Leitartikel

„Männer sind auf dieser Welt viel zu oft entsetzlich“

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Mansplaining, Catcalling, Misogynie: Wer denkt, dass toxische Männlichkeit ein Problem von gestern ist, irrt, meint Journalist Gerrit Hencke. Die Lösung muss von den Männern kommen, sagen Fachleute. Doch auch selbst kann Mann einiges tun.

Herbert Grönemeyer sang einst, Männer seien auf dieser Welt einfach unersetzlich. Der in Teilen satirische Song aus dem Jahr 1984 ist aktueller denn je. Denn immer häufiger gewinne ich den Eindruck: Männer sind auf dieser Welt viel zu oft entsetzlich.

Männer sind es, die Frauen angaffen, ihnen abends hinterherlaufen oder dumme Sprüche drücken. „Man hat so eine Grundangst“, erzählen Ida Grube und Ida Sell dem „Nordschleswiger“ über ihre Erfahrungen im Apenrader und Flensburger Nachtleben und dass sie bestimmte Orte meiden.

„Catcalling“ heißen die übergriffigen, sexuell aufgeladenen Bemerkungen im öffentlichen Raum. Das passiert bei Weitem nicht nur abends und nachts. Immer wieder bekomme ich mit, dass Frauen oft nicht einmal in Ruhe eine Runde joggen gehen können, ohne diese Erfahrungen zu machen. Und nein, die Kleidung ist nicht das Problem.

Männer sind es, die in sozialen Medien über Körper von Frauen urteilen, selbst aber die größte Bierplauze vor sich herschieben und kaum noch Haare auf dem Kopf haben.

Sie kommentieren auch die Arbeit von Frauen im Handwerk oder ihre Leistung beim Sport. Nie kann es richtig sein, was die Dachdeckerin tut, wie die Sportlerin Rad fährt oder Fußball spielt. Mansplaining nennt man das – ungefragtes, besserwisserisches erklären oder verbessern.

„Frauen“ – das verbotene Wort

Männer fühlen sich von starken Frauen bedroht. Wohl auch US-Präsident Donald Trump. Der ließ zu Beginn seiner Amtszeit eine umfassende Liste an Wörtern erstellen, die in den US-Behörden nicht mehr erwünscht sind und aus der Kommunikation gestrichen werden sollen. Darunter etwa Wörter wie „Vielfalt“, „Gleichheit“ und „Sexualität“, aber auch „Feminismus“ und „Frauen“.

Wir haben 2025. What the fuck?!

Und Männer sind es meist auch, die Frauen töten. Weil ihr gekränktes Ego es nicht erträgt, wenn sich Frauen trennen, neue Partner haben oder einfach selbstbestimmt leben möchten. In Deutschland wird fast täglich eine Frau getötet. Dänemark liegt weit über dem EU-Durchschnitt, wenn es um Femizide und häusliche Gewalt geht. Bei jedem fünften Tötungsdelikt ist hierzulande die Partnerin das Opfer.

Traditionelles Männerbild

Toxische Männlichkeit zieht sich auch durch andere Bereiche der Gesellschaft. Es ist wohl unter anderem die Suche nach „wahrer Männlichkeit“, die gerade in Deutschland dafür verantwortlich ist, dass der Rechtsextremismus erstarkt. Die autoritäre Rechte beklagt laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) einen vermeintlichen Niedergang klassischer Männlichkeitsvorstellungen. Weiße Männer als Opfer von Frauen- und Gleichstellungspolitik. So wird von vielen neuen Rechten ein patriarchal-paternalistischer Männertyp glorifiziert. Der Mann als Versorger der Familie, Beschützer der schwachen Frau und Verteidiger der Heimat.

In den sozialen Medien gehen den Weg auch Frauen mit, die sich bewusst als „Trad Wifes“ inszenieren, also als Hausfrau und Mutter mit Fokus auf die Befürnisse ihres Partners. Das traditionelle Rollenbild eben. Hier werden in einigen Fällen auch Verbindungen ins rechte Milieu vermutet.

Es ist aber kein Phänomen der neuen Rechten allein. Es trifft die junge Generation generell. Das zeigen nicht nur Serien wie „Adolescence“, in der es um zunehmende Misogynie (Frauenhass) und toxische Männlichkeit geht oder die dänische Serie „Reservatet“, die soziale Machtverhältnisse thematisiert.

Diese Form der Männlichkeit findet sich immer auch im Straßenverkehr wieder. Denn es sind meist Männer, die aggressives Verhalten an den Tag legen. Sie drängeln, schneiden, hupen und sind ungeduldig. Sie geben noch mal bewusst extra viel Gas, wenn sie mich auf dem Fahrrad endlich überholen können. Vielleicht ist Radfahren zu unmännlich, zu schwach, zu grün, zu schwul? Es geht darum, Macht zu zeigen. Der Straßenverkehr gilt mithin ja als Spiegelbild der Gesellschaft. Es würde ins Narrativ passen.

Männer müssen Lösungen liefern

Ja, es sind nicht alle Männer – aber fast immer. Das habe ich auch schon so gesagt – vielleicht um zu verteidigen, dass ich auch ein Mann bin. Aber diese automatische Abwehrstrategie ist eine Standardreaktion, die nicht dabei hilft, eine gerechte und gleichgestellte Gesellschaft zu erreichen. Denn die haben wir noch lange nicht.

Männern muss klar werden, dass sie das Problem sind und sie selbst Lösungen liefern müssen, um Veränderungen zu erreichen. Das sagt zumindest der Männerforscher Christoph May. Er stellt fest, dass Männer, weil sie nur unter Männern sind, und in den meisten Fällen nur männliche Dinge konsumieren, nicht die geringste Erfahrung mit weiblichen und queeren Lebensrealitäten haben.

Wer männlich ist, bis hierhin gelesen hat und meint, kein Teil des Problems zu sein, für den habe ich einen Tipp: bleib informiert. Konsumiere die Angebote, die auf das Problem und die Perspektive von Frauen oder Minderheiten aufmerksam machen. Sonst wird Mann irgendwann der reaktionäre, mittelalte Typ, der mit 30 aufgehört hat, den Diskurs zu verfolgen. Der Typ, der kein Verständnis für die Stimmen seiner Tochtergeneration hat, die auf Missstände aufmerksam macht.

Schon früher waren Männer auch mal „woke“, weil sie etwa ihre Ehepartnerin nicht vergewaltigten oder ihnen das Arbeiten erlaubten. Wenn heute einige von ihnen sagen: „Queer? Jetzt ist auch mal gut!“, dann sind sie da hängen geblieben, wo sie noch die Aufgeklärten waren.

Schon im Kindergarten sensibilisieren

Die Aufklärung muss für Männerforscher May daher bereits im Kindesalter beginnen. Er fordert kritische und toxische Männlichkeit als Pflichtfach schon in der frühkindlichen Bildung. Er plädiert auch für das Männerlimit anstatt der Frauenquote, damit sich Männer endlich angesprochen fühlen.

Vielleicht lässt sich dann irgendwann die Frage beantworten: „Wann ist ein Mann ein Mann?“