Heimunterricht

Homeschooling ist auch eine Chance, sagt eine Zugezogene

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Katharina Menke
Mutter Katharina wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern auf einem Hof auf Alsen.

Katharina Menke lebt seit etwas mehr als zwei Jahren auf Alsen. Sie unterrichtet eines ihrer drei Kinder zu Hause, obwohl das für sie zunächst keine Option war. Die aktuelle Debatte um zugezogene deutsche Familien, das Homeschooling und die Integration findet die 40-Jährige verletzend und erklärt, warum man nicht pauschal urteilen sollte.

Katharina Menke empfindet die Debatte um deutsche Zugezogene, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, als verletzend. „Man sollte bei dieser Debatte nicht pauschalisieren“, mahnt die 40-jährige Mutter von drei Kindern, die vor etwas mehr als zwei Jahren von Lüneburg nach Nordschleswig gezogen ist.

„Ohne den Hintergrund und die individuelle Situation der Familien zu kennen, kann ich total verstehen, dass die Allgemeinheit das nicht will dass die Minderheit das nicht will und, dass das nach außen hin total schlecht aussieht.“ Mit ihrer eigenen Geschichte möchte sie aber auch für das Thema Homeschooling sensibilisieren.

Zum Hintergrund

Nachdem „Der Nordschleswiger“ in einem Themenschwerpunkt über den Heimunterricht berichtet hatte, wurde das Thema auch landesweit und grenzüberschreitend aufgenommen. In der Diskussion geht es um die Integration Zugezogener in die dänische Gesellschaft und welche Rolle dabei Homeschooling spielt.

So haben neben allgemeiner Kritik am Heimunterricht auch Fälle für Aufsehen gesorgt, in denen deutsche Eltern sich der Sprachbeurteilung ihrer Kinder entziehen, indem sie sich auf eine Ausnahmeregelung für die deutsche Minderheit berufen. Der Bund Deutscher Nordschleswiger sah sich genötigt, sich in einem offenen Brief von solchen Familien zu distanzieren und schrieb dazu: „Integration bedeutet Teilhabe! Ein Bildungssystem, in dem Kinder von der Gesellschaft abgeschottet werden, gefährdet nicht nur ihre soziale Entwicklung, sondern auch den Zusammenhalt in unserer Region.“

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Sohn mit großen Herausforderungen

Ihr ältester Sohn habe große Probleme im Kindergarten und der Grundschule in Deutschland gehabt. „Er hat selektiven Mutismus, das bedeutet bei ihm, dass er in bestimmten Situationen nicht sprechen kann.“ Trotz intensiver Begleitung durch Erziehende, Lehrkräfte und die eigenen Eltern habe er in den fünf Jahren Schule nicht sprechen können.

„Wenn ich mir mein Kind mit seinen Herausforderungen ansehe, dann gibt es nichts, was ich mir mehr wünschen würde, als dass er einfach so an so einen Ort gehen und da sein kann.“ Weil das aber nicht funktioniert, hat sich Katharina für Heimunterricht entschieden, um den Bedürfnissen des Elfjährigen entgegenzukommen.

Sie selbst habe eine super Schulzeit gehabt, erzählt Katharina. „Es war mein sozialer Hotspot. Ich habe Schule geliebt.“ Sie habe nie Schwierigkeiten gehabt, sagt die gelernte Industriekauffrau, die heute als Selbstständige Unternehmens-Coachings anbietet.

Kritik am deutschen Schulsystem

Am deutschen Schulsystem störte Katharina der Fokus auf die Definition von Maßstäben, ohne zu beachten, wie Lernen funktioniert. Auch die fehlende Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern und auch Lehrkräften vertrug sich nicht mit ihrer Vorstellung von Schule. „Obwohl sich Kinder in bestimmten Altersbereichen gleich entwickeln, kann man nie eine Zehnjährige mit einem Zehnjährigen vergleichen, selbst wenn sie nur drei Wochen auseinander sind.“

Das deutsche System sei krank. Hohe Kündigungsraten, begrenzte Mittel, große Klassen, starre Abläufe oder lange Planungsverfahren seien nur einige der Probleme. Natürlich gelte das nicht für alle Einrichtungen, betont sie.

Schule ja, aber anders

Wenn ich mir mein Kind mit seinen Herausforderungen ansehe, dann gibt es nichts, was ich mir mehr wünschen würde, als dass er einfach so an so einen Ort gehen und da sein kann.

