Leitartikel

„Fall Popp stürzt SP in tiefe Krise“

Veröffentlicht Geändert
Jørgen Popp Petersens politische Karriere steht auf dem Spiel, nachdem Behörden ihn achtmal wegen der Verhältnisse auf seinem Hof angezeigt haben (Archivfoto).

Schock bei der Schleswigschen Partei: Warum Verhältnisse auf dem Hof von Jørgen Popp Petersen dazu führen könnten, dass er nach der Wahl nicht mehr Bürgermeister sein wird. Chefredakteur Gwyn Nissen gibt Antworten.

Es war eine Sensation, als sich Jørgen Popp Petersen vor vier Jahren in Tondern auf den Bürgermeisterstuhl setzen konnte. Zum ersten Mal in neuerer Zeit besetzte die Schleswigsche Partei (SP) – die Partei der deutschen Minderheit in Nordschleswig – das höchste Amt in einer Kommune. Genauso groß war die Überraschung, als der dänische TV-Sender „TV2“ Freitag vermelden konnte, dass gegen den Spitzenmann der Schleswigschen Partei acht Anzeigen vorliegen wegen verschiedener Verhältnisse und Mängel in seinem Schweinebetrieb.

Jørgen Popp Petersen ist in Tondern ein beliebter Bürgermeister. Bürgernah, offen, sympathisch, pragmatisch, dänisch-, synnejysk- und deutschsprechend. Popp ist ein echtes Kind des Grenzlandes und das Aushängeschild der deutschen Minderheit schlechthin: „Wir sind Bürgermeister“.

Ruhe im dysfunktionalen Kommunalrat

Als Bürgermeister hat er außerdem wieder Ruhe in die politische Arbeit gebracht. Der Kommunalrat in Tondern war dysfunktional, geprägt von Streitereien, Uneinigkeit und mangelnder Zusammenarbeit. Das war auch der Grund, weshalb sich 2021 eine breite Mehrheit an Parteien hinter Jørgen Popp Petersen stellte.

Sein größtes Kapital ist dabei seine Vertrauenswürdigkeit gewesen. Jørgen Popp Petersen ist immer noch Jørgen Popp Petersen, so wie ihn die Menschen kennen. Aber das Vertrauen in ihn hat mit dem Fall auf seinem Hof gelitten.

Die Schleswigsche Partei in Tondern stand vor einer Rekordwahl: Der Bürgermeistereffekt, Popps Persönlichkeit und sein schlichtes Auftreten, eine starke Liste und der Fakt, dass es nicht wirklich politische Alternativen zu Jørgen Popp Petersen gibt, deuteten bis Freitag noch auf einen Wahlsieg hin – ja, vielleicht sogar auf einen Wahltriumph.

Vertrauen verspielt

Spätestens am 18. November werden wir wissen, wie viel Vertrauen er bei den Wählerinnen und Wählern verspielt hat – auch in einer Landwirtschaftskommune, in der Massentierhaltung gang und gäbe ist und man weiß, dass Schweinezucht alles andere als schön und idyllisch ist.

Als vor einigen Jahren gegen Popp Anzeige erstattet wurde, weil er bewusst und provokativ gegen die Randzonen-Regeln protestierte (und die Randzonen pflügte), war es noch eine Heldentat. Das sind leidende Tiere – auch wenn es über die Jahre Einzelfälle sind – nicht.

Doch auch wenn er bei einem einigermaßen vernünftigen Wahlergebnis in den Kommunalrat ziehen wird – das Vertrauen seiner politischen Kolleginnen und Kollegen wird sicherlich noch mehr darunter gelitten haben. Das hörte man Freitag schon aus den ersten Kommentaren heraus – und spätestens in der Wahlnacht könnte es ihn und der SP den Bürgermeisterposten kosten.

Fall und Fragen sind noch offen

Jørgen Popp Petersen ist weder bezichtigt noch angeklagt, geschweige denn verurteilt, sondern zum jetzigen Zeitpunkt hat die Nahrungsmittelbehörde „lediglich” Anzeige erstattet.

Die Staatsanwaltschaft – die sich bisher sehr viel Zeit genommen hat: Die ersten Fälle wurden 2019 bekannt, die letzten 2024 – muss entscheiden, ob es für einen Gerichtsfall reicht oder ein Bußgeld erteilt werden soll. Wobei Jørgen Popp Petersen einige Anzeigen grundsätzlich infrage gestellt hat. Es steht also noch vieles offen, und solange gilt er in unserem Rechtsstaat als unschuldig.

Nur, das hilft Jørgen Popp Petersen zu diesem Zeitpunkt – zwei Monate vor der Kommunalwahl – nicht. Zum einen gibt es Videos und Bilder von seinem Betrieb, und außerdem hat er – und das zeigt eben auch seine Persönlichkeit – sich nicht versteckt, sondern hat sich vor die Kameras und Mikros gestellt und Fehler sowie Verantwortung eingeräumt. Vielleicht aber zu spät – nämlich erst nachdem „TV2“ die Verhältnisse entlarvt hat.

Rütteln am Bürgermeisterstuhl

„Ich habe volles Vertrauen, dass er als Mensch derselbe ist wie früher“, sagt Christian Andresen, SP-Vorsitzender in Tondern. Das mag sicherlich richtig sein, aber durch die Vorfälle in seinem Stall machen sich Leute auch ein anderes Bild von ihm – auch wenn Popp beteuert, dass ihm die ganze Sache leid tue.

Er hat die persönliche Konsequenz gezogen, dass er nun seinen Landwirtschaftsbetrieb nach 37 Jahren aufgibt, doch einigen (politischen Gegnerinnen und Gegnern) wird dies nicht reichen.

Der Fall ist mehr als nur ein Kratzer an seinem Image. Es kann auch zum Fall des Bürgermeisters werden, denn niemand steht über dem Gesetz. Und in den kommenden Tagen wird von allen Seiten an seinem Bürgermeisterstuhl gerüttelt.

Die Frage ist, wie fest Jørgen Popp Petersen sitzt. Von der Schleswigschen Partei ist zu erwarten, dass sie ihm Rückendeckung gibt, wenn man sich am Sonntagvormittag trifft. Aber der Druck von außen kann auch zu groß werden, wenn einem das Vertrauen entzogen wird.

Eines steht fest: Jørgen Popp Petersen und die Schleswigsche Partei stehen mitten in ihrer größten Krise – und suchen einen Weg raus.