Kommentar

„Erinnern reicht nicht – es braucht Aufklärung“

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Erinnern allein genügt nicht. Moritz Schramm macht mit seinem Vortrag bei der Tonderner Kirchengemeinde im Rahmen der Kulturtage deutlich, dass Aufklärung dort beginnt, wo Geschichte verstanden und in Zusammenhänge gesetzt wird. Ein Kommentar von Anna-Lena Holm.

Die Deutschen haben seit Jahrzehnten eine vorbildliche Erinnerungskultur? Von wegen!
Der Holocaust-Überlebende Joseph Wulf war der Erste, der in der Villa am Wannsee, dem Ort der Konferenz vom 20. Januar 1942, ein Institut zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgen gründen wollte.
Doch er stieß auf mächtigen Widerstand – und nahm sich 1974 das Leben.

Ein unbequemer Blick zurück

Eine Tatsache, die viele vielleicht nicht kennen – und die zeigt, wo die Nachkriegsgesellschaft damals stand: Nach einer kurzen Phase, in der das ganze Ausmaß der Verbrechen ans Licht kam, wollte die deutsche Bevölkerung von Schuld und Mitschuld nichts mehr wissen. Zu aufwendig das Aufarbeiten, zu mühsam das Hinsehen, zu unbequem das Ziehen von Konsequenzen.

Moritz Schramm versteht es, anhand solcher historischen Ereignisse gesellschaftliche Entwicklungen begreifbar zu machen. Denn: Die deutsche Aufarbeitungskultur erlebte erst dann einen Aufschwung, als die Verantwortlichen längst nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden konnten – der Weg des geringsten Widerstands.

Am Sonntagabend hielt der Lektor an der Süddänischen Universität (SDU) in Odense einen Vortrag zur Rolle Deutschlands in Europa. Eingeladen hatte der deutsche Gemeindeteil der Kirchengemeinde in Tondern.

Zusammenhänge erkennen und Aha-Momente

Anschaulich machte er deutlich, welche gesellschaftlichen Entwicklungen ihren Ursprung worin nahmen, und hob Zusammenhänge hervor, die unter anderem zeigten: Die AfD fand ihre Anfänge, als Angela Merkel ihre Partei zur politischen Mitte hin öffnen und aus der rechtskonservativen Ecke holen musste, um sie in einer sich verändernden Gesellschaft als Volkspartei überlebensfähig zu halten.

Schramm führte die Zuhörenden innerhalb einer Stunde entlang eines roten Fadens durch die gesellschaftlich-politischen Entwicklungen Deutschlands – und das in einer so greifbaren Sprache, mit gelegentlichen dänischen Erläuterungen, dass selbst jene mit eher schwachen Deutschkenntnissen dem Vortrag gut folgen konnten.

Solche Vorträge sind vor allem deswegen so wichtig, weil Erinnern oft nicht ausreicht – Menschen müssen verstehen, um Wiederholungen zu erkennen und zu verhindern.

Das betrifft auch uns in Nordschleswig, denn die deutsche Geschichte ist untrennbar mit der Geschichte der Minderheit verbunden.

Dieser Link führt zum Artikel der Lokalredaktion Tondern über die Veranstaltung.