Diese Woche In Kopenhagen

„Die Nordi-Verleihung für die dänische Politik 2024“

Veröffentlicht Geändert
Wer wird wohl in diesem Jahr die begehrte Statuette erhalten?

Es hat bereits Tradition: Zum Jahreswechsel verteilt „der Nordschleswiger“ Preise für die besten Leistungen in der dänischen Politik im vergangenen Jahr. In diesem Jahr gibt es Nordis in fünf Kategorien. Die Jury hat votiert, es ist Zeit, dass Conférencier Walter Turnowsky die Gewinnerinnen und Gewinner bekannt gibt:

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zu dem bereits traditionsreichen Preisfest, der Nordi-Verleihung, die wie immer auf Schloss Christiansborg stattfindet.

Die strenge Jury, bestehend aus der Kopenhagen-Redaktion des „Nordschleswigers“, also meiner Wenigkeit, hat die Nominierungen der Kandidatinnen und Kandidaten genau studiert, sie gegeneinander auf der exakt geeichten Politwaage abgewogen und ist zu einem einstimmigen Ergebnis gelangt.

Meine Damen und Herren, ich will Sie nicht weiter auf die Folter spannen, sondern Ihnen die Nominierten in der ersten Kategorie präsentieren:

„Die eleganteste Kehrtwende“

Pernille Vermund: Sie war Gründerin und Vorsitzende der rechten und nationalkonservativen Neuen Bürgerlichen. Politikerin auf Lebenszeit wollte sie nicht werden. Nachdem ihre Partei zerbröckelte, hat sie sich trotzdem nach einer neuen politischen Heimat umgesehen und diese bei Alex Vanopslaghs Liberalen Allianz gefunden. Als National-Konservative zu Bett gegangen und als Ultraliberale wieder aufgestanden: eine würdige Kandidatin.

Die Sozialdemokratie: Die alte Arbeiterpartei war eigentlich mal gegen die Monarchie – und gegen Orden erst recht. Doch der nordschleswigsche Abgeordnete Benny Engelbrecht hat seit geraumer Zeit dafür geworben, dass königliche Orden doch eigentlich recht schick seien. Und beim Thronwechsel im Januar ließ Staatsministerin Mette Frederiksen von ihrer ehemals republikanischen Gesinnung nichts mehr durchblicken und teilte stattdessen am 9. Januar mit, dass Mitglieder der Arbeiterpartei jetzt doch Orden annehmen dürfen. Im November bekam sie dann einen, nachdem sie mitgeteilt hatte, dass sie sich auch persönlich einen solchen umhängen würde. Engelbrecht bekam seinen im Dezember.

Die Dänische Volkspartei: Die rechte Partei hat – wie alle anderen auch – den Kampf der Ukraine ohne Wenn und Aber unterstützt. Doch Anfang Dezember sagte DF-Chef Morten Messerschmidt plötzlich in einem Interview mit „Jyllands-Posten“, die Ukraine müsse Gebiete an Russland abtreten. Ob ihm das seine rechten Freundinnen und Freunde in anderen EU-Ländern ins Ohr geflüstert haben, ist ungewiss.

Und die Gewinnerin ist … die Sozialdemokratie

Wir gehen unverzüglich weiter zu den Nominierten in der nächsten Kategorie:

„Die kurvenreichste Fahrt“

Lars Løkke Rasmussen: Der Parteichef und -gründer kurvt mit seinem Clown-Bus weiter in Richtung Umfragenkeller. Die Moderaten hatten sich bereits mit einer Reihe von peinlichen Fällen um die Bus-Bezeichnung verdient gemacht, als Ende August ein weiterer bekannt wurde. „BT“ berichtete, dass Mitarbeitende der Partei bei der Arbeitsmilieukontrolle über Mobbing und Sexismus geklagt hatten. Der Parteichef versuchte (vergebens) das Problem herunterzuspielen; der Abgeordnete Jeppe Søe verließ die Partei. Das Stehaufmännchen Lars Løkke Rasmussen wird auch diese Krise überleben. Anders könnte es bei einer (wahrscheinlichen) Wahlniederlage für die Moderaten für Tonderns Ex-Bürgermeister Henrik Frandsen aussehen.

Die SVM-Regierung: Die Bröckeltendenzen bei den Moderaten und Venstre hatten dazu geführt, dass die Koalition ihre eigene Mehrheit verloren hatte. Doch dann wechselte Anfang August der Abgeordnete Christian Friis Bach von Radikale Venstre zu Venstre und die Mehrheit war wieder intakt. Als Jeppe Søe dann (siehe oben) keinen Monat später seiner Partei den Rücken kehrte, war sie – also die Mehrheit – wieder futsch.

Martin Lidegaard: Im April kündigte der Vorsitzende von Radikale Venstre an, er habe aus linker und rechter Opposition eine Mehrheit gegen die Regierung zusammengezimmert. Es ging um mehr Transparenz in den Ministerien. Lidegaard hatte sich bei den parteilosen und nordatlantischen Abgeordneten jedoch ein wenig verzählt, und aus der geplanten Niederlage für die Regierung wurde nichts.

