Deutsche Bücherei

Bücherherbst 2022: Die Tipps von Annemarie Stoltenberg

Bücherherbst 2022: Die Tipps von Annemarie Stoltenberg

Bücherherbst 2022: Die Tipps von Annemarie Stoltenberg

Apenrade/Aabenraa
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Annemarie Stoltenberg besuchte die deutsche Minderheit und stellte 19 Bücher vor, die die dunkle Jahreszeit zu einem Erlebnis machen. Foto: Helge Möller

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Sachbücher, Romane, Krimis – die Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg hat interessante Werke für die Freundinnen und Freunde des guten Buches in Nordschleswig herausgesucht – und am Mittwochabend im Haus Nordschleswig präsentiert, wie nur sie es kann, persönlich, heiter, nachdenklich und vor allem fachkundig.

„Ja, es ist schwer“, sagte Annemarie Stoltenberg am Ende des Abends und beantwortete damit die Frage, wie sie als Literaturkritikerin es schafft, einerseits die Handlung des Buches wiederzugeben, andererseits aber nicht zu viel zu verraten. „Manchmal schieße ich auch über das Ziel hinaus“, gab sie zu.

Aber nicht am Mittwochabend im Haus Nordschleswig, als Annemarie Stoltenberg 19 Neuerscheinungen vom Buchmarkt vorstellte – was sie mit Witz und Sachkenntnis tat und wobei sie auch nicht zu viel verriet vom Plot. Die Spannung blieb also gewährleistet.

Internationale Autorinnen und Autoren

Neben Romanen stellte Annemarie Stoltenberg wieder Krimis und auch Sachbücher vor. Wie im vergangenen Jahr konnten Literaturinteressierte über ihren PC oder ihr iPad den Bücherherbst von zu Hause aus verfolgen. Neu in diesem Jahr: Bücher von internationalen Autorinnen und Autoren, deren Werke in deutscher Übersetzung erhältlich sind, wie etwa „Lincoln Highway“ von Amor Towles aus den USA – ein Roman, in dem es um harte Schicksale von Menschen geht, die allesamt unentwegt unterwegs sind – auch um ein gestohlenes Auto zurückzuerobern.

„Rund 80 Autorinnen und Autoren können vom Schreiben leben, alle anderen haben noch andere Jobs“, berichtete Annemarie Stoltenberg. Dörte Hansen, so schätzte sie, könne wohl nach ihren Erfolgen vom Schreiben leben. „Zur See“ heißt der neue Roman der Autorin, die einmal Kollegin beim „NDR“ von Annemarie Stoltenberg war und sich entschied, die Anstellung aufzugeben, um freie Schriftstellerin zu werden. „Ein tiefgründiger Roman", so Stoltenberg, in dem es um eine Familie auf einer namenlosen Insel im Meer geht.

Der Schweizer Schriftsteller Alex Capus konnte sich dank seines Erfolges als Autor die Dorfkneipe kaufen. Offenbar eine gute Wahl, denn so habe Capus von den Kneipengängern erfahren, dass Geschichten absolut wahr sein müssen, um interessant zu sein. So sei Capus’ Roman „Susanna“ entstanden, berichtete die Literaturexpertin.

Und wenn Annemarie Stoltenberg Sätze sagt wie „Man hat das Gefühl, dass Schweizer mit einem Bankkonto auf die Welt kommen“, dann sorgt das dafür, dass zum einen der Autor im Gedächtnis bleibt und zum anderen dafür, dass die Buchvorstellung an sich ein Ereignis ist und keine reine Kauf- und Ausleih-Empfehlung – die vorgestellten Bücher sind in der Zentralbücherei Apenrade entleihbar.

Starke Frauen

Über eine Mutter, die kämpft und sich gegen ihren Mann behauptet, der ihr nicht guttut, schreibt Daniela Dröscher in ihrem Roman „Lügen über meine Mutter“. „Ein Ehemann mit einem Karriereverdacht gegen sich selbst“, wie Annemarie Stoltenberg diese Romanfigur auf den Punkt beschreibt. Starke Frauen, von Autorinnen in Szene gesetzt, finden sich auf der Bücherliste einige. Etwa in Angela Steideles Werk „Aufklärung“, in dem Steidele die Leserinnen und Leser mitnimmt in die Zeit von Johann Sebastian Bach, dessen Tochter Dorothea in Steideles Werk sich darüber ärgert, wie wenig die Leistung von Frauen gewürdigt wird und beschließt, das Bild zurechtzurücken.