Katharina Menke

„Ich möchte schon Schule, aber Schule, die anders und besser funktioniert.“ Schon früh habe sie sich daher mit alternativen Schulformen auseinandergesetzt. So war ihr ältester Sohn zunächst auf einer Montessori-Schule, weil es aber keine weiterführende Schule gab, die ihr und ihrem Mann zusagte, reifte der Entschluss zum Auswandern weiter – aber nicht nur wegen des Schulsystems.

Am dänischen System gefällt ihr die lange Regelschulzeit, an dessen Ende die Kinder etwas in der Hand haben. Außerdem halte sie nichts von Benotung. Dennoch gebe es hier trotzdem in regelmäßigen Abständen eine Evaluierung.

Die 40-Jährige war zum Zeitpunkt des Umzugs auf einen Hof auf Alsen (Als) schwanger, der jüngste Sohn stand vor der Einschulung,und der älteste hatte gerade die Grundschule beendet.

Über das Internet habe sie dann nach ihrem Umzug schnell Kontakt zu dänischen Homeschooling-Familien bekommen. „Bis dato war für uns das Thema Freilernen tatsächlich gar keine Option“, sagt die Wahl-Nordschleswigerin rückblickend.

Wie das Lernen zu Hause funktioniert

Heute ist Katharina Mitglied in dem lokalen Verein „Liv og Læring“ (Leben und Lernen), in dem sich deutsche und dänische Homeschooling-Familien organisieren und auch gemeinsame Aktivitäten planen.

Wie in Schulen sind die Lernstände der Kinder unterschiedlich und die Lernkonzepte der einzelnen Familien ebenfalls. Im Homeschooling lernen viele Kinder interessenorientiert, sagt Katharina. Gemeinsam mit ihrem Mann, der Beamter in Teilzeit ist, bieten sie ihrem Sohn eine Mischung aus klassischem Heimunterricht nach Lehrplänen und anderen Formen.

„Lernen funktioniert nur, wenn du dich für etwas interessierst. Daher gestalten wir das auch so, dass wir mit Mitteln lernen, die ihn auch ansprechen. Gleichzeitig wollen wir ja auch wissen, was er kann und wo Schwächen sind. Da nehmen wir auch Vorlagen von klassischen Schularbeiten. Wir haben Arbeitsblätter, Bücher, wir gucken Filme, wir gehen raus, aber machen es auch nicht total frei.“

Dänisch sei unabdingbar, daher habe ihr elfjähriger Sohn auch eine feste Dänischlehrerin. Auch sonst gebe es feste Termine mit einem befreundeten Kind zum gemeinsamen Spielen und Lernen.

Jüngster Sohn besucht die deutsche Schule

Ihr achtjähriger Sohn geht indes in eine deutsche Schule. Ihre Tochter kommt bald in den Kindergarten. Mit Blick auf die deutsche Minderheit und die Ausnahmeregelung stört Katharina vor allem, dass mit zwei verschiedenen Maßstäben gemessen werde. „Ich finde es ungerecht, dass, wenn ich mein Kind zu Hause begleite, ein anderer Maßstab für mich gilt.“ Dabei spreche ihr jüngster Sohn nach etwas über zwei Jahren in der deutschen Schule nicht besser Dänisch als ihr ältester zu Hause.

Niemand sollte vorschnell pauschalisieren

Die generelle Kritik an mangelnder Integration durch Homeschooling teilt Katharina daher nicht. „Was mich in dieser ganzen Diskussion immer so aufregt ist, dass Außenstehende sich anmaßen zu urteilen“, sagt sie.

Klar sei, dass nicht alle Kinder, die zu Hause lernen, eine konkrete Diagnose oder ein konkretes Problem haben. „Doch wenn man ein Kind mit irgendeiner Form von Einschränkung hat, egal, was es ist, und du hast das selbst nicht, kann man sich das nicht vorstellen. Dann ist es verletzend, wenn etwa in deutschen Zuwanderergruppen in einer Tonlage über das Thema diskutiert wird, dass einem übel wird“, kritisiert Katharina. Als Zugezogene, die ihre Kinder zu Hause unterrichtet, werde sie sofort in eine Schublade gesteckt.

Von dänischer Seite höre sie solche Kommentare nicht. Auch auf Seite der Freilerner werde die Debatte kontrovers geführt. „Natürlich ist es für Kinder zu Hause schwieriger, Dänisch zu lernen. Das müssen wir gar nicht diskutieren.“

Ohne den Hintergrund und die individuelle Situation der Familien zu kennen, kann ich total verstehen, dass die Allgemeinheit das nicht möchte, dass die Minderheit das nicht möchte und dass das nach außen hin total schlecht aussieht.

