Gastkommentar

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wirklich?“

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Büchereidirektorin Claudia Knauer zeigt in ihrem Kommentar am Beispiel von Krankentagen in Deutschland und Dänemark auf, dass Vertrauen ein besseres Prinzip ist als Kontrolle.

Lenin wird die Aussage zugeschrieben: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Im Dänischen sind Führungskräfte eher versucht zu sagen: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist billiger.

Die wissenschaftlichen Arbeiten von Professor Gert Tinggaard Svendsen, Uni Aarhus, zeigen, dass Däninnen und Dänen Weltmeister im Vertrauen-in-andere-Menschen-haben sind. Die Zahlen von 2012, nach denen gut 78 Prozent ihren Nächsten trauen, sind sicherlich mittlerweile auch zurückgegangen, schließlich ist Dänemark auch nicht das Land, in dem Milch und Honig fließen – und das wäre auch ganz schön klebrig. Aber die Grundpointe bleibt: Trau doch erst einmal deinem Nachbarn, deiner Klassenkameradin, deinen Mitarbeitenden.

Auch im Dänischen hat die Bürokratie, die immer mehr Dokumentation, ob im Kindergarten oder bei der Heimpflege, verlangt, Ausmaße angenommen, die dem täglichen Ablauf nicht dienlich sind. Aber in anderen Ländern, zum Beispiel dem gerade südlich der Grenze, herrscht offenbar die Grundeinstellung: Arbeitslose betrügen, Mitarbeitende schummeln oder wer krank ist, simuliert. Das ist schade und das kostet Geld. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, wenn Ärzte und Ärztinnen die Arbeitsunfähigkeit immer bescheinigen müssen.

In Dänemark meldet sich der Mitarbeitende krank und kommt wieder, wenn er oder sie gesund ist. Hat der Arbeitgebende Zweifel, weil die Krankheitstage immer auf einen Freitag oder Montag fallen, kann er oder sie einen Nachweis von ärztlicher Seite verlangen – und muss dann auch dafür bezahlen. Dabei waren Däninnen und Dänen im vergangenen Jahr im Durchschnitt zwischen 8,5 und 11 Tage krank, je nach Beruf. In Deutschland waren es knapp 18 Tage. In einem Land wird kontrolliert, im anderen nicht. Nicht Kontrolle, sondern Vertrauen führt möglicherweise zu weniger Krankentagen. Das ist bedenkenswert.

Vertrauen ist ein hohes Gut und Politiker/innen verspielen es leicht. Das bedeutet nicht blindes Vertrauen in alle und alles, offene Türen in der Wohnung oder Autos mit Schlüssel drin auf dem Parkplatz. Aber es bedeutet, doch erst einmal anzunehmen, dass die Menschen in der Regel arbeiten wollen, es ordentlich machen und ansonsten in Ruhe gelassen werden wollen. Gar kein so schlechtes Prinzip.

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