Hochwasserschutz im Norden

Ingenieur Dirk Noack zum Starkregen: Wie Kommunen in SH wacher werden

Ingenieur Dirk Noack zum Starkregen: Wie Kommunen in SH wacher werden

Ingenieur zum Starkregen: Wie Kommunen in SH wacher werden

SHZ
Kiel
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Anwohner betrachten die Schäden nach dem Starkregen-Hochwasser in Rheinland-Pfalz. Foto: Thomas Freya/dpa/shz.de

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Mehr Wasser in kurzer Zeit zu bewältigen, ist nicht leicht, aber möglich. Ein Diplom-Ingenieur, der Städte und Gemeinden berät, gibt Tipps. Und das Land hat für die Ortsebene weitere Leitplanken in Planung.

Dirk Noack hat den – „wenn auch sehr allmählichen“ – Bewusstseinswandel aus erster Reihe miterlebt. Seit 1997 berät der Diplom-Ingenieur Kommunen überall in Schleswig-Holstein beim Thema Entwässerung, aktuell mehr als 30. „Anfangs ging es immer nur um Sanierungsvorhaben für Schmutzwasser“, erzählt der Spezialist des Kieler Architektur- und Planungsbüros B2K und dn Ingenieure GmbH.


Und wird aller Voraussicht nach nochmal mehr anders, wenn die kommunalpolitischen Gremien nach der Sommerpause zusammentreten. Nachdem in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen Starkregen den Notstand provoziert hat, wachsen auch im Norden die Sorgen vor Überschwemmungen ähnlicher Art. Nicht umsonst plant „B2“ für seinen Stand auf der diesjährigen Messe Nordbau in Neumünster eine Diskussionsrunde über Oberflächenentwässerung.

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Experte predigt Einführung einer Regenwassergebühr

Bevor in Rathäusern und Gemeindevertretungen über bauliche Veränderungen nachgedacht wird, empfiehlt Noack, zunächst wenigstens die vorhandenen Anlagen intakt zu halten. Oft aber kümmerten sich Kommunen nicht genug um den Zustand etwa von Regenrückhaltebecken.

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„Da haben sich manchmal über Jahre Schwemmstoffe aus Gärten und Laub angesammelt. Dann bringen sie im Ernstfall das einmal berechnete Volumen bei Weitem nicht.“ Allerdings mache der Artenschutz für Tiere und Pflanzen, die sich dort gern ansiedelten, das Zeitfenster für Adhoc-Aktionen kurz.


Eine regelmäßige Wartung scheitert Noack zufolge oft daran, dass eine Kommune eine Regenwassergebühr scheut. Angesichts von Beträgen zwischen 100 und 200 Euro pro Haushalt und Jahr und der wachsenden Bedeutung funktionierender Entwässerung findet der Diplom-Ingenieur einen solchen Obolus politisch vermittelbar. Zumal er damit einen Aha-Effekt verbindet: „Wenn die Leute merken, dass Regenentwässerung etwas kostet, machen sich sich vielleicht Gedanken, ob sie nicht mehr Wasser auf dem eigenen Grundstück versickern lassen können.“

Das Land soll stärker aufklären

Vom Land wünscht sich Noack „mehr Aufklärungsarbeit gerade gegenüber kleinen Gemeinden“, wie wichtig für diese ein Überblick über die Leistungsfähigkeit ihrer Regenentwässerungssysteme sei. Einigen sei nicht einmal die genaue Länge ihres Leitungsnetzes bekannt. Geschweige denn dass alle dessen Hydraulik hätten durchrechnen lassen – also wie sich Wassermassen in dem Netz im Extremfall verhalten.

Dickere Rohre nur im Ausnahmefall die Lösung

Dickere Rohre in der Kanalisation hält Noack nur in Ausnahmefällen für eine Lösung. Als Allheilmittel sei das „unbezahlbar“. „Außerdem muss das Wasser, das sich darin umso mehr sammeln würde, ja auch irgendwo hin.“ Teilweise könnten noch „Bypass-Lösungen“ helfen, bei denen Wasser aus überlasteten Strängen des Kanalnetzes in nicht so ausgelastete umgeleitet wird. Alles in allem aber stellt der Experte Ansätze der Stadtplanung in den Vordergrund. Beispiele: mehr Versickerungsflächen etwa durch Grüngürtel, Gründächer, Zisternen oder mehr Rückhaltebecken. Auch unter Sportplätzen oder Kinderspielplätzen könnten Sammelbecken installiert werden. Das koste dann keine zusätzliche Fläche.

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Seit 2019 müssen Neubaugebiete den Wasserhaushalt mit einplanen

Die großen Herausforderungen bei steigendem Niederschlag-Aufkommen liegt in den sorglos versiegelten Bestandsgebieten. Für Neubaugebiete macht das Land seit 2019 Kommunen zur Pflicht, eine ausreichende Regenentwässerung nachzuweisen. Sonst wird ein Bebauungsplan nicht mehr genehmigt. Kerngedanke ist, dass durch bauliche Veränderungen der Umgebung nur so viel mehr Flüssigkeit zugeleitet werden darf, wie der natürliche Wasserhaushalt verträgt.

Umweltministerium aktualisiert Generalplan Binnenwasserschutz

Aktuell hat die Landesregierung Weiteres in Planung, begonnen vor den Unwettern im Südwesten. Das Umweltministerium überarbeitet den Generalplan Binnenhochwasserschutz. Er soll an steigende Herausforderungen bei niederschlagsgetriebenem Hochwasser angepasst werden. Optimierte Methoden zum gezielten Zurückhalten von Wassermassen stehen im Mittelpunkt.

Weiteres Ziel ist, Kommunen Empfehlungen zum Umgang mit Starkregen geben. Ein Viertel der Fläche Schleswig-Holsteins entfällt auf Niederungen mit höchstens 2,5 Meter Höhe über Normalnull. Vor allem für sie ist der Generalplan wichtig. Zur Frage, an welche neue Vorkehrungen bei Starkregen gedacht ist, schweigt sich das Ressort aus. Allgemein betont ein Sprecher: „Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die aktive Umsetzung des Binnenhochwasserschutzes im Land gemeinsam mit allen Partner vorangetrieben werden muss.“

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Doppelter Wechsel auf dänischer Seite“