Gastkommentar

„Kultur kann nicht, Kultur muss“

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Büchereidirektorin Claudia Knauer ist der Meinung, dass Kultur und die Ausgaben dafür notwendig für einen funktionierenden Staat, für gelingende Gemeinschaften und ein vollständiges Menschsein sind.

Zugegeben: Ich bin voreingenommen, neudeutsch: Ich habe einen Bias. Meine Wahrnehmung ist womöglich verzerrt, weil ich im Kulturbereich tätig bin. Aber das hält mich nicht davon ab, Kultur und die Ausgaben dafür als notwendig für einen funktionierenden Staat, für gelingende Gemeinschaften und ein vollständiges Menschsein zu erachten.

Mir ist sehr klar, dass nicht alle, vor allem nicht Politikerinnen und Politiker mit Haushaltsverantwortung, diese Ansicht teilen. Kultur, ob nun Bücherei, Theater, Musik – klassische wie auch andere – oder auch im weitesten Sinne Bildung, wird als Sparbüchse der jeweiligen Nation betrachtet. Die Wissenschaft, vor allem wenn es um Grundlagenforschung geht, leidet ein ähnliches Schicksal. Heutzutage wird alles durchgängig betriebswirtschaftlich gesehen. Wenn eine Krone oder ein Euro hineingesteckt wird, müssen am liebsten sofort zwei, drei oder lieber noch fünf Kronen/Euro herauskommen.

Zwar gibt es seriöse Berechnungen, dass Investitionen in Kultur sich rechnen, weil zum Beispiel Bücher in Druckereien erstellt und dann transportiert werden. Weil gerade kleine Menschen durch das Ausleihen von Büchern ihre Lesefertigkeiten verbessern, bessere Schulnoten bekommen, einen besser bezahlten Job finden und dann auch mehr Steuern zahlen – aber das dauert den allgegenwärtigen und offenbar allmächtigen Betriebswirten zu lange. Der Ertrag muss umgehend zu sehen sein.

Dass schöpferisches Denken, Fantasie, Neugierde und die Fähigkeit, ausgetretene Pfade zu verlassen, durch Kultur, ob lesend, sehend oder hörend, befördert werden und damit helfen kann und wird, die Probleme unserer Welt zu lösen, wird gerne übersehen. Kultur ist Privatsache. Wer mag, soll sie sich leisten. Für alle anderen spielt sie keine Rolle.

Den Eindruck zumindest gewinnt man, wenn man sich zum Beispiel den Wahl-O-Mat zur deutschen Bundestagswahl am 23. Februar anschaut. Kultur findet dort gar nicht statt – anders als (zugegeben, sehr andere Ebene, aber trotzdem) bei der Schleswigschen Partei, die der Kultur viele Zeilen widmet.

In der Landesregierung in Berlin wird unter Schwarz-Rot die Kultur derart beschnitten, dass in vielen Bereichen viele Existenzen gefährdet sind – währenddessen gibt Hamburg mehr aus. Dort sind für 25/26 sogar elf Prozent mehr vorgesehen.

Das ist der richtige Weg – Kultur ist weit zu fassen, auch Medien gehören dazu. Theater, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Bibliotheken, um in der Welt der Fake-News für Fakten zu sorgen. Musik, weil Töne Menschen verändern können.

Kultur ist keine Kann-, sondern eine Muss-Leistung.

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