Sankelmark

Vier Minuten für die Rettung der Demokratie

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Claudine Nierth möchte ein wichtiges Glied im demokratischen System sein.

Demokratien sind weltweit auf dem Rückzug. Als Vorsitzende des Vereins „Mehr Demokratie“ setzt sich Claudine Nierth für mehr Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger und eine Reform des Wahlrechts in Deutschland ein. Aber sie weiß auch, wie jede und jeder Einzelne die Demokratie stärken kann.

Vier Minuten. So lange dauert es, um die Demokratie zu stärken. So zumindest kann der Handlungsauftrag lauten, den sich viele Angehörige der deutschen Minderheit an diesem Freitagmorgen hinter die Ohren schreiben.

Dialog statt Spaltung

Die vier Minuten stammen aus einem Format, mit dem Claudine Nierth als Vorsitzende von „Mehr Demokratie“ durch die Bundesrepublik reist, um etwas gegen die Polarisierung im Land zu tun. Die Idee: Teilnehmende des Dialogformats „Sprechen und Zuhören“ bekommen genau vier Minuten, in denen sie erzählen, wie es ihnen in Bezug auf ein bestimmtes Thema geht, und niemand unterbricht sie.

Eine Dialogkultur, die unserer Gesellschaft zunehmend abhandengekommen ist, und eine Entwicklung, die die Demokratie gefährdet, lautet die Haltung von Nierth. Die Minderheit hat sie nach Sankelmark eingeladen, um am Freitagmorgen den ersten Vortrag der Neujahrstagung zu halten.

Mit lebensnahen Beispielen gelingt es Claudine Nierth, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen.

Hier sind rund 150 Gäste der Neujahrstagung gekommen, um Nierths Verständnis von Demokratie anzuhören. Durchs Publikum weg sorgen ihre Bemerkungen über die aktuelle Diskussionskultur für nickende Köpfe. Nierth ist in der Bundesrepublik unterwegs, aber Streitgespräche, die mit dem Fazit enden, dass man wohl nicht mehr zusammenkommt, kennen auch Menschen in Nordschleswig vom eigenen Esstisch oder der eigenen Familienfeier.

„Wir haben sie vor dem Hintergrund eingeladen, dass in Deutschland bald Bundestagswahlen sind, aber Claudine Nierths Ansätze sind auch für uns in der Minderheit spannend“, sagt BDN-Generalsekretär Uwe Jessen.

Schließlich sei auch die Minderheit in sich ein demokratisches System, in dem man sich regelmäßig die Frage stellen muss, wie mitbestimmt wird und wie und von wem Verantwortung übernommen wird. „Dabei ist es ja ganz egal, ob in einem Ortsverein oder der Dachorganisation“, so Jessen.

Egal, ob im Verein, am Esstisch, im Gemeinderat oder in den großen Parlamenten. Nierth setzt sich dafür ein, dass es im Dialog nicht immer darum gehen sollte, andere von der eigenen Position zu überzeugen, sondern vielmehr darum, wie jemand zu seiner Position gekommen ist. „Es geht darum, ein Miteinander herzustellen, statt zu spalten.“

Immer weniger Menschen leben in einer Demokratie

Der Satz „Die Demokratie ist in Gefahr“ scheint inzwischen so allgegenwärtig, dass er fast inhaltslos wirkt. Claudine Nierth verdeutlicht in ihrem Vortrag jedoch den Ernst der Lage.

„Es ist noch gar nicht so lange her, da dachte man, demokratische Systeme seien auf dem Vormarsch“, sagt Nierth bei ihrem Vortrag. Die Realität sei aber eine andere: 2010 lebte die Hälfte der Weltbevölkerung in einer Demokratie. Heute ist es nicht einmal mehr ein Drittel aller Menschen, die in einem demokratischen System leben.

Stabile Demokratien machen sich also rar. Deutschland und vor allem auch den skandinavischen Ländern komme daher eine große Verantwortung und Vorbildfunktion zu.

Demokratien müssen wandelbar sein

Aber was macht eine starke Demokratie aus? Claudine Nierths Antwort: Wenn sie in der Lage ist, sich zu verändern. Denn Gesellschaften verändern sich und man müsse demokratische Gerüste, wie die Verfassung, regelmäßig hinterfragen und prüfen, ob das demokratische Konstrukt noch den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht wird.

Da die Gesellschaft mit der Zeit komplexer und individueller geworden ist, müsse auch die Demokratie individuellere Antworten geben können, lautet Nierths Theorie. Die Menschen seien frustriert über politische Entscheidungen, weil sie sich nicht mehr von den wenigen Entscheidungstragenden repräsentiert fühlten. Volksentscheide könnten die Akzeptanz großer politischer Entscheidungen erhöhen.

Es sind also nicht nur vier Minuten, die eine Demokratie retten. Aber sie bestimmen über die Kultur, in der die Gesellschaft über ihre diversen Positionen spricht.

Das Learning aus Nierths Vortrag lautet: Es geht nicht darum, andere von der eigenen Position zu überzeugen. Wer Demokratie will, muss die Tatsache, dass Menschen zu unterschiedlichen Positionen kommen, akzeptieren und wertschätzen.

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