Und der Gewinner ist … Lars Løkke Rasmussen

Und damit wären wir bei den Nominierten in der dritten Kategorie:

„Die erfolgreichste politische Niederlage“

Troels Lund Poulsen und Morten Løkkegaard: Venstre hat bei den Europawahlen 14,7 Prozent der Stimmen bekommen, ein Rückgang von 8,8 Prozentpunkten. Parteichef Troels Lund Poulsen und Spitzenkandidat Morten Løkkegaard feierten es als Erfolg, denn sie hatten Schlimmeres befürchtet. Im kommenden Jahr kann Lund Poulsen dann mit etwas Glück die nicht so große Niederlage bei den Kommunalwahlen feiern.

Jeppe Bruus: Der Minister mit der Verantwortung für das grüne Drei-Parteien-Abkommen konnte im November stolz eine Vereinbarung mit einem breiten Kreis von Parteien präsentieren. Besonders stolz war er auf die ambitionierten Ziele zur Reduktion der Stickstoffbelastung. Allerdings wurde er in dieser Frage zu seinem Glück gezwungen – die Regierung hatte ein niedrigeres Ziel angestrebt. Erst als die selbsternannte „grüne Opposition“ bestehend aus der Sozialistische Volkspartei (SF), den Radikalen und den Konservativen hart auf hart setzte, musste Bruus nachgeben.

Die Neuen Bürgerlichen: Die Fraktion der Partei hat sich im April selbst aufgelöst. Seither hat sie niemand vermisst. Außerdem gibt es mit DF und den Dänemarkdemokraten immer noch zwei rechte Parteien im Folketing.

Und die Gewinner sind … Troels Lund Poulsen und Morten Løkkegaard

Und schon sind wir bei den Nominierten in der vierten Kategorie:

„Der unfreiwilligste Karrierewechsel“

Sophie Hæstorp Andersen: Als Kopenhagener Oberbürgermeisterin war die Sozialdemokratin glück- wie erfolglos. Da der Arbeiterpartei bei der Wahl im kommenden Jahr eine katastrophale Wahlniederlage drohte, hat Partei- und Regierungschefin Mette Frederiksen im August kurzerhand Hæstorp zur Sozialministerin ernannt – und die Mette-Freundin und bisherige Sozialministerin Pernille Rosenkrantz-Theil meldete sich als neue OB-Kandidatin.

Kasper Sand Kjær: Der sozialdemokratische Abgeordnete verließ zwar bereits 2023 das Folketing, doch damals hieß es noch: vollkommen freiwillig. Erst im September dieses Jahres wurde bekannt, dass es so ganz freiwillig nicht war. Da wurde er nämlich wegen Betrug vor den Kadi zitiert. Er hatte insgesamt 45.000 Kronen abgehoben und danach versucht, das Geld von der Bank zurückzubekommen, indem er sagte, seine Dankort sei ihm gestohlen worden.

Und die Gewinnerin ist … Sophie Hæstorp Andersen

Und damit wären wir bei den Nominierten für den Hauptpreis angekommen:

„Größter politischer Erfolg“

Stephanie Lose: Der Venstre-Vize, die aus Lügumkloster stammt, ist es gelungen, die grünen Drei-Parteien-Gespräche zum Abschluss zu bringen, ohne dass die Parteibasis oder die Landwirtschaft in Aufruhr geraten sind. Dabei zählen Ausdrücke wie „CO₂-Abgabe“ und „Stickstoff“ durchaus als Reizworte für die Mitglieder der Bauernpartei. Loses Zaubermittel: Die Subventionen für die Landwirtschaft steigen mit der Absprache von 11,7 Milliarden Kronen auf 16,4 Milliarden Kronen.

Pia Olsen Dyhr: Die SF-Politikerin hat sich selbst wiederholt als „Dänemarks langweiligste Parteichefin“ bezeichnet. Das Langweilig-sein ist mittlerweile ihr Erfolgsrezept geworden, denn wer seltener in den Schlagzeilen ist, kann von den negativen Überschriften der anderen profitieren. Die Volkssozialistin war bereits im vergangenen Jahr nominiert, weil ihr die enttäuschten sozialdemokratischen Wählerinnen und Wähler zuhauf zulaufen. Bei den Europawahlen wurde SF mit deutlichem Abstand zur Sozialdemokratie dann größte Partei. Zuletzt lag sie auch bei Umfragen für die Folketingswahl fast gleichauf mit der Arbeiterpartei.

Nicolai Wammen: Dem sozialdemokratischen Finanzminister ist es gelungen, eine Haushaltsabsprache ausschließlich mit den alten Freundinnen und Freunden von den Radikalen und SF einzugehen. Im vergangenen Jahr waren auch bürgerliche Parteien mit dabei. Der Haushalt ist somit für Wammens Partei kein schlechter Ausgangspunkt für die Wahl, die spätestens im Oktober 2026 kommen wird. Für die bürgerlichen Koalitionspartner von Venstre ist diese Haushaltskonstellation nicht ganz so gemütlich.

Und die Gewinnerin des Hauptpreises ist … Pia Olsen Dyhr.

Und somit, sehr geehrtes Publikum, bleibt mir nur, Ihnen einen guten Rutsch zu wünschen. Wir sehen uns im neuen Jahr wieder hier in der Kolumne „Diese Woche in Kopenhagen“.