Mittelkürzung im Förderbereich

Forscher: Sparen am falschen Ende

Ute Levisen
Ute Levisen Lokalredakteurin
Hadersleben/Haderslev
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Hadersleben will im Förderbereich künftig kräftig sparen. Foto: Bonnerup Claus/Ritzau-Scanpix

Brian Degn Mårtensson von der Universität Aarhus äußert Kritik am Haderslebener Sparplan im Förderbereich: „Hier fehlt es an Logik", so der Forscher. Der Interessenverband für Menschen mit Entwicklungsstörungen prüft bereits Klagemöglichkeiten.

„Wenn sparen – dann mit offenen Augen.“ Brian Degn Mårtensson von der Universität Aarhus bezweifelt stark, dass sich im Förderbereich sinnvoll sparen lässt – ohne am Ende auf einer höheren Rechnung sitzen zu bleiben. Und auf einer Gruppe von Schülern, die nicht mehr zur Schule geht.

Wie berichtet, soll die Louiseskole bereits im kommenden Jahr 2,9 Millionen Kronen sparen. Künftig basiert der Haushalt der Förderschule nicht mehr auf der Zahl ihrer Schüler, sondern auf einer sogenannten Rahmenfinanzierung. Das im Förderbereich gesparte Geld soll in die Regelschulen investiert werden, wo der Bedarf enorm ist.

Schüler erhalten nicht den Unterricht, den sie brauchen

„Es ist legitim, im Förderbereich sparen zu wollen“, sagt Mårtensson, der Kandidat in pädagogischer Philosophie ist und sich mit Sonderschul- und Allgemeinpädagogik befasst: „Dann muss man auch in Kauf nehmen, dass eine Gruppe von Schülern nicht den Unterricht erhält, den sie braucht“, sagt er und verweist unter anderem auf Schüler, die an Autismus leiden.

Den Umverteilungsplänen mangelt es an Logik, meint der Forscher: Förderschulen gebe es seit mehr als 300 Jahren, weil es langfristig billiger sei, eine homogene Gruppe an einer Schule von eigens dafür ausgebildeten Fachleuten zu betreuen, als Schüler an Regelschulen zu inkludieren und somit die Maßnahmen auf einzelne Schulen zu verteilen.

Forscher: Das ist nicht durchdacht

Vor diesem Hintergrund bezeichnet er es als verwunderlich, dass die Kommune Hadersleben mit einschneidenden Maßnahmen im Förderbereich im Begriff ist, genau das zu tun, woran andere Kommunen gescheitert sind: „Hier fehlt es an Logik. Mir scheint, das Ganze ist seitens der Politik nicht durchdacht worden. Ich wünschte, es wäre anders, aber ich kenne nicht ein einziges Beispiel, wo eine derartige Sparübung geglückt ist.“ – Im Gegenteil.

In anderen Kommunen sei man zurzeit dabei, Schadensbegrenzung zu betreiben: „Ein Problem dabei ist, dass es sich schwierig gestaltet, entsprechende Fachkräfte für pädagogische Sonderangebote zu rekrutieren.“ In Hadersleben sollen langfristig weniger Schüler für Förderangebote ausgewählt – und stattdessen in der Regelschule „inkludiert“ werden. Das Fachpersonal soll „mitziehen“. Nur dürfe man nicht außer Acht lassen, ob die gut ausgebildeten Betreuer da mitmachen, pointiert Mårtensson.

Vielmehr sei wahrscheinlich, dass sie sich Betätigungen in anderen Kommunen suchen, um Vollzeit auf einem Gebiet tätig zu sein, für das sie auch ausgebildet worden sind. Zugleich gebe es eine landesweit steigende Tendenz dafür, dass Eltern ihre Kinder aus der Regelschule nehmen und stattdessen eine Freischule wählen, unter anderem, weil ein optimaler Unterricht in Klassen mit Schülern, die eine Diagnose haben, eine Herausforderung an Volksschulen ist. Die Erfahrungen hätten gezeigt:
„Das Ergebnis wird ein schlechterer Unterricht. Für alle Schüler.“

LEV arbeitet an juristischer Einschätzung

Die Haderslebener Abteilung des Landesverbandes „LEV“, der die Interessen von Menschen mit Entwicklungsstörungen und ihrer Angehörigen wahrnimmt, arbeitet dieser Tage unter Hochdruck an einer juristischen Einschätzung der Sparpläne mit Blick auf die Louisekole. Wie berichtet, ist bis zum 14. November der Vorschlag in der Anhörung, die 10. Klasse der Fördereinrichtung zu schließen, der Anfang 2018 eine steigende Zahl von Schülern zugewiesen worden ist.

„So geht das nicht“, stellt die Ortsvorsitzende Solvej Laugesen fest. Eine Schließung wäre nicht in Übereinstimmung mit dem Volksschulgesetz. Danach steht die Kommune in der Pflicht, allen Schülern, auch jenen mit besonderen Bedürfnissen, ein entsprechendes Unterrichtsangebot zur Verfügung zu stellen. Die Alternativen, auf die der Sparvorschlag verweise, seien laut Gesetzgeber keine Option, betont sie.

Klagemöglichkeiten

„LEV-Haderslev“ verweist auf eine Entscheidung der Klageinstanz, wo Kommunen ihrer Verpflichtung diesbezüglich nicht nachgekommen waren. Die Klageinstanz weist dabei ausdrücklich auf diese kommunale Pflicht hin.

„Ich habe den Eindruck, dass die Verwaltung die Gesetzeslage nicht eingehend untersucht hat, bevor der Sparvorschlag in die Anhörung gegangen ist“, so die Vorsitzende.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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