Ins Mittelalter entführt Lauren Groff die Leserinnen und Leser in ihrem Roman „Matrix" zu der unehelichen Tochter eines Königs, die von der ehelichen Tochter ins Kloster abgeschoben wird, aber dort über die Jahre das Kloster zum Erblühen bringt – weil sie auf die Stärken der anderen schaut und baut. „Eine Art Unternehmensberater mit Pathos und reichhaltiger Sprache", so Annemarie Stoltenberg, die aus dem rollenden Bücherregal eine weitere interessante Autorin hervorzog: Gesammelte Geschichten von Shirley Jackson, die gerne Gruselgeschichten schrieb, die aber nicht so gut bezahlt wurden wie ihre Artikel in amerikanischen Frauenzeitschriften, die nun gesammelt vorliegen und, so Stoltenberg, „völlig unverstaubt, spaßig“ und somit lesenswert sind. „Der Kampf um die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, den gab es früher schon und ist keine Erfindung der jetzigen Generation", so Stoltenberg.

Historische Romane

Heinrich Steinfest entführt die Leserinnen und Leser in einen Buchladen auf einem Berg in 1.700 Metern Höhe, in dem verschiedene Personen aufeinandertreffen, und Alain Claude Sulzer schließlich stellt mit „Doppelleben“, angesiedelt in Frankreich zur Mitte des 19. Jahrhunderts, einen historischen Roman vor, der auf den Tagebüchern der Brüder Edmond und Jules Goncourt beruht. Geistreiche Tagebücher, aus denen Sulzer eine „besondere Geschichte“ zaubert, mit Humor, aber auch mit Tragik, denn einer der Brüder wird schwer krank. Der Blick zurück in andere Epochen, siehe Groff, bietet offenbar weiterhin Geschichten, die noch zu erzählen sind.

Zum Schluss empfahl Annemarie Stoltenberg noch etwas ganz Besonderes – mit einem besonders langen Titel: „Neuerliche, entdeckungsfreudige Erkundung des Grimmschen Wörterbuches“. Wie in der Natur gibt es auch im deutschen Wortschatz eine Art Artensterben“, so Annemarie Stoltenberg. Wörter verschwinden, da sie nicht mehr gebraucht werden. Einen Auszug von dem, was es einmal Schönes gab, ist im „Neuerliche, entdeckungsfreudige Erkundung des Grimmschen Wörterbuches“ nachzulesen.

Annemarie Stoltenbergs Leidenschaft sind Bücher. Foto: Helge Möller

Bücherliste/Herbst 2022: vorgestellt von Annemarie Stoltenberg, Hamburg

1. Dörte Hansen: Zur See. Penguin, 24 Euro
2. Alex Capus: Susanna. Hanser, 25 Euro
3. Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Kiwi, 24 Euro
4. Christoph Peters: Der Sandkasten. Luchterhand, 22 Euro
5. Kati Naumann: Die Sehnsucht nach Licht. Harper Collins, 22 Euro
6. Amor Towles: Lincoln Highway. Hanser, 26 Euro
7. Kristina Gorcheva-Newbery: Das Leben vor uns. CH Beck, 25 Euro
8. Heinrich Steinfest: Der betrunkene Berg. Piper, 22 Euro
9. Angela Steidele: Aufklärung. Suhrkamp, 25 Euro
10. Alain Claude Sulzer: Doppelleben. Galiani, 24 Euro
11. Lauren Grof: Matrix. Claassen, 24 Euro
12. Shirley Jackson: Krawall und Kekse. Arche, 23 Euro
13. Anne Holt: Ein notwendiger Tod. Atrium, 22 Euro
14. Javier Cercas: Die Erpressung. S. Fischer, 25 Euro
15, Gary Disher: Stunde der Flut. Unionsverlag, 25 Euro
16. Jenny von Sperber: Fritz, der Gorilla. Hirzel, 20 Euro
17. Hanns-Joseph Ortheil: Charaktere in meiner Nähe. Reclam, 18 Euro
18. Mariana Leky: Kummer aller Art. Dumont, 22 Euro
19. Neuerliche, entdeckungsfreudige Erkundung des Grimmschen Wörterbuches. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, 28 Euro
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