Kommentar

„Baustelle Briefwahl: Zu viele Stimmen werden nicht gehört“

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Wahlberechtigte weltweit berichten: Sie können nicht an der Bundestagswahl 2025 teilnehmen. Das Problem? Die Briefwahlunterlagen kamen nicht pünktlich an. Praktikantin Carlotta Hofmann ist eine der Betroffenen. Sie versucht, ihre Frustration in einem Kommentar in Worte zu fassen.

Der 21. Deutsche Bundestag wird am 23. Februar gewählt, und ich werde dieses Jahr meine Stimme nicht abgeben können. Mein Verbrechen? Ich habe vor rund einem Jahr entschieden, dass ich ab Februar ein Auslandspraktikum in Dänemark absolvieren werde. Als ich damals diese Entscheidung getroffen habe, wusste noch niemand, dass genau in diesem Zeitraum die Bundestagswahl stattfinden würde. Aber kein Problem, es gibt ja schließlich die Briefwahl! Das dachte ich zumindest.

Als im Dezember klar wurde, dass die Bundestagswahl vorgezogen wird, war ich noch tiefenentspannt. Auch, als ich mich dann im Januar auf mein Praktikum vorbereitet und die Briefwahl beantragt habe, war ich noch guter Dinge. Als ich dann schon gut zwei Wochen in Dänemark war und immer noch kein Stimmzettel in meinem Briefkasten lag, wurde ich langsam nervös. Und als dann der 20. Februar vorbei war, ist mir klar geworden: Ich werde dieses Jahr nicht wählen können.

Damit bin ich kein Einzelfall: Immer mehr Stimmen von Menschen werden laut, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Und das auf der ganzen Welt. Wie viele Stimmen werden dieses Jahr keinen Einfluss auf die Zusammensetzung des Bundestags nehmen können, obwohl es ihnen zusteht?

Sicherlich teilen sich beim Thema Briefwahl, vor allem bei fest im Ausland lebenden Deutschen, die Meinungen. Während sich einige eindeutig für das Recht aussprechen, auch aus dem Ausland ihre Stimme abgeben zu dürfen, sind andere klar der Meinung: Wer nicht in Deutschland lebt, soll auch nicht in Deutschland wählen dürfen. Da sollen alle sich ihre ganz eigene Meinung bilden, Fakt ist und bleibt aber: Auch im Ausland haben wir das Recht zu wählen. Und solange der Antrag auf die Unterlagen fristgerecht eingereicht wurde, sollte das auch möglich sein.

Ohne Frage läuft die Bundestagswahl in diesem Jahr unter Ausnahmebedingungen. Es bleibt nicht viel Zeit, die vorverlegte Wahl anständig über die Bühne zu bringen. Mitarbeitende in Wahlämtern sprechen in den sozialen Medien von Überstunden und dass sie „alles geben“. Mein Stimmzettel ist am 5. Februar bei meinem Wahlamt in Magdeburg eingegangen, spätestens am 6. Februar wurde er verschickt. Auch wenn viele das auf Anhieb vielleicht denken mögen, liegt das Hauptproblem hier also nicht bei den deutschen Wahlämtern.

Für mich steht aber fest: Es muss eine Möglichkeit geben, dass alle, denen es zusteht, ihre Stimme abgeben können. Wenn das wegen einer Ausnahmesituation nicht auf dem klassischen Weg möglich ist, muss an einer Alternative gearbeitet werden. Sicherlich könnte man sich ins Auto, in den Zug oder in den Flieger setzen und am Sonntag doch noch persönlich wählen gehen, für die meisten ist das aber einfach keine realistische Möglichkeit.

Ich sitze hier in Dänemark in meinem vorübergehenden Büro und bin traurig und wütend. Aber vor allem fühle ich mich hilflos. In zwei Monaten geht es für mich wieder zurück über die Grenze nach Deutschland. Dahin, wo meine Familie, meine Freunde, mein Leben und meine Zukunft sind. Und ich werde unter einer Regierung leben, auf deren Bildung ich, gegen meinen Willen, keinen Einfluss nehmen konnte.

Und irgendwo habe ich auch Angst. In zwei Monaten kehre ich als queere, junge, angehende Journalistin in ein Land zurück, das sich politisch gerade in eine Richtung bewegt, die sich definitiv nicht für mich und die Leute um mich herum starkmacht. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als am Montag auf mein Handy zu schauen und mich einem Wahlergebnis zu stellen, zu dem mir mein Mitspracherecht genommen wurde.

Als jemand, der das Privileg dieses Mal nicht hat: Wählt, wenn ihr könnt. Seid eine Stimme für Leute, die ihre eigene nicht nutzen können. Davon gibt es in diesem Jahr nämlich zu viele.