Energiewende in SH

Ungerechte Netzentgelte machen Schleswig-Holsteins grünen Strom teuer

Ungerechte Netzentgelte machen grünen Strom teuer

Ungerechte Netzentgelte machen grünen Strom teuer

SHZ
Kiel / Berlin
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Bürgerwindpark Reußenköge von GP Joule: Profitiert auch die Nachbarschaft von der günstigen Windenergie, steigt auch die Akzeptanz. Foto: Carlo Jolly/shz.de

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Schleswig-Holstein ist Primus beim Ausbau der erneuerbaren Energien: Wirtschaft und Verbraucher werden dafür bei den Strompreisen benachteiligt.

Manchmal finden sie sich im Kleingedruckten. Zuweilen sind die Kosten für die sogenannten Netzentgelte auf der privaten Stromrechnung auch prominent ausgewiesen: 30 Prozent der Netto-Haushaltsrechnung verschlingt das Netzentgelt zum Beispiel bei einem Kunden der Flensburger Stadtwerke – 8,5 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Bei einem Haushalt, der von den Gemeindewerken in Heikendorf bei Kiel angeschlossen ist, sind es sogar 32 Prozent: Gut 10 Cent sind das schon pro Kilowattstunde.

In Schleswig-Holstein sind die Netzkosten für Stromverbraucher bundesweit mit Abstand am höchsten: 9,63 Cent pro kWh. Das durchschnittliche Netzentgelt für Haushaltskunden in Deutschland ist 2020 um 3,8 Prozent gestiegen, auf 7,5 Cent pro Kilowattstunde. Das geht aus dem Monitoringbericht 2020 der Bundesnetzagentur hervor.

Leider ist das Unrecht noch viel komplizierter: Für die 44 unterschiedliche Verteilernetze zwischen Sylt und dem Herzogtum Lauenburg sind ganz unterschiedliche Preise für die Netzentgelte festgelegt. Das teuerste liegt nach den Daten der Bundesnetzagentur bei 11,38 Cent. Da fehlt dann nicht mehr viel, und es wäre die Hälfte des Nettopreises pro Kilowattstunde (meist knapp unter 25 Cent).

Und noch eine Ungerechtigkeit: Sitzt der Kunde der Flensburger Stadtwerke nicht in Flensburg, sondern zum Beispiel in Berlin, ist sein Netzentgelt gleich rund drei Cent günstiger. Berlin und Bremen haben mit Netzentgelten um 5,50 Cent/kWh bundesweit die günstigsten Durchleitungsgebühren, dicht gefolgt von Nordrhein-Westfalen und den wirtschaftlich starken Bundesländern im Süden.

Drei Cent pro Kilowattstunde: Das sind bei durchschnittlich 3500 Kilowattstunden im Jahr schon mehr als 100 Euro pro Privathaushalt. Nur für die Netzkosten. Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt.

Aber was sind überhaupt Netzentgelte? Diese Netznutzungsgebühr, sozusagen die Pkw-Maut für Stromleitungen, muss nach Paragraf 20 Abs. 1 Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) veröffentlicht werden. In diesem meist größten Einzelposten der Stromrechnung legt der örtliche Netzbetreiber die Kosten für Leitungsbau, Netzsicherheit und Instandhaltung um.

Und warum sind sie so unterschiedlich hoch? Müssen in einer Region viele neue Leitungen gebaut werden, wird das Netzentgelt teurer als in anderen Regionen. Genau das ist in Schleswig-Holstein der Fall, wo gerade viele Anstrengungen unternommen werden, den grünen Strom vor allem von der Westküste, aber auch aus anderen Regionen des Landes, nach Süden in die Metropolen und Wirtschaftszentren der Republik zu transportieren. Die Bundesnetzagentur weist daraufhin, dass im Netzentgelt die Kosten aller vorgelagerten Netzebenen enthalten sind.

Allein die neue 380-Kilovolt-Mittelachse zwischen Hamburg über die Geest nach Dänemark, an der fünf Jahre gebaut wurde, kann nach Angaben des Netzbetreibers Tennet sieben Mal so viel grünen Strom transportieren wie ihre Vorgängerin von 1971. Und zwischen Brunsbüttel und Südtondern an der dänischen Grenze wächst die große neue Westküstenleitung.

Wenn der Wind an Nord- und Ostseeküste kräftig weht, werden schon heute mehr als 6.000 Megawatt Windenergie produziert. Das ist das Dreifache dessen, was in der Region verbraucht wird.

Mit den neuen Leitungen soll nicht nur der Strom der ganzen Bürgerwindparks an der Westküste in die Wirtschaftszentren des Südens und Westens der Republik abtransportiert werden, sondern künftig auch noch viel Strom von neuen Offshore-Windparks. 30 Gigawatt Offshore-Energie sollen bis 2030 an die Netze. Aktuell sind es kaum mehr als 7 Gigawatt.

