Sexualität

Lisa und Oliver: Als LGBT+-Person gehört die Angst immer noch dazu

Lisa und Oliver: ALS LGBT+-Person gehört die Angst immer noch dazu

Als LGBT+-Person gehört die Angst immer noch dazu

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Lisa und Oliver organisieren die Apenrader Pride und erzählen über ihre Erlebnisse als LGBT+-Personen. Foto: Karin Riggelsen

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Übergriffe auf Menschen mit nicht heterosexueller Orientierung kommen auf dem Land häufiger vor, als in der Stadt. Das haben Lisa und Oliver zwar noch nicht am eigenen Leib erfahren, aber sie kennen Leute, denen es passiert ist. Die Angst, die eigene Sexualität offen zu leben, ist deshalb allgegenwärtig. Wie sie damit umgehen, erzählen sie im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“.

Es ist nicht leicht, wenn man in ländlichen Gebieten lebt und der LGBT+-Szene angehört. Lisa und Oliver sind solche Menschen. Sie wohnen in Apenrade bzw. Sonderburg (Sønderborg). Lisa-Marie Marschallek ist bisexuell, Oliver Rahr Lysholm homosexuell.

Sich zu outen, war für beide ein großer – und schwerer Schritt. Nicht unbedingt gegenüber den Freundinnen und Freunden. „Die haben es ganz locker genommen und keine große Sache daraus gemacht“, sagt Oliver. Schwieriger war es allerdings gegenüber den Eltern. „Man erzählt sein tiefstes, sein allertiefstes Geheimnis. Da stellt man sich die schlimmsten Szenarien vor, wenn man sich öffnen möchte. Und das machte es unheimlich schwer“, erinnert sich Oliver.

Pride-Parade

Gay Pride, auch LGBT-Pride (oder einfach nur Pride) ist ein Begriff, der aus der Lesben- und Schwulenbewegung stammt, um den selbstbewussten bzw. selbstachtenden und damit stolzen Umgang mit der eigenen sexuellen Identität zu beschreiben. Stolz wird im Sinne eines „gegen andere an den Tag gelegtes Selbstgefühl seines Wertes“ verwendet. Also in Bezug darauf, so zu sein, wie man ist, sich nicht vor anderen verstecken oder sich für andere verstellen zu wollen und gegebenenfalls für seine Rechte einzutreten. 

Die Idee des Stolzes auf das eigene So-Sein ist auch bei anderen gesellschaftlichen Minderheiten anzutreffen, so zum Beispiel in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Pride wird auch als Kategorie oder Namenszusatz für Publikationen und Veranstaltungen verwendet, die diese Selbstachtung politisch oder kulturell öffentlichkeitswirksam ausdrücken. Am bekanntesten sind dabei die Pride-Paraden, bei denen in Demonstrationszügen Sichtbarkeit für LGBT* geschaffen werden soll.

Quelle: Wikipedia

Nicht die perfekte Familie

„Man hatte das Gefühl, seine Eltern zu enttäuschen, weil man später nicht das Rollenklischee erfüllen wird, die Vorstellung einer ,perfekten‘ Familie mit Vater, Mutter, Kind“, ergänzt Lisa. Auch die Angst, das sonst gute Verhältnis zu den Eltern zu zerstören, haben beide erlebt. „Obwohl das völlig unrealistisch ist“, sagt Oliver. „Das war das Schwerste, und deshalb hat es bei den Eltern etwas länger gedauert.“

Beide haben jedoch beim Outing gute Erfahrungen gemacht. „Letztlich kennt man seine Eltern ja“, meint Oliver.

Mutig sein

Anders ist es allerdings, wenn es darum geht, seine sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zu zeigen. „Ich denke, es gibt viele, die bewusst darauf achten, nicht so sichtbar zu sein“, sagt Oliver. „Man hat Angst vor der Reaktion der Leute“, ergänzt Lisa.

„Mein Ex-Freund und ich waren schon mal mutig und haben gezeigt, dass wir zusammen sind – auch öffentlich“, erzählt der 24-Jährige.

Warum muss man mutig sein?

