Gesellschaft

Retter Europas? „Deutschland muss sich erst selbst retten“

Veröffentlicht Geändert
Der Vortrag im Rahmen der Kulturtage lockte knapp 60 Personen ins Brorsonhaus.

Krieg, Frieden, Vergangenheit und eine neue Weltordnung: Der Publizist und Hochschuldozent Moritz Schramm sprach beim Kulturtage-Vortrag des deutschen Gemeindeteils in Tondern über Deutschlands Rolle in Europa – und über die Voraussetzungen, die es braucht, um dieser gerecht zu werden. Auch dänische Perspektiven kamen zur Sprache.

Wie soll und wie kann Deutschland seiner internationalen Verantwortung in einer sich rasant wandelnden Welt gerecht werden? Dieser Frage widmete sich der Publizist und Hochschuldozent Moritz Schramm bei einem gut besuchten Vortragsabend im Brorsonhaus in Tondern. Fast 60 Interessierte hatten sich für die Veranstaltung im Rahmen der Tonderner Kulturtage angemeldet. Einige kamen sogar ohne Reservierung – und fanden dennoch einen Platz.

Eingeladen hatte der deutsche Gemeindeteil der Tonderner Kirchengemeinde. Der Vortrag stand unter dem Motto „Deutschland und die Zukunft Europas – eine neue Rolle in einer neuen Weltordnung?“. Dabei ging es nicht nur um politische Prozesse, sondern auch um historische Entwicklungen und kulturelle Selbstverständnisse.

Deutschland muss sich selbst retten

Ein Satz blieb besonders hängen: Deutschland muss sich erst selbst retten, bevor es Europa retten kann.“ Damit brachte Schramm seine zentrale These auf den Punkt. Angesichts eines maroden Infrastrukturnetzes, schleppender Digitalisierung, struktureller Probleme auf dem Arbeitsmarkt und außenpolitischer Unsicherheit sei es entscheidend, dass das Land zunächst seine eigenen Grundlagen stärke.

Schramm, geboren in West-Berlin und Dozent an der Süddänischen Universität, sieht in der geplanten Neuverschuldung der Bundesregierung einen notwendigen Schritt. Jahrzehntelang sei zu wenig investiert worden. „Wenn ich mit dem Zug nach Berlin fahre, rechne ich automatisch mit mehreren Stunden Verspätung – und will ich meiner Mutter von unterwegs die erwartete Ankunftszeit mitteilen, habe auf weiten Strecken kein Handynetz“, schilderte Schramm augenzwinkernd. Das Publikum lachte – doch der Referent ließ keinen Zweifel daran, dass dies eher ein Armutszeugnis als ein Anlass zur Belustigung sei.

Schramm hatte eine ziemlich aktuelle Wahlumfrage mitgebracht. Knapp 29 Prozent würden demnach AfD wählen, wenn jetzt zur Bundestagswahl aufgerufen werde.

Historische Konflikte als Schlüssel zum Verständnis

Um die gegenwärtige Lage Deutschlands zu verstehen, müsse man einen Blick in die Geschichte werfen, so Schramm. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit sei weniger geradlinig verlaufen, als oft behauptet werde. Die Nachkriegsgesellschaft sei stark konservativ geprägt gewesen. Viele Beamte und Lehrer hätten eine NS-Vergangenheit gehabt, und es habe lange gedauert, bis tatsächlich eine Art Erinnerungskultur entstehen konnte.

Als Beispiel nannte er die späte Umwandlung der Villa am Wannsee – ursprünglich Tatort der berüchtigten Wannsee-Konferenz – in eine Gedenk- und Bildungsstätte. Der Historiker Joseph Wulf, selbst Überlebender des Holocaust, habe sich gleich nach Kriegsende dafür eingesetzt, sei aber auf massiven Widerstand gestoßen. In den Medien, an deren Spitze häufig noch Alt-Nazis das Sagen hatte, wurden die Pläne Wulfs als Mahnmal der Schande diffamiert. 1974 nahm er sich das Leben. Erst Jahrzehnte später, als viele Täterinnen und Täter verstorben waren, wurde die Einrichtung verwirklicht. Das Tragische: Viele der Opfer waren zu dem Zeitpunkt ebenfalls gestorben.

Von Merkel bis Merz – politische Kurswechsel

Die Europahymne wurde von Ludwig von Beethoven komponiert. Der Text stammt von Friedrich Schiller. Zu finden ist das Lied auch im dänischen Hochschulgesangbuch unter der Nummer 192.

Auch die jüngere Geschichte und der Wandel der CDU unter Angela Merkel kamen zur Sprache. Sie habe die Partei in die Mitte geführt und den nationalkonservativen Flügel zurückgedrängt, was langfristig zur Entstehung der AfD beigetragen habe. „Der Ursprung der AfD liegt im rechten Lager der CDU“, so Schramm.

Im Gegensatz dazu gehe Dänemark anders mit rechten Bewegungen um: „Man hält sie nicht vollständig draußen, was verhindert hat, dass sie sich radikalisierten.“ Diese Einschätzung sorgte im deutsch-dänischen Publikum für zustimmendes Nicken – und auch für Nachfragen.

Offene Diskussion – zweisprachige Beteiligung

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion – auf Deutsch und Dänisch. Eine Frage aus dem Publikum galt dem hohen Zuspruch für rechtspopulistische Parteien in den neuen Bundesländern. Auch hier lieferte Schramm eine vielschichtige Antwort: Die fehlende Vergangenheitsbewältigung in der DDR, kombiniert mit Abwanderung, Altersstruktur und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, habe zu einer gefährlichen Mischung geführt. Auch die Integrationspolitik während der Flüchtlingskrise habe das verstärkt: Während Geflüchtete gezielte Unterstützung erhielten, fühlten sich viele Ostdeutsche erneut benachteiligt – der Nährboden für Unzufriedenheit und Abgrenzung, so Schramm.

Gelebtes Miteinander – musikalisch abgerundet

Moritz Schramm erläuterte dem Publikum auf anschauliche Weise die Herausforderungen, vor denen die Bundesrepublik Deutschland derzeit steht

Musikalisch wurde der Abend von zwei Liedern eingerahmt, die symbolisch für die deutsch-dänische Zusammenarbeit stehen: „Die Gedanken sind frei“ und die „Ode an die Freude“, beide auf Deutsch in dem dänischen Hochschulgesangbuch zu finden. Der frühere dänische Kirchengemeinderat Henrik Svane setzte sich spontan an das Klavier, um die Singenden zu begleiten – ein schönes Zeichen für das Miteinander in Tondern.

„Ein voller Erfolg“, resümierte Dirk Andresen, stellvertretender Vorsitzender des Gemeinderats und Vertreter des deutschen Gemeindeteils. Der Abend habe gezeigt, wie Kultur und politische Bildung Brücken schlagen.

Zu dieser Veranstaltung gibt es auch einen Kommentar von Journalistin Anna-Lena Holm.