Deutsche Minderheit

Teil II: Carsten Lund über schwere Schicksalsschläge und wie er als Deutscher dänischer Gewerkschaftler wurde

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Auf Zeitreise mit Carsten Lund: Dafür hat der 95-Jährige seine Fotoalben geöffnet.

Carsten Lund ist gelernter Zimmerer, arbeitete als Hausmeister und war Vorsitzender einer dänischen Gewerkschaft in Apenrade: Eine Zeitreise durch seine Fotoalben, zweiter Akt: Wie Carsten Lund zu einem besonderen Kunstwerk kam, mit schweren Schicksalsschlägen umging, und warum er für das Projekt „Die Fremden“ seine Geschichte für einen Podcast erzählte.

Carsten Lund hat Geduld. Und viel Zeit. Für eine Zeitreise durch sein bewegtes Leben hat er sich bereit erklärt, dem „Nordschleswiger“ Einblicke in seine privaten Fotoalben zu gewähren. Zum ersten Teil einer Geschichte geht es hier. 

Viele Momentaufnahmen aus seinem bewegenden Leben hat er selbst festgehalten. „Die Kameras habe ich alle verschenkt“, sagt Carsten Lund.  

Ein sicher großer Einschnitt in seinem Leben: Der gelernte Zimmerer gibt 1967 seinen Beruf in Tondern (Tønder) auf, um künftig als Hausmeister in der Deutschen Zentralbücherei für Nordschleswig in Apenrade zu arbeiten. Ein vielleicht noch größerer Einschnitt für seine Frau Irma. 

„Sie wollte nicht weg aus Tondern. Das hat mir mein Sohn später vorgehalten, dass ich das einfach entschieden habe. Da muss ich im Nachhinein sagen, er hatte recht.“ Er sei damals an der niedrigsten Stelle über den Zaun gesprungen – so beschreibt Carsten Lund seine Entscheidung: Die Arbeit als Zimmerer sei zu hart gewesen, im Winter wahnsinnig kalt, immer schmutzig. 

Wie Carsten Lund an ein besonderes Kunstwerk kam

Carsten Lunds Frau Irma (links im Bild, rechts Zwillingsschwester Erika) vor dem Haus der Familie in Tondern. Von dem Umzug nach Apenrade ist sie damals nicht begeistert.

Der Umzug nach Apenrade: beschlossene Sache. Doch die handwerklichen Fähigkeiten Carsten Lunds sind auch hier gefragt. Neben dem Ausfahren und Abholen der Bücher wird er eines Tages damit beauftragt, eine Ausstellung des Künstlers A. Paul Weber mit aufzubauen. Ein Künstler, dessen Werke seit 1973 im A. Paul Weber-Museum in Ratzeburg im Kreis Herzogtum-Lauenburg ausgestellt sind. 

Eine der Arbeiten des Künstlers, der vor allem für seine Grafiken bekannt ist, hat es Carsten Lund besonders angetan: Es zeigt einen Angler von hinten, der auf einem Steg sitzt und fischt. 

„Dieses Bild symbolisiert einfach Ruhe für mich“, sagt Carsten Lund. Im Rahmen der Ausstellung bekommt er die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Künstler. „Ich wollte von ihm wissen, was das Bild kostet, wollte es kaufen.“ A. Paul Weber sieht ihn nachdenklich an, verschwindet. Kehrt wenig später mit einer Papp-Rolle zurück, die er Carsten Lund in die Hand drückt. Darin: die Grafik „Der Angler“. 

„Er hat mir das Bild geschenkt. Für meine Arbeit mit der Ausstellung. Es ist sogar signiert“, erzählt Carsten Lund stolz. „C. Lund Dank von A.P.W.“ steht links in der Ecke. Das Bild ist ein Blickfang in Carsten Lunds Wohnung.

Stolz ist der heute 95-Jährige auch auf einen weiteren Lebensabschnitt, auf einen Posten, auf den er im Grunde durch Zufall kam: Im Jahr 1982 wird Carsten Lund Vorsitzender der dänischen Gewerkschaft „Dansk Kommunalarbejderforbund“ in Apenrade, die die Interessen der Angestellten im kommunalen Sektor vertritt. Seit acht Jahren ist er aktiv dort. 

Das Werk von A. Paul Weber fasziniert ihn wohl auch deshalb so, weil er selbst früher gefischt hat, sagt Carsten Lund.

„Ich habe an einer Generalversammlung teilgenommen und den Vorschlag eingebracht, einen Kopierer anzuschaffen, statt Geld für die vielen Kopien auszugeben.“ Der Vorschlag kommt offenbar so gut an, dass Carsten Lund nach der Versammlung gefragt wird, ob er nicht Vorsitzender werden will. Er will. Und wird gewählt. 

