Thema der Woche: Deutsch in Dänemark

Deutsche Ehrlichkeit, dänisches Vertrauen

Deutsche Ehrlichkeit, dänisches Vertrauen

Deutsche Ehrlichkeit, dänisches Vertrauen

Odense
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Mads Himstedt (links) und Karsten Madsen sind Kinder des Grenzlandes und wollen mit ihrer Firma in Odense auf dem deutschen Markt Fuß fassen. Foto: Damaris Böhlig, Freilich(t)

Regelmäßig bringt „Der Nordschleswiger" Beiträge, die sich über eine Woche lang mit einem bestimmten Thema befassen. Diese Woche geht es um Deutsche in Dänemark und darum, was das eine oder andere Land ausmacht.

Karsten Madsen und Mads Himstedt sind Kinder des Grenzlandes, Ersterer ist Geschäftsführer der Firma Morningscore in Odense, Zweiterer leitet den Verkauf, beide sind Miteigner der Firma. Mit den Produkten ihres Unternehmens können Firmen ihre Auffindbarkeit im Netz (SEO für Search Engine Optimization) optimieren, wichtig, um im digitalen Zeitalter sein Produkt zu verkaufen. „Der Nordschleswiger” hat mit beiden darüber gesprochen, was ein Unternehmen aus Dänemark bedenken sollte, will es auf den deutschen Markt. Beide berichten über ihre Erfahrungen, was auch Damaris Böhlig macht. Die freischaffende Marketing-Expertin aus Deutschland arbeitet in Dänemark und berät die beiden.

Welche Erfahrungen hat eure Firma bislang mit dem deutschen Markt gemacht?

Mads Himstedt: Karsten ist in Pattburg groß geworden, ich in Harrislee, wir kannten uns damals vor 25 Jahren nicht, aber wir hätten uns wohl vom höchsten Punkt des jeweiligen Ortes zuwinken können. Ich komme aus der dänischen Minderheit, lebe seit rund zehn Jahren in Dänemark und leite den Verkauf – auch in Deutschland. Es ist kein Klischee: Als dänischer Unternehmer musst du wissen, dass die Arbeitswelt in Deutschland deutlich hierarchischer aufgebaut ist. Ganz praktisch hat das die Konsequenz, dass die Entscheidung länger dauert, ob man einen Auftrag erhält oder nicht. Der Umgangston ist ein anderer, das muss man auch beachten. Mit dem Chef wird in Deutschland anders geredet als mit den Kollegen. Das ist in Dänemark anders, da wird mit dem Chef doch eher genauso gesprochen wie mit den Kollegen.

Karsten Madsen: Wer auf dem deutschen Markt Fuß fassen will, muss sich im Klaren sein: Das eigene Produkt muss astrein sein, es darf keine Fehler haben. Deutsche Kunden finden alle Fehler und benennen sie auch klar.

Damaris Böhlig: Ja, Deutsche sind im Gespräch sehr ehrlich, manchmal zu ehrlich.

Karsten Madsen: Aber diese Ehrlichkeit dem Produkt gegenüber ist gut! So kann ich als Unternehmen schnell reagieren. Wenn ich einen Schwachpunkt nicht kenne, kann ich auch nicht handeln. Wenn mein Interessent ihn aber deutlich benennt, kann ich handeln. In Dänemark wird nicht so gern kritisiert, aber dann bleibt der Verkäufer auch im Ungewissen, woran es lag, dass das Produkt letztlich nicht überzeugen konnte.

Damaris Böhlig, Mads Himstedt und Karsten Madsen kennen Deutschland und Dänemark und sehen kulturelle Unterschiede, die sich auch auf die Arbeit auswirken. Foto: Damaris Böhlig, Freilich(t)

Was muss man über den deutschen Markt aus dänischer Sicht noch wissen?

Karsten Madsen: Man muss sich in Dänemark darüber im Klaren sein, dass die Digitalisierung in Deutschland nicht so weit fortgeschritten ist. Das hat Auswirkungen. Unsere Kunden sind oft kleinere Unternehmen, die vielleicht von älteren Inhabern geführt werden. Denen ist ein klassischer Brief manchmal lieber, was wir in Dänemark nicht mehr sehen. Darauf muss man sich einstellen.