Auch die jährlich dreistelligen Millionenbeträge für Strom, der bei Netzüberlastung nicht einspeisbar ist, werden mit den Netzentgelten regional auf die Verbraucher umgelegt. Allein im Jahr 2020 waren das 332 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2021 nochmal 150 Millionen. So kommt es, dass die Verbraucher der engagiertesten Ausbauländer der erneuerbaren Energien die Zeche zahlen – aber natürlich auch die Unternehmen in diesen Regionen. Nach Schleswig-Holstein sind auch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern überdurchschnittlich betroffen.

Das sei in zweierlei Hinsicht kontraproduktiv, findet man auch im Kieler Wirtschaftsministerium: “Zum einen belasten hohe Strompreise die Wirtschaft und private Haushalte grundsätzlich, und sie stellen einen Hemmschuh für die Ansiedlung von (energieintensiven) Unternehmen dar“, heißt es dort. Zum anderen würden private Verbraucher und Unternehmen nicht dazu angereizt, Strom dort zu einzusetzen, wo er eigentlich zur Dekarbonisierung beitragen könnte, nämlich in Wärmepumpen, E-Autos und in der Wasserstoffherstellung für die Industrie und den Verkehrssektor.

Die Verbraucher und die Unternehmen im Norden dürften nicht dadurch benachteiligt werden, dass hier die Energiewende und der Netzausbau vorangetrieben werden. Dies sei auch schädlich für die Akzeptanz der Energiewende, befürchtet man auch im Wirtschaftsministerium. Es bedürfe deshalb einer Reform der Netzentgelte über alle Bundesländer hinweg einschließlich der Senkung der auf Strom erhobenen Umlagen und Steuern wie etwa EEG-Umlage und Stromsteuer.

„Aus energiewirtschaftlicher Sicht sind die wachsenden Unterschiede in Netzentgelthöhen und -strukturen nicht begründbar“, heißt es in einem Papier des Branchen-Think-Tanks Agora Energiewende. „Vielmehr muss es Aufgabe des Gesetzgebers sein, die energiewendebedingten Netzausbaukosten auf alle Stromverbraucher in Deutschland gleich zu verteilen, da sonst ein erhebliches Energiewende-Akzeptanz-Problem für die Bürger in den betroffenen Gebieten droht“, fordern die Energieexperten schon seit Jahren.

Außerdem biete die derzeitige Netzentgeltsystematik keine oder falsche Investitionsanreize für neue Erzeuger und neue Verbraucher. Diese würden sich vermehrt den Standort mit geringen Netzentgelten aussuchen, was dazu führte, dass dort die Infrastruktur ausgebaut werden müsse, dessen Kosten die Netzentgelte steigen lasse.

Auch die engagierte Erneuerbare-Energien-Branche in Schleswig-Holstein kämpft seit Jahren gegen dieses überholte System. Für GPJoule, ein 400-Mitarbeiter-Unternehmen aus dem nordfriesischen Cecilienkoog, ist ein Knackpunkt die Entfernungsunabhängigkeit der Netzentgelte: Also eher Porto als Maut. „Langstrecke muss teurer sein als Kurzstrecke“, fordert etwa GPJoule.

Deren Netzexperte Fabian Sösemann geht aber noch weiter: „Wir brauchen auch eine Reduktion von Netzentgelten bei Entlastung der Netze. Wer also den Stromverbrauch bei hoher Einspeisung von Windstrom erhöht, muss niedrige Netzentgelte zahlen. Denn so ein flexibles Verhalten spart Netzausbaukosten.“

Die Netzentgelte müssten also dann am niedrigsten sein, wenn Verbraucher flexibel auf die Erzeugung von Wind- und Solaranlagen in ihrer Region reagieren. Umgekehrt führen die unsinnig günstigeren Strompreise im Süden natürlich zu noch mehr Energietransport von Nord- nach Süddeutschland. Das führt zu hoher Netzbelastung und verursacht hohe Kosten für das Engpassmanagement. Dies kostet in Deutschland jedes Jahr glatt eine Milliarde Euro.

Weiterlesen: Energiewende-Experte Lars Waldmann: „Der Norden wird viele Ansiedlungen bekommen“

Lars Waldmann, Unternehmensberater im Energiewendebereich, geht noch einen Schritt weiter: „Man kann es auch als Solidarsystem sehen. Ohne die Windkraft im Norden hätte Bayern oft keinen Strom“. Was die Leute ärgere, seien nicht die hohen Netzentgelte, sondern das Gefühl, dass wir uns die Energiewende gar nicht leisten könnten. Dabei sei Windenergie an Land die günstigste Art der Stromerzeugung überhaupt.

In Schleswig-Holstein lag der erzeugte Strom aus erneuerbaren Energien zum Bruttostromverbrauch im Land 2019 bei 153,8 Prozent, in ganz Deutschland bei 42 Prozent. 2025 sollen es zwischen Nord- und Ostsee schon 230 bis 250 Prozent werden.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Doppelter Wechsel auf dänischer Seite“