Dass ein Nordschleswiger mit deutschen Wurzeln einen so hohen Posten in einer dänischen Gewerkschaft bekommt, ist nicht selbstverständlich, erzählt Carsten Lund. Man prahlte damals nicht gerade damit, Deutscher zu sein, sagt er. „Ich hab denen klar gesagt, wo ich stehe, nämlich in der Minderheit. Aber das war denen egal, solange ich für deren Interessen eintrete.“ 

Und das tut er. Sein größter Erfolg, wie er selbst sagt: Auf Carsten Lunds Vorschlag hin wird eine sogenannte Gruppen-Lebensversicherung ermöglicht. Sie sichert beim Tod des Ehepartners oder der Partnerin den Hinterbliebenen eine Summe von damals 100.000 Kronen. „Darauf bin ich sehr stolz!“

Carsten Lund ist 21 Jahre lang Gewerkschaftsvorsitzender in Apenrade.

Doch Erfolg und Schicksalsschläge liegen manchmal nah beieinander. Carsten Lund erkrankt an Krebs. Erleidet einen Herzinfarkt. Bei einer Operation werden ihm drei Bypässe gelegt. Doch das Leben geht weiter. Ein Satz, den er im Verlauf des Gesprächs häufiger sagt. 

Der bislang schwerste Schicksalsschlag trifft ihn vor 25 Jahren: Carsten Lunds Frau Irma stirbt plötzlich an Herzversagen. Der Arzt habe noch versucht, sie wiederzubeleben. Vergeblich. Carsten Lund ruft seine beiden Kinder an. Sagt: „Eure Mutter ist von uns gegangen.“ Das Wort Tod bringt er nicht über die Lippen. 

Die Stille und vor allem diese Leere – das war das Schlimmste.

Carsten Lund

Für die Beisetzung kommt die ganze Familie in Apenrade zusammen. Danach fahren sie wieder weg. Carsten Lund holt einmal tief Luft, bevor er weitererzählt. 

„Dann war der Letzte gegangen. Diese Leere, die kann ich nicht beschreiben. Da hab ich angefangen zu weinen wie ein dummer Junge.“ Nachts streckt er die Hand aus, sagt er. Doch seine Hand greift ins Leere.  

„Entweder du gehst daran zugrunde, oder du sagst dir, es muss weitergehen.“

Und es geht weiter. Trotz aller Schicksalsschläge wird Carsten Lund nicht müde, seine eigene Geschichte zu erzählen. Mit ernstem Hintergrund: Das zunehmende Erstarken der Rechten macht ihm Angst. „Wie kann es sein, dass der Mensch so schnell vergisst?“ Deshalb erzählt er. Wie das war, während der Besatzung durch Nazi-Deutschland in Nordschleswig aufzuwachsen. Wie er die Nachkriegsjahre erlebt. All das erzählt er auch dem Autoren und Journalisten Jasper Wenzel für das Projekt „Die Fremden – De Fremmede". Dabei geht es um das Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland. 

Carstens Frau Irma Lund: 46 Jahre lang waren die beiden verheiratet.

Jasper Wenzel und der Initiator des Projekts, Tue Søvsø nehmen mit Carsten Lund einen Podcast auf. Søvsø forscht an der Königlichen Bibliothekl zu Kopenhagen. In einem Telefonat erzählt Jasper Wenzel, der in Berlin lebt und arbeitet: „Für junge Menschen entsteht so die Chance, etwas zu erfahren, ohne selbst schlimme Erfahrungen machen zu müssen.“ 

Carsten Lund macht sich wegen des Vormarsches rechtsextremer und antidemokratischer Positionen große Sorgen.

„Bleib Mensch!“

Am 23. September ist Carsten Lund 95 Jahre alt geworden. Einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen eines dunklen Kapitels in der deutsch-dänischen Geschichte. Wie lange wird er seine Geschichte noch erzählen können? Seine Botschaft ist klar: „Wenn ihr noch was wissen wollt, macht euch auf den Weg. Irgendwann ist das Lexikon zu.“

Für seine Kinder, seine vier Enkel und zwei Urenkel wünscht er sich Frieden. Dass keiner Angst haben muss. An Gott glaubt Carsten Lund zwar nicht. Allerdings: „Wenn es einen gibt, dann hat er ja all die unterschiedlichen Menschen und Religionen geschaffen. Egal, welche Hautfarbe. Du bist ein Mensch, also bleib Mensch und akzeptiere die anderen, wie sie sind“, sagt Carsten Lund, bevor er das letzte Fotoalbum schließt. 

Hier geht es zum Podcast „De Fremmede – Die Fremden“ mit Carsten Lund: https://www.fremd.eu/

Der Lund-Clan lebt verstreut auf der Welt: unter anderem in Australien und Italien. Für sie alle wünscht sich Carsten Lund Frieden auf der Welt.