Erneuerbare Energie aus SH

Noch mehr Phantomstrom? Boom bei der Photovoltaik könnte bald die Netze überfordern

Boom bei der Photovoltaik könnte bald die Netze überfordern

Boom bei der Photovoltaik könnte bald die Netze überfordern

SHZ
Quickborn
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Photovoltaikanlagen auf Freiflächen, hier mit 160 Hektar auf dem ehemaligen Flugplatz Eggebek, erleben derzeit einen gewaltigen Boom. Foto: Klaus-Dieter Rauhut/shz.de

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Die Quickborner Hansewerk AG investiert 1,2 Milliarden Euro in die Energienetze. Was sie von der neuen Landesregierung und von der EU-Kommission verlangt:

Die Quickborner Hansewerk AG, durch deren Netze 90 Prozent des Stroms aus Schleswig-Holstein transportiert wird, kündigt das größte Investitionspaket seiner Geschichte an. In diesem und den kommenden beiden Jahren würden jeweils rund 400 Millionen Euro in die Energienetze und ihre Digitalisierung investiert, erklärt Vorstandschef Matthias Boxberger. Um das Volumen des Pakets noch anschaulicher zu machen, hat Boxberger einen Vergleich: Land und Bund investierten dieses Jahr gemeinsam 300 Millionen Euro in den Straßenbau in Schleswig-Holstein.

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Nicht nur für mehr Nachhaltigkeit, Klimaschutz und die Energiewende sollen die Investitionen in die Netze deutlich ausgeweitet werden, sondern auch um die Energieabhängigkeit von schwierigen Regionen zu verringern, sagte Boxberger. Es gehe nicht nur um Strom, sondern auch um Gas- und Wärmenetze sowie um Mobilität.

Anschluss für bis zu 300.000 E-Pkw

In ihrer Prognose für die kommenden fünf bis zehn Jahre gehen die Netzbetreiber des Eon-Tochterunternehmens davon aus, dass allein in Schleswig-Holstein 100.000 Wärmepumpen sowie 280.000 bis 300.000 E-Pkw Netzanschluss benötigen. Dazu müssten auch eine ganze Reihe von Ortsnetzstationen erneuert werden. Allein dieses Jahr seien 400 neue Anlagen in den Ortsnetzen vorgesehen.


Hansewerk rechnet in den kommenden 15 Jahren mit einer Verdoppelung der grünen Stromproduktion durch Wind an Land sowie Photovoltaik – von zehn auf 20 Gigawatt. Der Verbrauch werde sich ebenfalls verdoppeln, von 2,5 auf 5 Gigawatt.

Mittlerweile sei Schleswig-Holstein auch Sonnenland, erklärte Hansewerk-Chef Boxberger. 1714 Megawatt (MW) Leistung Solarstrom entsprächen bereits einem der größten Kernkraftwerksblöcke.

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Nachdem der Wegwerfstrom unter anderem durch die aufnahmefähigeren Netze zuletzt bereits um 44 Prozent auf knapp 150 Millionen Euro gesunken sei, skizzierte Boxberger die nächste Gefahr durch den längst in Gang gekommenen Solarstromboom.

Die Antragszahlen für Photovoltaik-Anlagen hätten sich gegenüber dem vergangenen Jahr verdoppelt: „Fast 10.000 Megawatt Photovoltaikleistung sind in der Planung“, so Boxberger. Die allermeisten Solarstromplanungen beträfen Freiflächenanlagen. Dabei handele es sich überwiegend um größere Anlagen oberhalb von 20 Megawatt, zum Teil sogar deutlich größer: „Das sind Dimensionen, in denen Erzeugungsparks entstehen, und die müssen mit 110-KV-Leitungen angebunden sein.“


Dabei warnt der Hansewerk-Chef vor mehrjährigen Genehmigungsverfahren: „Genau wie beim Wind besteht die Gefahr der Entkoppelung vom Netzausbau.“ Deshalb sei es zwingend erforderlich, die Netzinfrastruktur bereits mitzuentwickeln. Boxberger sieht gegenüber dem großen Wachstum des Windstroms an Land sogar einen Nachteil. Beim Wind habe man immer gewusst, wo die Flächen sind. Bei der Freiflächen-Photovoltaik sei dies nicht so klar: Deshalb müsse die Landesregierung einen Vorzugsplan für die Solarstrom-Entwicklung vorlegen. Das gehe aber nur gemeinsam mit dem Gemeinden, die vor Ort die Hoheit hätten.

Hansewerk plant Wasserstoff-Offensive

Auch im Wasserstoffsektor plant die Quickborner Hansewerk-Gruppe eine Offensive. Man wolle mit der Schwestergesellschaft Avacon AG mehrere hundert Megawatt Elektrolyse-Kapazitäten entwickeln, erklärt Jan Gratenau, der für das Wasserstoffgeschäft zuständig ist. Im Hamburger Hafen sei ein 25-MW-Elektrolyseur in Planung. Und im Schwerlastverkehr will die Gruppe fünf Wasserstoff-Mobilitätszentren entwickeln, unter anderem in Neumünster, Itzehoe und Lübeck.

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Boxberger und Gratenau werfen der EU-Kommission vor, den Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wasserstoffbereich durch Regelungen zu blockieren, die nicht mehr in die Zeit passten. Ein Beispiel: Zur Wasserstoffproduktion kämen nur Windkraftanlagen in Frage, die maximal ein Jahr alt seien. Dabei könnten gerade ältere Anlagen, die bald aus der Förderung fallen, Energie für grünen Wasserstoff liefern.

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