Deutsche Minderheit

Wenn die Mädchen aus der Nachkriegszeit als Erwachsene ihr Schweigen brechen

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Ilse Friis (rechts) im Gespräch mit der seinerzeit 102 Jahre alten Hermine Andersen, die inzwischen verstorben ist

Viele kennen es aus der eigenen Familie: Die Eltern oder Großeltern wollen nicht über das sprechen, was sie im Krieg und danach erlebt haben. Bis sie es doch tun. So hat die Historikerin Ilse Friis 40 Lebensberichte von Frauen in Nordschleswig in der Kriegs- und Nachkriegszeit aufgeschrieben. Lebensgeschichten, in denen sich bestimmte Themen wiederholen.

Wie war das als junge Frau in Hitlers Mädchenschaft? Als Tochter auf dem eigenen Geburtstag zuzusehen, wie der Vater im Mai 1945 aus dem Haus geholt wird? Wie war das, nach zwei Jahren im Fårhus-Lager einen völlig veränderten Vater zurückzubekommen? Darum geht es im ersten Teil dieser Geschichte.

Fragen, für die die ehemalige Rektorin am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN), Ilse Friis, durch ganz Nordschleswig gefahren ist. Um Antworten zu bekommen von insgesamt 40 Frauen, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Nordschleswig aufgewachsen sind, Kinder großgezogen haben. 

„Entstanden ist das Ganze als Reaktion auf meine Vorträge über Nordschleswigs Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus“, erzählt Ilse Friis. Danach seien Frauen auf sie zugekommen, weil sie in dem Vortrag etwa eine Freundin der eigenen Mutter erkannt hatten. „So entstand dann bei mir die Idee, das Gespräch mit den Töchtern der Frauen aus der Nazizeit zu suchen“, so Ilse Friis. Um am Ende auch daraus wieder einen etwa einstündigen Vortrag zu kreieren. 

40 Frauen, 40 verschiedene Leben, wiederkehrende Themen

Ihre Interview-Reihe hat Ilse Friis vor etwa anderthalb Jahren begonnen. Seitdem hat sie jeden Dienstagnachmittag bei einer Frau in Nordschleswig verbracht: jeweils rund drei Stunden. „Das war auch sehr gemütlich. Für die Frauen war das ein Highlight. Sie freuten sich darauf zu erzählen“, sagt Ilse Friis. Dafür hätten die Damen auch extra ihr bestes Porzellan aus dem Schrank geholt.

Die 40 Frauen, mit denen die studierte Historikerin sprach, sind zwischen 85 und 102 Jahre alt. „Nach den ersten drei, vier Interviews war dann auch bereits klar, welche Themen die Frauen umtreiben.“ Diese wiederholten sich zwar – doch die Geschichten dahinter waren vielfältig und berührend, wie Ilse Friis erzählt. Namen nennt sie dabei kaum. Zum einen, weil viele das nicht wollen. Zum anderen stünden die Geschichten für sich, ist Friis überzeugt.  

 

Lachen und Weinen lagen bei den Erzählungen oft dicht beieinander. Bei einigen Frauen waren auch deren Töchter mit dabei, die gebannt zuhörten: Denn auch sie hörten die Geschichten, die ihre Mutter da erzählte, zum allerersten Mal, sagt Ilse Friis.

Rund 100 Stunden hat Ilse Friis bummelig für ihre Interview-Reihe aufgewendet. Und dabei viele gemütlich Stunden mit lieben, lebensklugen Damen erleben dürfen, wie sie erzählt.

Der Mai 1945 hat ein kollektives Trauma in der Minderheit ausgelöst. Viele Frauen hatten Tränen in den Augen, als sie davon erzählten.

Ilse Friis

Mädchenschaft als Freizeitangebot

Die Mädchenschaft in der Nazizeit ist eines der Themen der Frauen aus dieser Zeit. „Die Frauen, die ich interviewt habe, haben die Mädchenschaft als eine Art Freizeitangebot wahrgenommen. Leichtathletik, Gymnastik, Musik oder auch Kräuter sammeln, es ist etwas, worüber die Frauen fröhlich erzählt haben.“

Trauma in der Minderheit: der Mai 1945 

Während die 40 Frauen unisono berichten, dass sie in der Zeit des Krieges und der Besatzung nicht gelitten hätten, so habe wiederum der Mai vor über 80 Jahren ein Trauma ausgelöst: Der Krieg und die Besatzungszeit durch Nazi-Deutschland ist zu Ende – und die Väter werden aus dem Haus geholt und ins Fårhus-Lager gebracht: Zeitfreiwillige, Nazi-Kollaborateure, solche, die als Landesverräter angesehen wurden.

„Bei zwei der Frauen war das jeweils an ihren Geburtstagen: Eine wurde 8, die andere 16 Jahre alt.“ Auf die bange Frage der Kinder, wohin Papa denn ginge, bekamen sie nur Fårhus als Antwort. Eine Antwort, mit der die Kinder damals nichts verbinden konnten. Was das bedeutet, wurde erst im Verlauf klar. Die Kinder würden lange Zeit vom Vater getrennt sein. 

„Die Anreise war ja schwer. Man musste zuerst mit dem Fahrrad los, dann zu Fuß weiter. Die Frauen haben das erzählt, als sei es gestern gewesen. Viele Frauen hatten Tränen in den Augen, als sie davon erzählten. Der Mai 1945 ist ein kollektives Trauma in der Minderheit.“

Tatsächlich bekamen die Töchter ihre Väter kaum zu Gesicht, während sie im Lager saßen, erzählt Ilse Friis. „Es war dann wichtiger, dass die Frauen ihre Männer besuchten. Um zu klären, was in deren Abwesenheit zum Beispiel auf dem Hof zu regeln ist.“

Im Fårhus-Lager schnitzten die Männer für ihre Frauen und Töchter zu Hause.

Im Lager, so erzählten es die Frauen, begannen die Männer zu schnitzen: kleine Figuren für das Puppenhaus der Tochter. Armbänder. Anhänger. Hergestellt aus Tierknochen. „Die Männer haben sich Zahnpasta mitbringen lassen und die Knochen damit poliert.“

Rückkehr der Väter 

Als die Väter dann aus den Lagern zurückkehrten, wurde es erst mal nicht einfacher, wie die Frauen Ilse Friis erzählen. „Sie bekamen einen Vater zurück, an den sie sich erst wieder gewöhnen mussten. Die hatten ja erst den Krieg, dann das Lager erlebt.“ Die Männer hätten Alpträume gehabt, heute würde man wohl von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen, vermutet Ilse Friis. 

„Auf jeden Fall hat das das Heranwachsen der Frauen beeinflusst.“

Hier geht es zum zweiten Teil der Geschichte: Welche Orte in Nordschlewsig vom Nationalsozialismus verschont blieben, was es mit den Frauen machte, keine freie Berufswahl zu haben und welche Lücken Gefallene und Vermisste in die Familien rissen.