Ausstellung

100 Jahre im Grenzland: Gebäck, Gestapo und Gemeinschaft

100 Jahre im Grenzland: Gebäck, Gestapo und Gemeinschaft

100 Jahre im Grenzland: Gebäck, Gestapo und Gemeinschaft

Sonderburg/Sønderborg
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Im Treppenhaus des Schlosses weist ein altes Schild aus Døstrup den Weg in die neue Ausstellung. Foto: Sara Wasmund

Was haben das Zigarettenetui von Naziführer Frits Clausen, ein zweisprachiges Stadtschild und ein Eishockeytrikot des Sportvereins „SønderjyskE“ gemeinsam? Die neue Ausstellung im Sonderburger Schloss liefert die Antwort. Sie macht 100 Jahre Grenzlandgeschichte greifbar – und zwar buchstäblich.

Wie erzählt man 100 Jahre Geschichte im Grenzland? Über diese Frage hat Historiker und Museumsinspektor Carsten Porskrog Rasmussen jahrelang nachgedacht.

Das Ergebnis ist nun in der neuen Ausstellung „100 år med Danmark – Sønderjylland siden genforeningen“ im Sonderburger Schloss zu sehen. Die Antwort vorweg: Die Vermittlung geschieht vor allem über spannende Originalgegenstände, aber auch über digitale Angebote.

Originalgegenstände erzählen Geschichte

So ist das Original-Grenzhaus vom Übergang Mühlenhaus/Møllehus inklusive Ampel ebenso Teil der Ausstellung wie das Zigarettenetui des Naziführers Frits Clausen. Oder jenes zweisprachige Ortsschild, das in der Kommune Hadersleben/Haderslev 2015 für Aufruhr gesorgt hat – es taucht in der Ausstellung wieder auf.


Das umstrittene Ortsschild aus Hadersleben erzählt eine eigene Geschichte von Identität im Grenzland. 2015 sorgte die Kommune Hadersleben für Aufsehen, als sie ein zweisprachiges Schild aufstellte – es wurde umgehend wieder entfernt. Die Schleswigsche Partei hingegen gibt sich mehr und mehr „sønderjysk“, wie die ausgestellte Kampagne zeigt. Foto: Sara Wasmund
Willkommen im Königreich Dänemark 1920: Königin Alexandrine blickt im Eingangsbereich der Ausstellung auf die uniformierten Bediensteten Dänemarks. Foto: Sara Wasmund

Neben dem Auffinden von Hunderten von Original-Gegenständen – eine von Königin Margrethe II. bemalte Vase ist auch dabei – hat das Museum Sønderjylland in digitale Vermittlung investiert.

In einem abgeschirmten Raum laufen beispielsweise über drei Wände hinweg Filme aus der Zeit zwischen 1933 und 1939.

Minderheiten-Schulen als Spiegel der Zeit

Auf einem Touchscreen können Besucher der Ausstellung je nach Angabe der Jahreszahl sehen, wie sich die privaten Schulen der deutschen und dänischen Minderheit zwischen 1920 und 1955 entwickelt haben.

An einer „digitalen“ Kaffeetafel können sich die Museumsgäste bedienen. Und herausfinden, ob sie die richtige Reihenfolge bei der Nordschleswigschen Kaffeetafel draufhat.

Modellgebäck in der Vitrine, im HIntergrund die digitale Kaffeetafel, bei der die Stimme von Backexpertin Katja Stoch zum Mitmachen auffordert. Foto: Sara Wasmund
1920 als die Geburtsstunde der beiden Minderheiten, davon erzählen die Gegenstände dieser Vitrine. Foto: Sara Wasmund

Das Ziel der Ausstellung, 100 Jahre Grenzlandgeschichte begreifbar zu machen, wird somit buchstäblich greifbar. Geschichte zum Anfassen.

Der Leiter der Abteilung Geschichte im Museum Sonderburger Schloss, Carsten Porskrog Rasmussen, hat die neue Ausstellung mitkonzipiert. Er hat unter anderem Familienangehörige dazu bewegt, Originalgegenstände der Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Alltag im Grenzland zwischen Ideologie und Identität

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Abmontierte deutsche Straßenschilder. Alte Uniformen, der Original-Anzug von Speedway-Weltmeister Ole Olsen, ein Grabstein mit einem falschen Todesdatum darauf, weil die Angehörigen den Todeszeitpunkt im Gefangenenlager Fårhuslejren verheimlichen wollten – all diese Dinge erzählen vom Alltag im Grenzland zwischen Ideologie und Identität, menschlichen Schicksalen und nationalen Bewegungen.

