Leitartikel

„Die dänische Minderheit in der Krise – auch ein Problem für die deutsche Minderheit“

Dänische Minderheit in der Krise – auch ein Problem für deutsche Minderheit

Dänische Minderheit in der Krise – auch ein Problem für uns

Apenrade/Aabenraa
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In Südschleswig hat die Kulturorganisation der dänischen Minderheit nach jahrelangen Uneinigkeiten das Zusammenarbeitsorgan verlassen. Warum die internen Streitigkeiten auch für die deutsche Minderheit in Nordschleswig eine Herausforderung werden können, erklärt Chefredakteur Gwyn Nissen in seinem Leitartikel.

Das war eine Bombe: Die Kulturorganisation der dänischen Minderheit, Sydslesvigsk Forening (SSF), verlässt das Zusammenarbeitsorgan Det sydslesvigske Samråd – und knallt mit der Tür. Damit löst SSF endgültig die Krise in der dänischen Minderheit aus, die seit mehreren Jahren offensichtlich gewesen ist, wo es aber dennoch ein Quäntchen Hoffnung gegeben hat, dass die Streitigkeiten nicht explodieren würden. Nun ist es doch passiert, und damit steht die dänische Minderheit vor einer riesigen Herausforderung.

Die gegenwärtige Krise in der dänischen Minderheit ist auch für die deutsche Minderheit schlecht, denn die dänische Minderheit ist in den vergangenen 10 bis 20 Jahren zunehmend zu einem wichtigen Partner im deutsch-dänischen Grenzland geworden.

Es wird in vielen Bereichen freundschaftlich kooperiert: Die Medien „Flensborg Avis“ und „Der Nordschleswiger“ haben eine enge Zusammenarbeit, die Schulvereine betreiben gemeinsam das Institut für Minderheitenpädagogik, die Parteien Südschleswigscher Wählerverband (SSW) und Schleswigsche Partei (SP) sowie ihre Jugendorganisationen machen gemeinsame Aktionen und Politik, die Jugend- und Sportverbände arbeiten eng zusammen – unter anderem in Verbindung mit der Fußball-Europeada – der Bund Deutscher Nordschleswiger und SSF hegen eine enge und vertrauliche Zusammenarbeit, und in wenigen Wochen stehen Verbände von beiden Minderheiten an einem gemeinsamen Stand bei der Lehr-Messe (Lærfest) in Aarhus (vor 20 Jahren noch undenkbar).

Diese Kooperationen gehen sicherlich weiter, egal, was in der dänischen Minderheit passiert. Aber es prägt dennoch die Zusammenarbeit, wenn die Organisationen der dänischen Minderheit einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit auf die inneren Angelegenheiten richten müssen, statt ihre Kräfte innovativ und kooperativ einzusetzen.

Es ist ein kräftezehrender innerer Kampf, der die dänische Minderheit schon seit Längerem prägt. Geschichte, Struktur, persönliche Animositäten und eine unterschiedliche Sicht auf die Dinge und die Zukunft spielen da eine Rolle. Und es geht schließlich auch um Macht und die Sorge darüber, was passiert, wenn man diese Macht mit anderen teilen und ein Stück Selbstständigkeit abgeben muss.

Der Austritt von SSF aus dem Koordinationsorgan Det sydslesvigske Samråd ist ein folgerichtiges und notwendiges Signal, schreibt Chefredakteur Jørgen Møllekær von „Flensborg Avis“ in einem Leitartikel am Donnerstag. Es besteht dabei sogar das Risiko, dass der Samråd ganz auseinanderfällt und die dänische Minderheit um Jahre zurückversetzt wird – oder umgekehrt, dass sich vielleicht Türen öffnen für die Zukunft.

Der Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, wollte die Probleme südlich der Grenze nicht kommentieren. Irgendwie verständlich, denn natürlich soll sich die deutsche Minderheit nicht in die inneren Angelegenheiten der dänischen Minderheit einmischen. Und gute Onkel-Ratschläge aus Nordschleswig benötigt die dänische Minderheit jetzt am wenigsten.

Die Verhältnisse und Voraussetzungen in Südschleswig sind eben anders als in Nordschleswig. Der deutschen Minderheit ist damals eine andere Organisation in die Wiege gelegt worden. Ob man damals an die heutigen Vor- und Nachteile gedacht hat? Sicherlich nicht.

Heute und in der jetzigen Situation erweist sich die Struktur mit dem BDN als Dachverband als ein Glücksgriff, denn mit einer Struktur wie der dänischen Minderheit – wo jeder Verband zunächst an sich denkt und nicht an die gesamte Minderheit – hätten wir sicherlich auch in Nordschleswig Ärger.

Diesen hat es historisch auch im Hauptvorstand des Bundes Deutscher Nordschleswiger gegeben, aber in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Konstruktion als Erfolgsmodell erwiesen. Der Hauptvorstand agiert konstruktiv und vor allem solidarisch, wobei die wichtigste Währung das gegenseitige Vertrauen ist.

Verbänden in Not wird in der deutschen Minderheit geholfen – aus der gemeinsamen Kasse und mit vereinten Kräften. Beispiele gibt es genügend: die Probleme im Deutschen Jugendverband für Nordschleswig und das Knivsbergfest, die Digitalisierung des „Nordschleswigers“, der Ausbau des Deutschen Museums in Sonderburg oder die Energiekrise, bei der im vergangenen Jahr gezielt Investitionen in die Energiesanierung von Schulen und Kindergärten kanalisiert werden.

Das waren gemeinsame, verbandsübergreifende und solidarische Entscheidungen – getragen auch von der Struktur, die wir in der deutschen Minderheit haben.

Der nächste große Test der deutschen Minderheit steht aber auch schon bevor, nämlich die Diskussion über die zukünftige Ausrichtung und Organisationsstruktur, wie sie diese Woche von der AG Zukunft präsentiert wurde.

Genau das war das Thema, an dem sich auch die dänische Minderheit die Zähne ausgebissen – manche würden sogar sagen, gegenseitig ausgeschlagen – hat: die Zukunft. Und das wird auch in der deutschen Minderheit heiß diskutiert werden, wenn sich die Machtverhältnisse verschieben.

Der frühere Vorsitzende des Sydslesvigudvalg – verantwortlich für die Verteilung von über einer halben Milliarde Kronen vom Folketing an die dänische Minderheit in Südschleswig, Christian Juhl von der Einheitsliste, bringt es auf den Punkt: „Wenn man so gute Verhältnisse hat, sollte man die Zeit nicht darauf verwenden, sich zu streiten.“

Diese Worte sollte sich auch die deutsche Minderheit in den kommenden Jahren zu Herzen nehmen – auch wenn es in Nordschleswig (noch) keine Probleme gibt.

Wie die dänische Minderheit weiterkommt? Es gibt wohl keine einfachen Lösungen – sonst wären diese schon längst bewerkstelligt. Vor allem geht es aber darum, das Vertrauen wiederherzustellen und den gemeinsamen Nenner zu finden – das hört sich leichter an, als es ist, denn in den vergangenen Jahren ist viel Porzellan zerschlagen worden. Was aber sicher ist: Die dänische Minderheit kann nicht so weitermachen wie bisher – es gibt nur den gemeinsamen Weg in die Zukunft.

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