Leitartikel

„Verantwortungslos: Dänemark lässt Minderheiten im Stich“

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Demokratische Verantwortung: Was hat ein Brief der deutschen Minderheit mit Europas Frieden zu tun? Mehr, als die dänische Regierung offenbar versteht, kommentiert Journalistin Marle Liebelt und kritisiert die Untätigkeit Dänemarks.

Fünfeinhalb Jahre. So lange wartet der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) nun auf eine Antwort der dänischen Regierung auf seine Bitte, neue Verpflichtungen im Rahmen der Europäischen Sprachencharta zu übernehmen. Jetzt hat Kulturminister Jakob Engel-Schmidt geantwortet – höflich, diplomatisch, ausweichend. Und damit letztlich entlarvend.

Der Anlass: Ein Brief des BDN vom März dieses Jahres, in dem der Hauptvorsitzende Hinrich Jürgensen – wie bereits 2019 – die Regierung aufforderte, ein deutliches Signal für den Schutz der deutschen Sprache im Grenzland zu setzen. Die Antwort aus dem Ministerium liegt dem „Nordschleswiger“ vor.

Sie klingt freundlich – aber sie bleibt inhaltlich vage. „Ich möchte klarstellen, dass wir weiterhin grundsätzlich positiv gegenüber der Möglichkeit stehen, eventuell zusätzliche Verpflichtungen einzugehen“, schreibt der Minister. Konkrete Pläne? Fehlanzeige. Es gibt lediglich die Ankündigung eines Gesprächs mit Mitarbeitenden des Ministeriums. Wann? Man weiß es nicht.

Der BDN hat es der Regierung in den vergangenen Jahren wirklich leicht gemacht. Schon 2019 legte er konkrete Vorschläge auf den Tisch – mit dem Hinweis: Viele der zusätzlichen Verpflichtungen wären nichts weiter als ein formales Bekenntnis zu dem, was ohnehin längst Alltag ist. Es ginge also nicht um neue Kosten oder große Umstellungen, sondern schlicht darum, gelebte Praxis auch offiziell anzuerkennen. Trotzdem zeigt sich die Regierung passiv.

Wir müssen die nationalen Regierungen stärker in die Pflicht nehmen.

Gösta Toft

Gösta Toft, Vizepräsident der FUEN und Kandidat für das Amt des Präsidenten, formulierte es gegenüber dem „Nordschleswiger“ kürzlich treffend: „Wir müssen die nationalen Regierungen stärker in die Pflicht nehmen.“ Was heißt das für Dänemark? Dass freundliche Worte und wohlwollende Beziehungen nicht ausreichen. Dass Symbolpolitik mit Substanz hinterlegt werden muss.

Fundament für nachhaltigen Frieden

Das Verhalten der dänischen Politik zeigt: Trotz aller Freundschaft zur deutschen Minderheit fehlt bis heute das Bewusstsein dafür, wie zentral der Schutz von Minderheitenrechten für ein friedliches Europa ist. Gerade ein stabiles Land wie Dänemark trägt Verantwortung – gegenüber Staaten, in denen diese Rechte unter Druck stehen, gegenüber Menschen, die täglich um Anerkennung kämpfen, und gegenüber einer europäischen Ordnung, die auf Vielfalt als Stärke baut.

Doch Vielfalt wird nicht überall als Stärke wahrgenommen. „Warum fällt es den Dänen so schwer zu verstehen, dass Identität auch vielfältig sein kann?“, fragte kürzlich Dorthe Andresen in einem vielbeachteten Leserinnenbrief. Ihre Erfahrung: Wer Deutsch spricht, muss auch im Jahr 2025 noch mit Anfeindungen rechnen – gerade dann, wenn Identität nicht klar in eine Schublade passt.

Vor diesem Hintergrund wiegt politisches Zögern doppelt schwer. Wer Vielfalt schützt, schützt auch den Zusammenhalt.

In Zeiten, in denen Demokratien weltweit ins Wanken geraten und selbst langjährige Bündnispartner wie die USA Minderheiten kein sicheres Zuhause mehr bieten, braucht es deutliche Zeichen. Zeichen, dass Recht nicht nur lokal gilt, sondern universell gedacht wird.

Ein klarer Schritt wäre die Übernahme neuer Verpflichtungen unter der Sprachencharta. Kein revolutionärer Akt, kein politisches Wagnis – sondern ein konsequentes Bekenntnis zu dem, was Dänemark ohnehin lebt. Und ein wichtiges Signal an Minderheiten in Ländern wie Serbien, Rumänien oder der Ukraine, dass Europa sie sieht und unterstützt.

Zeugnis demokratischer Reife

Minderheitenrechte sind kein nettes Extra, sondern Maßstab für eine stabile Demokratie. Nur wenn Rechte auch festgeschrieben werden, haben sie einen echten Wert. Das Wohlwollen der Mächtigen ist wichtig. Aber es ist nicht beständig, wenn sich politische Machtverhältnisse ändern.

Dänemark könnte ein Vorreiter sein. Doch stattdessen schweigt es mit höflichen Worten. Und verpasst einmal mehr die Gelegenheit, seiner Verantwortung gerecht zu werden.