Mut gehöre dazu, sagen die beiden einstimmig. „Leute fühlen sich provoziert. Die sagen dann was. Das haben wir oft genug erzählt bekommen“, sagt Oliver. Lisa nickt. Selbst haben die beiden solche Situationen noch nicht erlebt. „Wir sind eben vorsichtig.“ Die Angst vor Angriffen – verbal oder sogar physisch – ist groß, geben beide zu. Ein Freund wurde in Sonderburg sogar überfallen und verletzt, weil er sich offen als Homosexueller zu erkennen gegeben hatte. „Solche Geschichten bringen einen zum Nachdenken“, sagt Lisa. Kürzlich schrieb ein anderer auf der FB-Seite des LGBT+-Vereins „Aura“ in Sonderburg, dass er überfallen und zusammengeschlagen worden sei. „Die Angst gehört immer noch dazu. Deshalb muss man mutig sein“, sagen beide übereinstimmend.

Ob das in Kopenhagen anders sei, können sie nicht beantworten. „Aber dort ist mehr Platz für uns“, findet Oliver. „Man ist in den großen Städten vielleicht mehr integriert“, mutmaßt Lisa. Womöglich deshalb könnten sich LGBT+-Personen dort mit weniger Angst auch öffentlich zeigen. Ob das tatsächlich so ist, ist nicht sicher, subjektiv fühlen sich die beiden in größeren Städten jedoch sicherer als in Apenrade, Sonderburg oder Tondern.

Lisa (r.) und Oliver berichten über ihre Erfahrungen. Foto: Karin Riggelsen

Doch die beiden arbeiten, zusammen mit anderen daran, das zu ändern. Freiräume, wo sie „sie selbst sein können“, wie sie sagen, gibt es unter anderem bei Aura-Treffen. Der Verein hat Ortsvereine in Apenrade und Sonderburg. Dort können sich junge LGBT+-Personen treffen, Erfahrungen austauschen, miteinander reden – „und wir selbst sein“, wie Lisa hinzufügt.

Offen zeigen, wie man ist

Dann gibt es noch die Pride, die in diesem Jahr zum dritten Mal in Apenrade stattfindet. „Das ist auch ein Ort, an dem wir uns so zeigen und geben können, wie wir sind“, meint Lisa. „Es ist ein Tag, an dem wir uns hier frei fühlen können, ohne Angst zu haben, ohne uns einschränken zu müssen, wo wir alle zusammen sein können“, fährt sie fort. „Wenn jemand etwas nach uns wirft, dann stehen wir dort zusammen, sind nicht allein.“

Bunt geht es bei der Pride zu – nicht nur, was die Sexualität angeht (Archivfoto). Foto: Karin Riggelsen

Die Pride ist der Höhepunkt einer mehrtägigen Veranstaltung. In diesem Jahr findet sie vom 22. bis 25. Juni statt. „Und es ist immer noch wichtig, dass wir uns dafür einsetzen, anerkannt zu werden“, sind sich beide einig. Zwar habe sich schon einiges zum Besseren gewendet, „doch trotzdem müssen wir immer noch fürchten, angegriffen zu werden“, meint Lisa. Die Pride setzt da Zeichen.

Unterstützung von vielen Seiten

Froh sind beide, dass die Veranstaltung von so vielen Menschen unterstützt wird. In den vergangenen Jahren sind Hunderte bei dem Umzug mitgegangen und haben sich solidarisch gezeigt. Viele Geschäftsinhaberinnen und -inhaber waren Sponsoren.

Und dass sich etwas getan hat, zeigen die Kommentare, die sie von älteren LGBT+-Personen bekommen. „Als ich so alt war wie ihr, wäre so etwas nie möglich gewesen, ist eine solche Aussage“, erzählt Lisa.

Noch nicht am Ziel angekommen

Beide wünschen sich, dass die Gruppe von LGBT+-Menschen in Nordschleswig größer wird, denn trotz Pride und sozialer Medien sei es schwer, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Deshalb fahren sie in die Volksschulen, um auf den Verein und die „Community“ aufmerksam zu machen. „Wir sind auf dem Weg, aber alles dauert seine Zeit und die Wege aus den entfernten Orten sind weit – besonders für junge Leute“, sagt Lisa.

Beide freuen sich auf die Pride, denn „dann können wir wieder für einen Tag die Angst beiseiteschieben.“

 

Begriffsdefinitionen – Pride

Queer: Das Wort ist ein Anglizismus und ein Begriff für Personen, die sich nicht mit der heteronormativen Norm identifizieren. Er kann mit „seltsam“ oder „sonderbar“ übersetzt werden und wurde in der Vergangenheit abwertend benutzt. Mit der Aids-Bewegung haben die queeren Menschen den Begriff jedoch aufgewertet und nutzen ihn nun, um sich selbst zu bezeichnen.

