Leitartikel

„Also was jetzt?“

Also was jetzt?

Also was jetzt?

Nordschleswig/Kopenhagen
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Seit einem Jahr halten sich fast alle streng an die Corona-Maßnahmen. Doch mit der Fußball-EM scheinen die Regeln nicht mehr zu gelten – und auch an der Grenze herrscht Willkür. Wie gehen wir auf der Zielgeraden mit der Pandemie um, fragt Chefredakteur Gwyn Nissen.

Es gibt gerade allen Grund zum Feiern: Im Fußball läuft es rund, die Sonne scheint, und die meisten von uns haben bereits die erste Impfung bekommen, beziehungsweise über ein Viertel der Bevölkerung in Süddänemark ist schon fertig geimpft. Außerdem sind die Inzidenzzahlen seit einiger Zeit sowohl nördlich als auch südlich der Grenze einstellig, und die Zahl der Infizierten ist um das Zehnfache geschrumpft.

Mit anderen Worten: Wir befinden uns auf der Zielgeraden auf dem Weg aus der Corona-Pandemie. So scheint es auf jeden Fall, obwohl unter anderem Deutsche in Umfragen immer noch befürchten, dass durch die ansteckende Delta-Variante eine vierte Corona-Welle auf uns zukommen kann.

Hoffentlich ist das nicht der Fall, aber das Coronavirus hat sich in den vergangenen 18 Monaten oftmals als tückisch erwiesen.

Daher ist es auch verwunderlich wie derzeit in Dänemark mit den Corona-Maßnahmen – denn es gibt sie noch – umgegangen wird. Vor kurzem haben wir noch alle Gesichtsmasken getragen und sind auf Abstand gegangen. Doch nachdem wir von den Masken befreit worden sind, scheint auch die Achtsamkeit gefallen zu sein.

Nicht nur im Kopenhagener Nationalstadion Parken wird ausgiebig gefeiert, auch in anderen Parks und Privat wird die „Sau rausgelassen“. Ja, so muss man es einfach formulieren, wenn man die Bilder beim Länderspiel der Dänen gegen Russland gesehen hat – oder wenn man liest, dass die Polizei landesweit an einem Wochenende über 500 Klagen wegen Lärmbelästigung bekommen hat.

Klar, hat sich der Partybedarf bei vielen gestaut, und das märchenhafte Auftreten der dänischen Nationalmannschaft lässt alle mitfiebern, aber es ist dennoch schwer zu verstehen, dass wir bis vor kurzem höllisch aufgepasst haben – und auf einmal scheint alles vergessen.

Ich gönne allen, die Feier nach dem Fußball-Krimi gegen die Russen – und alle kommenden Siegestänze. Aber es kommen Zweifel auf und Verwunderung darüber, ob wir jetzt wirklich ganz am Ende des Corona-Tunnels stehen, oder ob wir unseren durch Abstand, Entbehrung und Disziplin schwer verdienten Lohn wieder verspielen.

Was wir auch nicht vergessen dürfen: Durch die Lockerungen fühlen sich viele wieder frei. Aber es gibt auch eine nicht so kleine Gruppe, für die diese Freiheit beängstigend ist. Daher gilt weiterhin die Vorgabe Anstand und Abstand aus Respekt vor denen, die noch nicht in Feierlaune sind, aber sich auch nach einem normalen Leben sehnen.

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Anke Krauskopf
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