Serie Teil 3

Elias Heigolds langer Weg in den Sonderburger Konzertsaal

Elias Heigolds langer Weg in den Sonderburger Konzertsaal

Elias Heigolds langer Weg in den Sonderburger Konzertsaal

Sonderburg/Sønderborg
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Elias Heigold vor dem Konzertsaal im Alsion Foto: Nils Baum

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In einem großen Orchester Trompete spielen. In seiner Jugendzeit wird das der innige Wunsch des ersten Trompeters von Sønderjyllands Symfoniorkester. Aber ist das wirklich zu schaffen? Zwar spielt Elias Heigold seit seiner Kindheit Trompete. Doch als er Jahre später kurz vor Abschluss seines Studiums am Musikkonservatorium steht, melden sich Zweifel.

„Endlich einer, der etwas Richtiges studiert“, erinnert sich Elias Heigold an die Worte seines Vaters, als er sein Bachelorstudium in klassischer Musik mit Trompete als A-Fach begann. Das ist inzwischen lange her. Seit 2012 ist er erster Trompeter bei Sønderjyllands Symfoniorkester, und zuletzt bekam er im Januar dieses Jahres die Chance, mit einem Konzert sein Talent als Solist vor Publikum präsentieren zu können.

Doch dafür bedurfte es Entschlossenheit und Ausdauer. Und am Ende wohl wie so oft auch eine kleine Portion Glück, dass im entscheidenden Moment alles zusammenpasste. So wie es 2012 der Fall war, als Elias Heigold die Jury von Sønderjyllands Symfoniorkester davon überzeugen konnte, ihn anzustellen.

Wie es dazu kam, darum geht es in den Teilen 3 und 4 einer Serie über Sønderjyllands Symfoniorkester.

Artikelserie über Sønderjyllands Symfoniorkester

„Der Nordschleswiger“ stellt Sønderjyllands Symfoniorkester in einer Artikelserie näher vor und gibt Einblicke in einen der größten Kulturbetriebe Nordschleswigs.

In den ersten 4 Teilen geht es um Elias Heigold, der als erster Solotrompeter den Ton unter den Blechbläsern vorgibt, und den Dirigenten Shao-Chia Lü. Er hat das Solokonzert, in dem Elias Heigold sein musikalisches Talent in vollem Umfang einem breiten Publikum darbieten konnte, dirigiert.

In den Teilen 5, 6 und 7 der Serie stellt sich Musikchef Nikolaj Andersen Fragen zur Arbeitsroutine eines Sinfonieorchesters, dem internationalen Flair, das Sønderjyllands Symfoniorkester prägt, und das Verhältnis Nordschleswigs zu klassischer Musik. Außerdem geht es um die Frage, wie sich solch ein großes Orchester finanziert. In Teil 8 wirft „Der Nordschleswiger“ einen Blick hinter die Kulissen des Alsions.

Viel elterliche Unterstützung

Seine Geschichte beginnt, als er kurz nach seiner Einschulung in Luzern zum Tag der Musikschule geht, wie dieser Tag in der Schweiz genannt wird. Zu dem Zeitpunkt ist Elias Heigold sieben Jahre alt. Eigentlich noch zu jung, um mit der Kunst des Trompetenspiels zu beginnen, allerdings widerfährt ihm viel Unterstützung von seinen Eltern und Geschwistern.

Seitdem er klein war, hat er versucht, einen Ton aus einer der Trompeten seiner Geschwister herauszubekommen. Und als sein großer Bruder nicht mehr länger Trompete spielen will, fällt es ihm leicht, sowohl seine Mutter als auch seinen Musiklehrer davon zu überzeugen, dass er die Trompete seines Bruders übernehmen möchte.

Elias Heigold versuchte bereits als Kind, den Trompeten seiner Geschwister einen Ton zu entlocken. Seine Frau Susanne kommt aus Mecklenburg-Vorpommern, weshalb der Mecklenburger Ochse das gemeinsame Foto des Paares schmückt. Foto: Nils Baum

Geschwister als Vorbild

Und genau so kommt es auch. In den nachfolgenden Jahren geht Elias Heigold jeden Mittwoch zum Musikunterricht in Reussbühl, einem Ortsteil der Stadt Luzern in der Schweiz, wo er auch aufwächst. Hier bekommt er Einzelunterricht in Trompetenspiel, und zu diesem Zeitpunkt ist es sein größter Wunsch, genauso gut wie sein Bruder zu werden, der in einer Brassband spielt – um danach selbst in einer vergleichbaren Band spielen zu können.