Heteronormativität: Das ist eine Weltanschauung, die nur zwei Geschlechter (männlich und weiblich) und heterosexuelle Beziehungen anerkennt.

Nicht-binär: Weicht vom traditionellen Modell der zwei Geschlechter ab. Ein Begriff, mit dem sich Menschen definieren, die sich weder ausschließlich als Frau noch ausschließlich als Mann fühlen.

LGBTIQ+: Diese Abkürzung steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans*, Intersexual, Queer und Plus. Das Plus steht für alle anderen Menschen, sie sich diesen Begriffen nicht zuordnen. Das Kürzel wurde im Laufe der Jahre ergänzt und ausgebaut, es gibt verschiedene Varianten.

Sexuelle Orientierung: Die sexuelle Orientierung gibt an, zu wem man sich emotional und sexuell hingezogen fühlt. Dazu zählen unter anderem die Homosexualität, Bisexualität oder auch die Pansexualität.

Transgender: Oberbegriff für alle Menschen, deren Geschlechtsidentität (teilweise) nicht dem ihnen körperlich zugeordneten Geschlecht entspricht.

FLINTA: Frauen, Lesben, Inter-Personen, nichtbinäre Menschen, Transsexuelle und Agender.

Aura

Aura ist eine Gemeinschaft für junge LGBT+-Personen bis 18 Jahre. Der Verein bietet Freiräume, um ohne Vorurteile so sein zu können, wie man es möchte, und um sich mit Gleichgesinnten zu treffen, heißt es auf der Aura-Internetseite.

Aura ist ein Jugendprojekt, das LGBT+-Danmark entwickelt hat, um jugendlichen LGBT+-Personen unter 18 Jahren einen geschützten Freiraum zu schaffen. Vorurteile jeglicher Art haben dort keinen Platz. Jede(r) bekommt die Möglichkeit, die eigene Identität auszuleben. Alle Menschen haben das Bedürfnis, sich in jemandem zu spiegeln. Das gilt natürlich auch für junge LGBT+-Personen.

Aura steht aber auch für die Auseinandersetzung mit den Themen Sexualität, Minderheit (in Bezug auf LGBT+), Normkritik durch Filme oder andere Präsentationen und Medien.

Aura bietet allen Gemeinschaft an, die gerne andere junge Leute treffen möchten, die auch mit den Normen für Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung gebrochen haben.

Aura bietet alle 14 Tage gemütliche und alkoholfreie gemeinsame Treffen an. Neben Spiele- oder Kreativabenden gibt es – besonders im Sommer – auch Picknicks im Park.

Alle Aura-Veranstaltungen sind frei zugänglich und benötigen keine Anmeldung. Man findet die aktuellen Arrangements mit Ort und Zeit auf der Facebook-Seite von Aura Aabenraa.

Normkritik ist Auras tragendes Prinzip und bedeutet, dass alle Teilnehmenden respektiert und in ihrem Wunsch anerkannt werden, mit bestimmten Pronomen oder Namen angeredet zu werden, was sie in anderen Gemeinschaften, wie Sportverein oder Schule, oft nicht erleben.

In zehn Städten im Land gibt es eine Aura-Gruppe, darunter in Apenrade.

Betreut werden die Gruppen von Freiwilligen.

Mehr lesen

Ehrenamt

Flucht vor häuslicher Gewalt – die Freiwilligen im Frauenhaus Apenrade haben immer ein offenes Ohr

Apenrade/Aabenraa Damit ein Frauenhaus funktioniert und zu einem sicheren Ort wird, müssen viele verschiedene Leute zusammenarbeiten. Für die Einrichtung in Apenrade sind das nicht nur festangestellte Fachkräfte, sondern auch engagierte Freiwillige. Warum sie für das Apenrader Frauenhaus so wichtig sind und die Arbeit vor Ort nachhaltig unterstützen, erklären Hanne Frederiksen und Henriette Tvede Andersen.

Kulturkommentar

Meinung
Uffe Iwersen/ BDN-Kulturkonsulent
„Von Jugend für Jugend“