Die Woche am Alsensund

„Zeit, sich stören zu lassen“

Zeit, sich stören zu lassen

Zeit, sich stören zu lassen

Sonderburg/Sønderborg
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Journalistin Sara Eskildsen hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

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In dieser Woche am Alsensund drehte sich alles um die Frage, wie das Weltklima gerettet werden kann. Weshalb sie kürzlich ein Fenster aufgebrochen hat, um Energie zu sparen, verrät Sara Eskildsen in ihrer neuen Kolumne.

Wer sein Fähnchen immer nur nach dem Wind richtet, ist entweder Segler oder jemand, der anderen nach dem Mund redet. Daran musste ich denken, als ich in dieser Woche bei 13 Grad und Böen von Südwest diversen schwankenden Themenzelten gegenüberstand, in denen Fachleute über erneuerbare Energie und Klimaschutz informierten.

Weiße Plastikzelte als Symbol für den Klimaschutz

Weiße Plastikzelte als Symbol für den Klimaschutz – wie so vieles im Leben ist manches widersprüchlich.

Vor lauter Kälte und angesichts der horrenden Heizölpreise zog es mich instinktiv in das Zelt der Wärmepumpenproduzenten, wo die Infobroschüren im eisigen Wind flatterten. Offenbar bin ich in diesem Land nicht die Einzige, die über die Anschaffung einer Wärmepumpe nachdenkt: Mit einer Lieferung kann frühestens im Februar 2023 gerechnet werden.

Nachhaltiger und vor allem warmer Wohnraum kostet Geld. Neu produzierte Lösungen sind das Gebot der Stunde, nur leider ziemlich ausverkauft.

Der Kostenvoranschlag war so enorm, dass ich mich mit einem kleinen, roten Stemmeisen und sanfter Gewalt daranmachte, das widerspenstige Fenster aufzubrechen. Mit Erfolg.

Sara Eskildsen, Kolumnistin

Doch nicht immer ist Austauschen dem Ausbessern vorzuziehen. Vor Kurzem stand ich beispielsweise in meinem neuen, alten Haus vor einem widerspenstigen Fenster, das sich seit meinem Einzug partout nicht öffnen ließ.

Ein hinzugezogener Fensterexperte stellte nach kurzem, zaghaftem Ruckeln am Fenster fest: Ein neues Fenster muss her. Eingerostet sei eingerostet, da sei nichts zu machen. Am besten, ich tauschte gleich alle Fenster im gesamten Haus aus, um Energie zu sparen und die Welt zu retten.

Der Regenwald für Mjels Mark

Der Kostenvoranschlag war so enorm, dass ich mich mit einem kleinen, roten Stemmeisen und sanfter Gewalt daranmachte, das widerspenstige Fenster aufzubrechen. Mit Erfolg. Der völlig verrostete Beschlag am Fensterrahmen war schnell gefunden und ausgetauscht, und dem ansonsten fehlerfreien Thermo-Fenster ist eine Zukunft in meinem Haushalt sicher. Für mich müssen also erst mal keine neuen Fenster produziert werden.

Auch ansonsten ist mein Haus ein Vorreiter in Sachen Biodiversität – sogar in den Regenrinnen wachsen kleine Bäume, wie ich neulich erstaunt festgestellt habe. Was für Brasilien der Regenwald, ist für Mjels Mark meine Regenrinne. War, denn mittlerweile ist die Regenrinne gerodet und teilt ihr Schicksal erneut mit dem Regenwald.

Der (mittlerweile gerodete) Regenwald von Mjels Mark Foto: Sara Eskildsen

Wie gehen wir mit unseren Energieressourcen um, und wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Frage ist ebenso privat wie politisch und wurde in dieser Woche am Alsensund bei der Konferenz der Internationalen Energie Agentur in den Mittelpunkt gestellt.

Die beste Methode, Energie zu sparen, ist, keine zu verbrauchen, stellte Klimaminister Dan Jørgensen bei einer Diskussion im Plastikzelt nüchtern fest. Mit Blick auf den CO₂-Abdruck der Konferenz ein interessanter Gedanke.

Immerhin wurden Entscheidungstragende aus aller Welt eingeflogen, umhergefahren und verköstigt.

Wandel kommt von wandeln

Sie haben im Alsik getagt und fein gespeist, während beim Volksfest am Hafen Bioeis geschleckt wurde, das im Eiswagen künstlich gekühlt wurde. Energieverbrauch in einer Luxusgesellschaft, wohin man nur blickt.

Doch in diesem Fall ist es wohl wie mit der Heizanlage – eine Investition in die Zukunft kostet Geld und Energie. Wer weitermacht wie immer, kann keinen Wandel bewirken. Wandel kommt von wandeln. Nicht von stillstehen.

Die Konferenzteilnehmer sind mittlerweile wieder zurück in ihren Ländern. Ob in Indien, USA, China oder den Niederlanden – überall werden sie nun von den Lösungen erzählen, die sie in dieser Woche am Alsensund kennengelernt haben. Und wir, die Zurückgebliebenen, müssen lernen und üben, nachhaltiger zu leben.

Vielleicht kann Sonderburg der Schmetterling sein, der mit seinem Flügelschlag die Energiewende beschleunigt.

Sara Eskildsen, Kolumnistin

Vielleicht kann Sonderburg der Schmetterling sein, der mit seinem Flügelschlag die Energiewende beschleunigt. „Schon der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann in Texas einen Orkan auslösen" ­– mit dieser These machte Meteorologe Edward Lorenz Anfang der 1970er Jahre die Chaosforschung über Nacht populär.

Jede einzelne Handlung hat Konsequenzen

Seine Aussage: Minimale Störungen in nicht linearen Systemen können zu drastischen Veränderungen führen.

Wenn ich die Klimaexperten in dieser Woche richtig verstanden habe, braucht die Welt drastische Veränderungen. Zeit, um sich in seinem bequemen Alltag ein wenig stören zu lassen. Jede einzelne Entscheidung, jede Handlung hat Konsequenzen.

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