Mads Himstedt: In Deutschland ist man weitaus reservierter, vorsichtiger gegenüber einem ausländischen Unternehmen. Das ist in Dänemark anders, wir sind ein kleines Land, und es gibt hier einfach auch mehr Vertrauen zueinander. Ein Beispiel: Unser Produkt kann man ausprobieren – 14 Tage lang. Es ist manchmal schwer, deutsche Kunden zu überzeugen, es auszuprobieren. Ich glaube, die Menschen haben dort schlechte Erfahrungen gemacht oder von solchen gehört und denken, sie sind sofort vertraglich gebunden. Das ist bei uns aber nicht so. Nach 14 Tagen erlischt der Zugang, danach entscheidet der Kunde.

Karsten Madsen: Deshalb ist es auch wichtig, dass wir in Deutschland an unserer Wiedererkennung arbeiten. Dass man uns in Deutschland kennt und vertraut. Das bedeutet, dass unser Marketingeinsatz in Deutschland erheblich gesteigert werden muss.

Ist es wichtig, die deutsche Sprache zu können?

Mads Himstedt: Unbedingt, wir sind ein internationales Unternehmen, wir verkaufen in über 100 Länder, für Deutschland haben wir zwei Personen angestellt, die aus Deutschland, beziehungsweise Österreich kommen und damit die Sprache beherrschen. Nur auf Englisch zu kommunizieren, das geht in Deutschland nicht. Die Fragen, die die Kunden haben, sind so komplex, dass diese die Sache, um die es geht, oft nicht auf Englisch ausdrücken können. Damit wir einen entsprechenden Service bieten können, müssen wir auf Deutsch kommunizieren, und da sind wir froh, Muttersprachler bei uns zu haben.

Karsten Madsen: Die beiden genannten Dinge – Sprachkenntnisse und Wiedererkennungswert – bedeuten für uns, dass wir mehr in den deutschen Markt investieren müssen. Es ist aber auch so, dass es viele Firmen in Deutschland gibt, die erst in den vergangenen ein, zwei Jahren erkannt haben, wie wichtig eine Suchmaschinenoptimierung ist. Ein toller Markt für uns. Aber wir stehen da noch ganz am Anfang. Ich bin im Grenzland aufgewachsen und verstehe und spreche Deutsch, auch wenn es nicht perfekt ist, es ist dänisch gefärbt. Es ist aber auch so, dass junge Kunden in Deutschland dann lieber zu Englisch wechseln, aus Höflichkeit, sie merken, dass ich ein bisschen nach den Wörtern suchen muss.

Gibt es Unterschiede, die eine Firmengründung vereinfachen oder erschweren im Vergleich Deutschland – Dänemark? Oder sind die Unterschiede gar nicht so groß?

Mads Himstedt: Unsere Firma hat eine Form, die in Deutschland wohl am besten mit einer GmbH vergleichbar ist. Eine Gründung in dieser Form ist in Dänemark wesentlich einfacher. Und: Die Kosten sind in Deutschland viel höher. Die Gründung geschieht in Dänemark digital vom Wohnzimmer aus. Davon ist Deutschland noch weit entfernt, da dauert eine derartige Gründung zwei bis vier Wochen, Notare sind notwendig.

Karsten Madsen: In Dänemark dauert das fünf Minuten, das geht recht schnell über Nem-ID.

Damaris Böhlig: Ich hatte so meine Schwierigkeiten, mich ins dänische System einzufinden, aber jetzt finde ich es großartig, fast alles ist digital geregelt. Das möchte ich nicht mehr missen.

Mads Himstedt: Für die tägliche Buchhaltung benötige ich zwei bis drei Minuten am Tag. Ich weiß, dass man in Deutschland damit nicht auskommt, soweit ich weiß, muss man da gut einen Tag im Monat einplanen.

Eine Quintessenz?

Karsten Madsen: Wir drei kennen die beiden Kulturen. Wenn ich mir was wünschen könnte, dann wäre es, dass die Menschen so ehrlich wie in Deutschland sind und dieses Grundvertrauen zu anderen haben, wie wir es in Dänemark haben.

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