Er übt deshalb jeden Tag und verschmilzt mehr und mehr mit seinem Instrument, das tägliches Üben erfordert, wenn sich die Spielkunst mehr und mehr entfalten soll.

Als Zwölfjähriger gelingt es ihm, mit in eine der lokalen Brassbands zu kommen, die sich jeden Dienstag und Donnerstag trifft; darüber hinaus spielt er jetzt jeden Montag in einem Jugendblasorchester mit, und mittwochs spielt er in einem Bläserensemble am Gymnasium. Schließlich gibt er in verschiedenen Formationen fast jedes Wochenende Konzerte.

Elias Heigold kann sich ein Leben ohne Trompete nicht vorstellen. Er übt jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, um jene Muskeln fit zu halten, die er benötigt, um dem Blechinstrument die schönsten Klänge zu entlocken. Foto: Nils Baum

Große Unterstützung von zu Hause

Es sind nur wenige Tage, an denen Elias Heigold sich wünschen würde, mehr Zeit für andere Dinge zu haben, wie sie seine übrigen Klassenkameradinnen und -kameraden machen. Die meisten seiner Freunde spielen aber ohnehin in der Brassband mit, und allmählich wird der Schwerpunkt auf die Musik immer seriöser. So kommt es auch, dass er nur die absolut notwendigen Hausaufgaben in der Schule macht und schließlich die achte Klasse wiederholen muss.

Dass es am Gymnasium Musik als A-Fach gibt, motiviert ihn dann aber doch, es noch bis zum Abitur zu schaffen. Seine Mutter ermuntert ihn in seinem Wunsch, weil sie erkannt hat, dass ihr Sohn ohnehin die meiste Zeit damit verbringt, Trompete zu spielen und sich nicht so sehr um das Pensum in den übrigen Fächern schert.

„Meine Eltern haben mich nie zu etwas gezwungen, im Gegenteil, sie haben mich immer unterstützt“, sagt Elias Heigold. Als er in die 11. Klasse geht, beschließt er, nach dem Abitur Trompete am Konservatorium zu studieren. Das ist der Moment, in dem er nach einer professionellen Musikerkarriere schielt und sich nach ganz oben träumt. 

Die Trompete ist lediglich eine Art Verstärker. Der Ton entsteht durch die Luft, die die Lippen zum Schwingen bringt, und das erfordert einen gut trainierten Muskel, der den Mund umschließt. Foto: Nils Baum

Erstmals Gegenwind

Wie viel Glück er darin hat, so viel Unterstützung von zu Hause zu erfahren, wird Elias Heigold erst klar, als ihm die übrigen Studierenden am Konservatorium erzählen, dass sie zunächst etwas Handfestes lernen mussten, ehe sie Musik studieren durften. 

Während seines gesamten musikalischen Reifeprozesses hindurch und auch während seines Studiums verspürt er Rückenwind. Doch als er versucht, anschließend eine feste Anstellung als Trompeter zu finden, beginnen die Dinge etwas anders auszusehen.

Die meisten hoffnungsvollen Talente werden nämlich am Ende Lehrerin oder Lehrer an einer Musikschule statt professionelle Orchestermusikerin oder professioneller Orchestermusiker. Als Elias Heigold im Februar 2012 seinen Master in Instrumentalpädagogik und Orchestermusik im Alter von 27 Jahren bekommt, hat er bereits an rund 15 Aufnahmeprüfungen teilgenommen, stets in der Hoffnung auf eine Festanstellung in einem Sinfonieorchester.

Für Elias Heigold sind die täglichen Muskelübungen an der Trompete seine Lebensversicherung. Foto: Nils Baum

Nur wenige freie Orchesterplätze

Doch das gestaltet sich als äußerst schwierig. Immer wieder erlebt er, nach nur fünf Tönen ein „Danke, Nächster“ als Reaktion zu hören. Oder ein „Danke, du bist in der zweiten Runde mit dabei“, was ihn für einen kurzen Moment Hoffnung schöpfen lässt, nur um kurze Zeit später zu erfahren, dass doch jemand anderes die Stelle bekommen hat.

Außerdem gibt es nur selten einen freien Orchesterplatz für eine Trompeterin oder einen Trompeter, weil Orchester in der Regel nur mit drei Trompeten besetzt sind. Und diejenigen, die eine Festanstellung als Orchestermusikerin oder -musiker bekommen haben, behalten diese Position in der Regel ihr ganzes Arbeitsleben hindurch.

