Deutsche Minderheit

Das lange Warten auf ein neues Organ: Felix’ Leben stand still

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Felix Schultz weiß, wie zermürbend das Warten auf ein Organ ist – und wünscht sich, dass das anderen erspart bleibt.

Organspende: Wie lebt es sich, wenn jede Woche von der Dialyse bestimmt ist? Felix kennt die Realität hinter einem Leben auf der Warteliste. Sein Erfahrungsbericht macht deutlich, worauf es beim neuen Gesetz ankommt.

Der Anruf kam an einem ganz normalen Nachmittag im Juli 2019. „Hättest du Interesse an einer neuen Niere?“ – Felix Schultz musste lachen, denn es klang so lapidar. Drei Jahre lang hatte der damals 19-Jährige auf genau diesen Moment gewartet.

Dreimal pro Woche zur Dialyse, vier Stunden an der Maschine, danach völlig erschöpft. Was so nüchtern „Dialyse“ heißt, bedeutete für Felix den Stillstand eines ganzen Lebensabschnitts. „Montag, Mittwoch, Freitag am Gerät – dazwischen drehte sich alles ums Erholen“, sagt er. Ausbildung? Zukunftspläne? Das war für den damaligen Teenager erst einmal Nebensache.

Zurück ins Leben – dank Organspende

Heute, rund sechs Jahre später, lebt Felix mit der Niere eines anderen Menschen. Dass der Gravensteiner wieder ein normales Leben führen kann, verdankt er einer Organspende – und einer Entscheidung, die jemand anderes rechtzeitig getroffen hat.

Genau solche Entscheidungen will ein neues Gesetz jetzt fördern: Seit dem 1. Juni werden alle Erwachsenen in Dänemark automatisch als potenzielle Spenderinnen und Spender registriert. Darüber erhalten dieser Tage viele Menschen einen Bescheid in ihrem E-Postfach. Bislang musste jede und jeder selbst die Initiative ergreifen und sich als organspendende Person registrieren lassen. Der neue Bescheid informiert jetzt über die automatische Registrierung – die Menschen müssen aber selbst aktiv zustimmen.

Zustimmung ja – aber keine Bevormundung

Es ist dieses Zustimmungsmodell, das Felix für genau den richtigen Weg hält. Auch wenn die Versuchung groß ist, den Bescheid erst einmal wegzuklicken und dann zu vergessen.

Aber eine Lösung, bei der automatisch alle als Spendende gelten und nur durch aktives Widersprechen aus dem System genommen werden, sieht Felix aus Sorge vor einem falschen Effekt kritisch: „Wenn der Staat so was vorgibt“, so seine Sorge, „könnten viele mit Ablehnung reagieren.“ Er erinnert an genau dieses Phänomen während der Coronazeit. „Ablehnung mobilisiert mehr als Zustimmung.“

Das Warten auf eine neue Niere hat drei Jahre lang den Alltag von Felix Schultz dominiert.

Felix hofft, dass der Staat es jetzt nicht dabei belässt. Eben weil die Gefahr, dass der Bescheid im Postfach in Vergessenheit gerät, groß ist. „Die Menschen müssen verstehen, wie wichtig das ist.“ Und dafür brauche es Geld. „Die Organisationen und öffentlichen Stellen müssen Werbung dafür machen, den Bescheid ernst zu nehmen.“

Er wünscht sich, dass anderen das lange Warten und die damit verbundene körperlich wie seelisch belastende Zeit erspart bleiben – auch dank des neuen Gesetzes.

Warnzeichen nicht ignorieren

Doch er hat aus seiner eigenen Geschichte auch viel gelernt. Über seinen Körper, über das Gesundheitssystem – und darüber, wie wichtig es ist, rechtzeitig Entscheidungen zu treffen. „Ich bin damals zum Arzt gegangen, als meine Niere praktisch schon versagt hatte“, sagt er und erinnert sich, mittags zum Arzt gegangen zu sein, „um halb drei saß ich im Krankenwagen.“ Er hatte die Warnzeichen vorher nicht ernst genommen.

Heute hört er genauer hin. Geht im Zweifel lieber einmal mehr zur Kontrolle – und lässt sich nicht mehr so leicht abspeisen, wenn sich etwas für ihn nicht richtig anfühlt.

Die Entscheidung nicht den Angehörigen überlassen

Was ihm ebenfalls wichtig ist: Dass man sich rechtzeitig Gedanken über Organspende macht – und nicht andere damit alleinlässt. „Diese Entscheidung sollte man nicht den Angehörigen überlassen. Die stehen dann im schlimmsten Moment überhaupt unter Druck. Das ist eine riesige Belastung.“

Felix hat sein Leben zurück. Und er weiß: Er verdankt es der Entscheidung eines Menschen, der zu Lebzeiten klar „Ja“ gesagt hat.

Organspende in Dänemark – Zahlen & Fakten