiten wie die 1920er-Jahre konzentriert, sah man die Männer gern in Hosen und Anzügen und Frauen mit Kleidern und Perlenketten.

Aber Mode gab es auch davor schon, und Überraschung: Männer in „Frauenklamotten“ gab es auch schon immer. Während der Renaissance war es z.B. gang und gäbe als Mann Strumpfhosen zu tragen, um seinen Körperbau zu betonen. Zur Barockzeit waren wiederum Seidenstrümpfe in Kombination mit Rockhosen und Schuhen mit Absatz bei Männern der letzte Schrei.

Die Geschichte beweist also: Röcke und Strumpfhosen sind und waren nie „Frauensachen“, wo genau liegt also das Problem, wenn Nils zum Fasching das Prinzessin-Kleid anziehen will? Früher haben die Männer das doch auch gemacht!

Shoppen ohne Zwang: ein Traum für JederMann

Heutzutage interessiert es beinahe niemanden mehr, wenn ich als weiblich gelesene Person in Jeans und T-Shirt über die Straße gehe. Selbst wenn ich meine Bluse mit einer Krawatte kombiniere, dreht sich kaum noch jemand nach mir um. Die Pullis aus der „Herrenabteilung“ passen mir prima, ob auf dem Papierschnipsel, den ich vor dem Waschen eh abschneide, dann „Menswear“ steht, interessiert letztendlich niemanden. Die Idee von „Männer- und Frauenabteilungen“ macht in meinem Kopf ungefähr so viel Sinn, wie die Teebeutel neben dem Bier zum Verkauf anzubieten „weil trinken tut man ja beides."

Lasst uns doch mal etwas Neues versuchen, und Klamottenläden nach Farben oder Silhouetten sortieren, schließlich gibt es auch Frauen mit breiten Schultern und Männer mit schmaler Taille. Und alle, die sich weder als das eine noch als das andere sehen, erleichtert es das Einkaufen sicherlich sowieso.

Mode verändert sich, und die Welt dreht sich weiter

Letztendlich füllt Harry Styles Stadien und Benson Boone gibt Auftritte bei den Grammys, und das trotz (oder gerade wegen?) Kleid und Glitzer-Jumpsuit. Mode ist mehr als nur Deko, in den meisten Fällen sind Outfits aber doch nur hübsche Stofffetzen.

Geschlechterrollen sollten in der Mode nicht mehr so viel Raum einnehmen, wie sie es gerade noch tun. In erster Linie sollte Mode Spaß machen. Und hoffentlich gibt es die eine oder andere junge Seele, die sich durch "Vogue"-Cover und Schauspielerin Zendaya im Anzug aus der „Herrenkollektion“ motiviert und bestätigt fühlen.

Und zugegeben: Das Ausbrechen aus der „gesellschaftlichen Norm“ ist in großen Städten wohl leichter als in kleinen Gemeinden im ländlichen Raum, aber bei einer Sache bin ich mir ganz sicher: wenn du dich doch mal an das Kleid oder die Krawatte in deinem Schrank ran traust, wird sich die Welt weiterdrehen, auch in Nordschleswig.