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Forschender Blick auf Minderheitenmedien im Lockdown

Forschender Blick auf Minderheitenmedien im Lockdown

Forschender Blick auf Minderheitenmedien im Lockdown

DN
Flensburg
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Der Lockdown war und ist Chance und Herausforderung für die Minderheitenmedien zugleich. Foto: Hannah Dobiaschowski

Das Europäische Zentrum für Minderheitenfragen ist der Frage nachgegangen, wie die Minderheitenmedien mit dem ersten Lockdown des Jahres zurechtkamen. Nicht alles lief schlechter, aber es gibt auch Bedrohungen.

Das Europäische Zentrum für Minderheitenfragen, kurz ECMI, in Flensburg forscht und informiert in Flensburg über Minderheiten und hat kürzlich die Situation der Minderheitenmedien im ersten Lockdown des vergangenen Frühjahrs untersucht. Dies berichtet die Europäische Vereinigung von Tageszeitungen in Minderheiten- und Regionalsprachen, kurz MIDAS, die nachfolgend die Untersuchung des Minderheitenzentrums ECMI vorstellt.

Die im Frühjahr 2020 eingeführten Lockdown-Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie haben die Gesellschaftsstruktur verändert und eine Reihe von Herausforderungen für Medien in Minderheitensprachen geschaffen, vor allem in Bezug auf Finanzen, Logistik und Inhalte.

ECMI befragt Experten

Um der Frage nachzugehen, welche Auswirkungen die Pandemie und die daraus resultierenden Lockdowns auf die Medien der Minderheiten hatte, bzw. hat, hat ECMI eine Reihe von Experteninterviews aus den Sprachräumen von zehn verschiedenen Minderheiten in Europa konzipiert. Die Interviews decken eine Vielfalt von Fernsehen, Radio und Zeitungen ab, darunter einige MIDAS-Mitglieder: „Berria“, „Dolomiten“, „Hufvudstadsbladet“ und „Der Nordschleswiger“.

Steigende Nutzerzahlen

„Berria“, „Hufvudstadsbladet“ und „Der Nordschleswiger“ berichteten während der ersten Monate der Lockdowns von steigenden Nutzerzahlen. Neben zunehmendem Interesse an Nachrichteninhalten gingen jedoch in vielen Fällen die Werbeeinnahmen zurück. Dies war besonders problematisch für private oder nur teils subventionierte Zeitungen. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten waren hiervon weniger betroffen.

Beliebte Inhalte schwanden

Die Auswirkungen auf nicht nachrichtenbezogene Inhalte waren gemischt. Viele Kultur- und Sportveranstaltungen wurden abgesagt, sodass die beliebtesten Inhalte von Medien in Minderheitensprachen in der Menge der Beiträge sanken. Dies führte bei einigen Zeitungen zu vorübergehenden Kürzungen der Seitenzahlen sowie zu geringeren Nutzerzahlen bei Fernsehsendern, denen neue Inhalte ausgingen. Dennoch wurden einfallsreiche Lösungen gefunden, darunter nutzergenerierte Inhalte und ein besonderer Fokus auf die Frage, wie Minderheiten unter den Lockdowns zurechtkommen.

Keine Infos in Minderheitensprachen

Das ECMI hat laut MIDAS auch die Beziehungen zwischen Minderheit und Mehrheit untersucht. Zwar gab es einige positive Beispiele für zweisprachige Pressekonferenzen, doch war dies nicht die Norm. In einigen Kontexten wurden offizielle Informationen zur Pandemie nicht in der Minderheitensprache übermittelt, zum Beispiel im Friesischen.

Auch logistisch betrachtet, stellten die Lockdowns für die Minderheitenmedien viele Herausforderungen dar, insbesondere hinsichtlich der Berichterstattung und der effizienten Verteilung. In der Folge gingen einige Zeitungen für ein paar Monate vollständig online. Darüber hinaus wandten sich einige Redaktionen an ihr Publikum, um Nachrichten aus Gebieten zu liefern, die für Journalisten nicht zugänglich waren. Schließlich wurde das Arbeiten von zu Hause in allen Medienformen zur Norm.

Mehrheitsbevölkerung nutzt Minderheitenmedien

Das ECMI stellt MIDAS zufolge fest: Die Interaktion mit sozialen Medien ist allgemein gestiegen, und in einigen Fällen begann auch die Mehrheitsbevölkerung oder die der Heimatstaaten, Medien in Minderheitensprachen zu konsumieren. Außerdem wurden soziale Medien auf erfindungsreiche Weise genutzt, um Gruppen in Minderheitensprachen zu kreieren, sowohl für Freizeitaktivitäten unter den Lockdowns als auch zur Weitergabe von Informationen über die lokalen Auswirkungen der Pandemie.

Existenzielle Bedrohung

Die Covid-19-Pandemie bringt nach Auffassung des Minderheitenzentrums sowohl Herausforderungen als auch Chancen für Medien in Minderheitensprachen mit sich. Die prekäre finanzielle Lage stelle nach wie vor eine existenzielle Bedrohung dar, insbesondere für nicht öffentlich-rechtlich finanzierte Printmedien.

Dies könne letztlich Auswirkungen auf ganze Minderheitengemeinschaften haben, da sie auf begrenzte Medienquellen angewiesen seien. Kleinere sprachliche Minderheiten könnten somit jegliche Medien in ihrer Sprache verlieren. Dies könne dazu führen, dass das Interesse an Minderheitensprachen abnimmt oder sogar die Erhaltung der sprachlichen Vielfalt Europas infrage gestellt wird.

Zudem kommt das Zentrum zu dem Schluss: Die Fälle, in denen Beamte oder Institutionen während der Pandemie nicht bereit sind, in Minderheitensprachen zu kommunizieren, stellen einen weiteren Grund zur Sorge dar: Minderheitensprachen und -medien sollten in Krisensituationen nicht übersehen werden.

Minderheitenmedien haben gemeinschaftsbildendes Potenzial

Gleichzeitig unterstreichen die steigenden Nutzerzahlen, die sozialen Medien und das zunehmende Interesse von Nichtminderheitengruppen die Qualität der Medien in Minderheitensprachen und ihr gemeinschaftsbildendes Potenzial. Die innovativen Inhalte, die während der Lockdowns produziert wurden, seien Beweis für ihre Kreativität und Anpassungsfähigkeit an herausfordernde Situationen, so MIDAS in der Kurzfassung der ECMI-Untersuchung.

Der Fokus dieses Forschungsprojektes lag nach den Worten des Zentrums lediglich auf zehn Sprachräumen, hauptsächlich in den wohlhabenderen Gebieten Europas. Daher planen wir, die Analyse auf Mittel- und Osteuropa sowie auf die zweite Welle von Lockdowns auszudehnen.

Eines sei, so Midas, jedoch schon jetzt sicher: Medien in Minderheitensprachen haben ihre Bedeutung während der Pandemie bewiesen und verdienen, dass ihre finanzielle Zukunft von den Behörden in allen europäischen Ländern gesichert wird.

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