Katharina Menke

Ihr hänge aber die Argumentation, als Deutscher müsse man sich übermäßig integrieren, etwas zum Hals raus. Im Dorf gebe es sechs deutsche Familien, mit denen sie in Kontakt stehe, und die seien „alle da“ und bringen sich ein. Das Thema Integration erlebe sie im Alltag nicht als Problem. „Diesen scharfen Ton und die Forderungen erlebe ich vor allem im Netz.“

Gerade weil aber diese Bildungsform von staatlicher Seite aus erlaubt ist, würde sie sich wünschen, dass mit dem Thema Homeschooling behutsamer umgegangen wird. „Ich weiß auch nicht, ob man sich so darüber aufregen muss, denn der Anteil dieser Familien ist verschwindend gering.“

Homeschooler sind in der Tat eine Randgruppe in Dänemark und anderswo auf der Welt. 1.509 Mädchen und Jungen wurden im Schuljahr 2023/2024 in Dänemark zu Hause unterrichtet.

Katharina empfindet es so, dass der Bund Deutscher Nordschleswiger sich mit seinem Brief an die Kommunen pauschal gegen Menschen positioniert, die die Ausnahmeregelung nutzen, sagt die 40-Jährige. Werde diese Regelung wirklich ausgenutzt, sei das natürlich auch nicht okay.

Zwei Themen werden in der Diskussion vermischt

Ich kenne keine Familie, die das nicht ernst nimmt.

Katharina Menke

Worauf Katharina Menke ebenfalls aufmerksam machen will, ist, dass in der Diskussion die Aufsicht (Tilsyn) und die Sprachbewertung (Sprogvurdering) vermischt werden. „Das erweckt bei Leuten, die sich damit nicht beschäftigen, einen Eindruck, der nicht stimmt.“ Die Sprachbeurteilung ist das eine. Sie richtet sich an Kindergartenkinder und die, die nicht in eine Einrichtung gehen. Sie gilt für alle und findet je nach sprachlicher Entwicklung häufiger oder weniger häufig statt.

„Ich persönlich finde eine Sprachbeurteilung nicht schlimm.“ Sie wisse aber von anderen Familien, die das anders sehen. Diese kämen fast alle aus einer Situation in Deutschland, wo es den Kindern in der Schule wirklich schlecht ging. Dabei handelt es sich etwa um systemische Gewalt oder Mobbing.

Das andere ist die Beaufsichtigung der Kinder, die zu Hause unterrichtet werden. Laut Katharina Menke gibt es in der Kommune Sonderburg keine Hausbesuche, um zu sehen, wie gelernt wird. Stattdessen werde einmal jährlich zu einem Termin geladen. Man könne also gar nicht zeigen, wie man zu Hause lernt oder welche Materialien man nutzt, sagt sie. „Der Termin ist kurz, und der Fokus liegt auf Dänisch, Englisch und Mathematik. Das ist auch wichtig, aber gleichzeitig geht all das, was du sonst noch mit deinem Kind machst, total verloren.“

Es gebe sogar den Wunsch, den Tilsyn zu intensivieren, sagt Menke. Denn viele Familien wollen eigentlich zeigen, wie sie zu Hause unterrichten. „Ich kenne keine Familie, die das nicht ernst nimmt.“

Arbeitsgemeinschaft als Schnittstelle?

An die Minderheit und auch alle anderen stellt sie die Frage: „Muss man nicht erkennen, dass sich bestimmte Dinge ändern? Wieso legen wir den Blickwinkel nur auf das, was negativ ist? Selbst wenn man nichts ändern könne, so gibt es doch die Möglichkeit, Vorteile daraus zu ziehen.“

Wie man das Problem der Vorurteile lösen könnte, darüber grübelt auch Katharina Menke. „Ich kenne solche Familien, und ich weiß, dass die sich nicht abschotten.“ Viele würden sich in mehr Vereinen engagieren, als sie das je in Deutschland gemacht haben. Auch weil sich die Vereine im ländlichen Raum über Zuwachs freuen würden.

„Ich habe mich schon gefragt, ob ich den Bund Deutscher Nordschleswiger nicht mal fragen soll, ob man dieses Thema nicht in einer Arbeitsgemeinschaft verankern sollte, um die Möglichkeit einer Schnittstelle herzustellen.“ Anders als in dänischen Vereinen habe sie aber den Eindruck, dass die Institutionen der Minderheit da etwas verschlossener sind.