Gastkommentar

„Du darfst mich gerne Idiotin nennen“

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Die aktuellen Entwicklungen erfordern es, die Meinungs- und Pressefreiheit weiterhin vehement zu verteidigen, meint Büchereidirektorin Claudia Knauer. Dabei fange die Vielfalt einer Gesellschaft bereits im Bücherregal an.

Wenn du mich Idiotin nennst, bin ich bestimmt nicht froh und vielleicht nenne ich dich Vollpfosten. Wenn du meinst, dass die bundesrepublikanische oder dänische Politik komplett verfehlt ist und das mit drastischen Worten ausdrückst, die sich nicht für den Abdruck in der Zeitung eignen, muss ich damit leben. Das mag mir nicht gefallen und möglicherweise bin ich komplett anderer Meinung, die ich idealerweise in ordentlichen Worten auch öffentlich teile. Damit musst du dann leben.

Was aber gar nicht geht, ist, andere Haltungen zu zensieren, Organisationen, die sich zivilgesellschaftlich betätigen, unlautere Absichten zu unterstellen und dann womöglich über Zuschüsse oder eben Nicht-Zuschüsse das Engagement zu unterbinden. Wir sehen derzeit in den USA in welch atemberaubender Geschwindigkeit demokratische Errungenschaften über Bord geworfen und mit Füßen getreten werden.

Wenn es beginnt, dass Politikerinnen und Politiker Bibliotheken aufsuchen, um mal zu schauen, ob die angebotene Literatur auch den eigenen, äußerst engen und gerne auch sehr nationalistischen Vorstellungen entspricht, dann müssen überall die Alarmglocken läuten. Vielfalt beginnt auch im Buchregal.

Wir haben in Dänemark wie in Deutschland ein Strafrecht, das Beleidigungen, Hetze und Verleumdungen ahndet. Aber bis dahin ist der Weg weit. Die Meinungs- und Pressefreiheit ist ein äußerst hohes Gut und unabdingbare Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.

Zur Meinungsfreiheit gehört übrigens auch die Satire – und die darf gerne wehtun. Auch wenn sie Grönland oder DR, den Islam oder die USA aufs Korn nimmt. Vor Gericht gehört sie nicht – auch nicht Jonathan Spang mit seinem jüngsten „Tæt på sandheden: Grønlands brune is“, wo es um DR und seine verfehlte Dokumentation „Grønlands hvide guld“ ging.

Wir sollten uns gerade jetzt den Voltaire zugeschriebenen, aber von Evelyn Beatrice Hall stammenden Satz „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen“ ins Gedächtnis rufen. Gerne auch öfter, denn die Zeiten – sie sind so, dass es dringend notwendig ist.

Redaktioneller Hinweis

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