Mit anderen Worten kann viel Zeit verstreichen, ehe wieder eine freie Stelle angeboten wird. Zudem erleichtert der Umstand, dass das Musikkonservatorium jedes Jahr frisch ausgebildete Musikerinnen und Musiker hervorbringt, die Situation nicht. Oftmals bewerben sich mehr als 100 Personen auf eine freie Orchesterstelle. Davon werden in der Regel lediglich zwischen 30 und 35 zur Aufnahmeprüfung eingeladen.

Eine Art Lotterie

„Und wenn man endlich dort steht und zeigen darf, was man kann, dann ist es wie in einer Art Lotterie. Wenn der Stil, der Klang oder das Menschliche nicht stimmen, dann kann man nichts machen. Es gibt Tage, an denen alles passt, sowohl bei einem selbst als auch in Hinblick auf die Wünsche, die das Orchester hat; und dann gibt es Tage, an denen nichts von beidem funktioniert“, erzählt Elias Heigold und betont, dass die Tagesform sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Ihm ist deshalb das Risiko bewusst, wenn er weite Strecken zu einer Aufnahmeprüfung auf sich nimmt, dass er schon nach wenigen Takten wieder nach Hause geschickt wird. Normalerweise besteht eine Aufnahmeprüfung aus drei Durchgängen, bei denen meistens zehn Personen nach der ersten Runde übrig sind, die dann nach dem zweiten Durchgang auf vier oder fünf reduziert werden. Und manchmal passiert es auch, dass niemand von ihnen einen Platz bekommt.

Eine von 15 Trompeten, die Elias Heigold sein Eigen nennt Foto: Nils Baum

Zweifel kündigen sich an

Obwohl Elias Heigold weiß, dass er die Kunst des Trompetenspiels auf hohem Niveau gelernt hat, melden sich bei ihm zu diesem Zeitpunkt Zweifel, ob er jemals Erfolg haben wird. Vielleicht ist er trotz allem einfach nicht gut genug.

Er beschließt, sich selbst zwei weitere Jahre einzuräumen, um eine Festanstellung als Orchestermusiker zu finden. Ihm ist in jeder Hinsicht bewusst, dass die Chancen immer geringer werden, je mehr Zeit seit der Abschlussprüfung vergeht. Sollte es nicht klappen, muss er einen anderen Weg einschlagen und in einem Bläserquintett spielen und damit jede Woche auftreten, während er gleichzeitig als Musiklehrer arbeitet.

Doch noch lebt der Traum von einer Festanstellung als Orchestermusiker, und so beschließt er, den Radius für seine Bewerbungen auf andere Länder als die Schweiz auszuweiten, wo er bereits zu Aufnahmeprüfungen bei den meisten Sinfonieorchestern gewesen ist.

Annonce aus Sonderburg

Eines Tages lesen er und seine Freundin, die ebenfalls am Konservatorium studiert und ihn in seinen Bemühungen nach einer Festanstellung unterstützt, eine Annonce für eine Aufnahmeprüfung in Sonderburg (Sønderborg) im April 2012. „Wir wussten beide nicht, wo das ist“, erinnert er sich, „aber als wir herausainden, dass das in Dänemark liegt, forderte meine Freundin mich auf, der Sache eine Chance zu geben.“

Zwei Tage vor der Aufnahmeprüfung melden sich bei Elias Heigold jedoch erneut die Zweifel. Er fragt sich, weshalb um alles in der Welt er nun den ganzen Weg aus der Schweiz in Richtung Norden antreten soll, nur um drei Töne zu spielen und danach wieder die niederschmetternden Wörter „Danke, Nächster“ zu hören.

Aber seine Freundin besteht darauf, dass er fährt und schiebt ihn mit den Worten aus der Tür, dass er schließlich mit seinem Studium fertig sei und frei habe, weshalb er sich einfach zwei schöne Tage machen solle. Und so macht sich Elias Heigold am nächsten Tag mit vier Trompeten und einer Banane im Gepäck auf den Weg nach Sonderburg.

Was er dort erlebt, steht in Teil 4 „Zur Aufnahmeprüfung nach Sonderburg“

Mit Selbstzweifeln im Bauch fährt Elias Heigold im April 2012 mit dem Zug zur Aufnahmeprüfung nach Sonderburg. Foto: Nils Baum
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Kommentar

Hannah Dobiaschowski
Hannah Dobiaschowski Projekte / Marketing
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