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Gescheiterte Träume: Die Fabel von der großen Ochseninsel

Gescheiterte Träume: Die Fabel von der großen Ochseninsel

Gescheiterte Träume: Die Fabel von der großen Ochseninsel

Flensburg
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Sehnsuchtsort: Die Ochseninseln in der Flensburger Förde Foto: Lo-Fi Films

Wie ist es damals gewesen, auf der großen Ochseninsel zu leben und das Insel-Café zu betreiben? Im Dokumentarfilm „Der Esel hieß Geronimo“ sprechen Beteiligte über ihre Zeit auf der Insel. Ein Film über geplatzte Träume und Lebensentwürfe.

Sie haben ihn gelebt, den Traum vom Inselleben. Und sind daran gescheitert, möglicherweise zerbrochen. Alte Seemänner, die des Nachts an Deck ihrer alten Schiffe von alten Zeiten träumen. Von jenen zehn Jahren, als sie gemeinsam auf der großen Ochseninsel gelebt und das Inselcafé betrieben haben.

„Die Insel bleibt ein unmöglicher Traum"

Am Donnerstagabend ist der Dokumentarfilm „Der Esel hieß Geronimo“ in Programmkinos in Norddeutschland angelaufen. Die beiden Regisseure waren den Insulanern in einer dunklen Gasse der Hafenstadt Flensburg über den Weg gelaufen. Man kam ins Gespräch, die Geschichte packte die Filmemacher. „Es ist eine Geschichte, die viel mit Fabeln und Mythen gemein hat und trotzdem heute mitten unter uns stattfindet. Es geht um Verlust und Neuanfang, um Utopie und Lebensrealität“, so die Regisseure Arjun Talwar und Bigna Tomschin.

„Die Insel als Ort der Sehnsucht und als Ort des Schreckens ist ein wiederkehrendes Motiv in der Kulturgeschichte. Inseln wecken in uns die Hoffnung nach einem mühelosen Leben ohne die Regeln und Bürden der modernen Gesellschaft. Doch auf der Insel und ihrer Verheißung lastet immer auch ein Fluch. Im Kern der Insel-Utopie steckt nämlich ein großer Widerspruch: Die Flucht ist immer eine Flucht vor uns selbst. Der Mensch ist die Gesellschaft und kann ihr somit nie entfliehen. Die Insel bleibt ein unmöglicher Traum.“

Einer der Inselbewohner auf seinem Schiff im Flensburger Hafen. Foto: Lo-Fi Films


Mit ruhigen, langsamen Bildern zeigt der Film vor allem die grauen, die kaputten Seiten Flensburgs. Die vor einem Hauseingang abgelegte Matratze, Regen, kaltes Wetter. Desillusionierte Menschen, die auf Schiffen hausen und nie ohne Zigarette und Bier in der Hand sind. Die in Holzverschlägen schlafen und vor sich hin sinnieren, versuchen, ihrer Inselzeit zu entkommen. Und doch immer wieder in ihr versinken. Erinnerungen, so schön, so kalt und so schwer wie die kalte Förde, in der die Insel liegt.

Für Grenzlandbewohner, die in den vergangenen Jahren mitverfolgt haben, was sich auf der Insel getan hat – der Streit um die Inselfähre, der Auszug des Kollektivs, die Suche nach einem neuen Pächter und am Ende die Entscheidung der dänischen Naturbehörde, die Gebäude abreißen zu lassen und die Insel zur Naturinsel zu deklarieren, liefert der Film interessante Hintergrundinformationen. Ein Dutzend beteiligte Inselbewohner von einst kommen zu Wort. Die genauen Hintergründe des Streits, des Zerbrechens, werden angedeutet.

Schwer sei es gewesen, so Inselpächter Rüdiger, von den wenigen Tagen und Touristen im Sommer mehrere Menschen durch das ganze Jahr zu bringen. Das habe zunächst gut geklappt, später dann nicht mehr. Was genau schiefgegangen ist, bleibt offen. Dass es die Charaktere der Inselbewohner waren, die ihren Teil zum zerbrochenen Inselfrieden beigetragen haben, ist hingegen offensichtlich.

Ein Platz am Rande der Realität

Die Regisseure drücken es so aus: „Der Versuch unserer Protagonisten, aus der Mitte der Gesellschaft zu entfliehen, misslang, jetzt müssen sie sich irgendwo einen Platz am Rande suchen. Der Film thematisiert das verlorene Paradies, zeigt aber gleichzeitig die Realität und interessiert sich für die Menschen dahinter. Diejenigen, welche die Gesellschaft vergessen hat. Warum brauchen sie die Insel-Utopie für ihr Leben? Und was kann die Zukunft für sie bereithalten? Der Film zeigt, wie die Sehnsucht nach einer eigenen Insel heute aktueller ist denn je.“

Die Insel sei verflucht, die Götter hätten Neid und Unfrieden über die glücklichen Bewohner gestreut, sagt ein Beteiligter im Film. Nüchtern und als Außenstehender betrachtet, waren es einfach nur die Menschen selbst, die sich aus dem Paradies vertrieben haben.

Im Flensburger 51 Stufen Kino läuft der Film „Der Esel hieß Geronimo“ noch bis einschließlich Mittwoch, 25. September, täglich ab 18 Uhr.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Gut aufgestellt“