Grenzgendarm, Oberst, Amtsmann, Polizeimeister und Postbote: Auch die Uniformen wurden 1920 in Nordschleswig der dänischen Norm angepasst. Foto: Sara Wasmund

Eingeteilt ist die Ausstellung in drei Themenabschnitte. Der erste behandelt die neue dänische Identität und die der Minderheiten zwischen 1920 und 1939, die sich nach der Grenzziehung in Nordschleswig entwickelten.

Der Alltag im Landesteil wird dänisch

Eine ganze Region musste eingegliedert werden – angefangen bei den Uniformen der Staatsbediensteten bis hin zu den Drainagerohren in den Äckern Nordschleswigs. Auch Telefonleitungen und Orts- und Straßenschilder wurden denen im Königreich angepasst.


Grenzpfahl Nummer 4 stand bei Krusau/Kruså. D steht für Dänemark und DR P für Deutsches Reich Preußen. Foto: Sara Wasmund

Ein weiterer Abschnitt behandelt die Zeit zwischen 1939 und 1945.

Zu sehen sind eine von Maschinengewehrsalven durchlöcherte Tür, hinter der sich dänische Saboteure versteckt haben und ein rekonstruiertes Nimbus-Motorrad mit Maschinengewehrhalterung. Außerdem sind da der Säbel von Gestapo-Mann Günther Pancke und Schaukästen, in denen die Rolle der deutschen Minderheit und der „Freiwilligen des Führers“ dargestellt werden.

Die Freiwilligen des Führers: Mehr als 2.000 Männer aus Nordschleswig leisteten freiwillig deutschen Kriegsdienst, die meisten von ihnen kamen aus der deutschen Minderheit. Doch auch Nordschleswiger dänischer Gesinnung meldeten sich. Unter den Kriegsfreiwilligen deutscher und dänischer Gesinnung entstand eine Frontgemeinschaft. Foto: Sara Wasmund
Ein Säbel des deutschen Gestapo-Mannes und Leiter der dänischen Polizei in Dänemark, Günther Pancke, neben einer Waffe des dänischen Offiziers Svend Paludan-Müller, der sich der Gestapo widersetzte und nach einem Gefecht mit den Nazis in Gravenstein starb. Foto: Sara Wasmund
Hinter dieser Tür verschanzten sich im Februar 1944 Mitglieder der Widerstandsgruppe „Holger Danske“ bei Apenrade – die Tür ist von Maschinengewehrkugeln durchsiebt, die die Gestapo abfeuerte. Foto: Sara Wasmund

Von dunkel gehaltenen Räumen tritt der Besucher der Ausstellung in einen dritten Bereich: die Entwicklung Nordschleswigs nach 1945.

Die neue Rolle der Minderheiten, die „Mojn“-Kampagne aus den 1970er Jahren, die Industrialisierung der Region, das Amt Sønderjylland und dessen Ende, Dialekt, Ringreiten, der Sportclub „SønderjyskE“ – Teil drei zeigt, wie sich Nordschleswig entwickelt hat. Auf einer digitalen Wand erzählen Nordschleswiger von „ihrem“ Grenzland.

Auch die „Vi ka æ sproch“-Kampagne ist dabei

Dieser Ausstellungsbereich zeigt auch, wie die Grenze die Region geprägt hat. Stichworte „Butterfahrten“, Grenzhandel, „Spritboote“ und Zöllner. Auch der Wildschweinzaun und „TVSyd“ spielen eine Rolle. Die „Vi ka æ sproch“-Kampagne der Schleswigschen Partei hat ebenfalls ihren Weg in die Ausstellung gefunden.

Der Original-Anzug von Speedway-Weltmeister Ole Olsen Foto: Sara Wasmund

100 Jahre Nordschleswig, das bedeutet 100 Jahre Alltag im Grenzland. Die neue Ausstellung bietet einen faszinierenden Einblick in das Leben und die Gedankenwelten der Menschen in Nordschleswig – damals wie heute.


Ein Original-Grenzhäuschen vom Grenzübergang Mühlenhaus/Møllehus erzählt von einer Zeit, als an der Grenze die Pässe kontrolliert wurden. Foto: Sara Wasmund
Typisch Nordschleswig: das Ringreiten. Das Fahrradringreiten für Kinder hat sich in den vergangenen Jahren zur eigenen Disziplin entwickelt. Foto: Sara Wasmund

„100 år med Danmark – Sønderjylland siden genforeningen“

  • Die Ausstellung „100 år med Danmark – Sønderjylland siden genforeningen“ ist für die Öffentlichkeit ab dem 18. Januar täglich von 13 bis 16 Uhr im Südflügel des Sonderburger Schlosses zu besichtigen.
  • Die Ausstellung wird auf Dänisch, Deutsch und Englisch erzählt.
  • Prinzessin Benedikte eröffnet die Ausstellung am Freitag, 17. Januar, um 14 Uhr.
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