Mobilität

Für diesen Artikel bin ich Hunderte Kilometer Rad gefahren – mitten im Winter

Für diesen Artikel bin ich Hunderte Kilometer Rad gefahren – mitten im Winter

Für diesen Artikel bin ich Hunderte Kilometer Rad gefahren

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Cornelius von Tiedemann
Die Kopfbekleidung des stellvertretenden Chefredakteurs lässt trotz – oder gerade wegen – Vermummung Rückschlüsse auf seine Identität zu: Es handelt sich eindeutig um einen überzeugten Radfahrer. Foto: Cornelius von Tiedemann

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Fahrradland Dänemark? Eine Handvoll „Nordschleswiger“-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat den Slogan eine Woche lang auf die Probe gestellt - bei der dänischen Mit-dem-Rad-zur-Arbeit Winterwoche. Cornelius von Tiedemann fasst seine Erlebnisse zusammen – und hält sich mit Kritik an den kommunalen Verwaltungen nicht zurück.

Als mir am Mittwoch der Kollege G. lächelnd verkündet, dass es beim Sport nicht darum gehe, sich mit anderen zu vergleichen, weiß ich, dass das Team Nordi – Reporter ohne Bremsen seinen Zenit überschritten hat.

Von mehr als 1.100 teilnehmenden Gruppen in ganz Dänemark liegen wir da noch auf Rang 6 in der Wertung „Kilometer pro Teammitglied“. Zu schreibender Stunde sind wir nicht einmal mehr unter den ersten 50. Immerhin – von mehr als 1.100. Doch ihm sei verziehen: Er hat die Frühschicht und mehrere Kinder, kann deshalb nicht jeden Tag von Flensburg nach Apenrade radeln.

Dabei sein ist alles …

Also muss ich meine alten Knochen hinhalten, damit wir vielleicht wenigstens noch die Sparkasse Broacker und die Abteilung Gewerbe und Abfall der Kommune Sonderburg (Sønderborg) im Ranking hinter uns lassen.

Die anderen im Team sind entweder angeschlagen oder in Apenrade ansässig. Ich will es ihnen nicht zur Last legen – doch es bringt beides leider kaum Kilometer bei der Mit-dem-Rad-zur-Arbeit-Winterwoche des dänischen Radfahr-Verbandes. Bei der wir uns natürlich nicht mit anderen vergleichen.

Skeptischer Hund: Was soll das?

Buddy, die alte Bracke, blickt skeptisch drein, als ich mich am Donnerstag schon den vierten Tag in Folge des Morgens in meine Radfahr-Kluft werfe. Neon-Galoschen, Neon-Weste, Neon-Mütze. „Wenn du die Viecher aufscheuchen willst, wieso bellst du dann nicht einfach?“, fragt er schweigend.

Buddy
Buddy ist skeptisch: Warum läuft der Alte neuerdings herum wie einer von der Müllabfuhr? Foto: Cornelius von Tiedemann

Ich gehe auf diese Frechheiten nicht weiter ein und setze meine Anzieh-Routine fort. Wann wird endlich der schnell trocknende Ganzkörper-Winteranzug mit integriertem Helm erfunden, frage ich mich, als sich der verwirrte Köter in meiner Regenüberhose vertüdelt. Die trage ich auch ohne Regen im Winter – hält den Wind ab und somit die Beinchen warm.

Buddy
Ungläubiger Blick: Als Istrianer Kurzhaar-Bracke ist Buddy von Geburt an mit optimaler Jagdbekleidung ausgestattet. Foto: Cornelius von Tiedemann

Los geht die wilde Fahrt durchs Fahrradland Dänemark

Mein Weg zur Arbeit ins Medienhaus in Apenrade ist, je nach Strecke, zwischen 23 und 25 Kilometer lang. Eine Option, auf der ich ausschließlich auf Radwegen fahren kann, gibt es nicht. Nicht einmal eine Option, bei der ich den Großteil der Strecke getrennt vom Autoverkehr fahren kann, gibt es. Radwege sind im Fahrradland Dänemark, abseits der großen Städte, eine Seltenheit.

Stattdessen müssen Menschen, die sich dafür entscheiden, mit dem Rad zu fahren, schlicht hoffen, dass sie auf den Landstraßen zwischen den Ortschaften nicht von Auto-, Lkw- oder Busfahrenden zu Hackfleisch gefahren werden. Abstandsregeln wie in Deutschland, wo 1,5 bis 2 Meter gelten, gibt es hier nicht.

Deshalb die auffällige Neon-Bekleidung, die vielleicht am Bildrand auffällt, wenn die klimabewusste Tesla-Fahrerin vom Bildschirm ihrer tonnenschweren Seltene-Erden-Schaukel aufblickt.

Bauarbeiten in Rinkenis Foto: Cornelius von Tiedemann

Kaum aus dem Hause, fällt mir einmal mehr auf, dass unsere Straße seit dem Anschluss ans Fernwärmenetz aussieht wie ein Flickenteppich. Leider radelt es sich nicht entsprechend weich. Für eine offizielle Nationale Fahrradroute sieht das ja jetzt eher bescheiden aus. Vielleicht wird noch nachgebessert.

Radweg in Rinkenis Foto: Cornelius von Tiedemann

Dann doch lieber die Abkürzung nehmen. Die erste – und mit winzigen Ausnahmen einzige – auf dieser Route. Richtig gelesen: Auf den gesamten folgenden rund 23 Kilometern zwischen Rinkenis (Rinkenæs) und Apenrade gibt es kaum Radwege, die nicht entlang einer Straße führen. Dass es diesen kleinen Abschnitt, den Hang hinauf, überhaupt gibt, ist der Landwirtschaft zu verdanken, die den Weg mitbenutzt.

Ich meistere die enorme Steigung gewohnt spielend. Das Bergtrikot ist mir sicher.

Elektrische Unterstützung für Anfahrten und Anstiege

Erwähnte ich bereits, dass ich heute, wie die gesamte Woche, mit dem elektrischen Fahrrad unterwegs bin, das auf Dänisch wunderbar Elcykel, auf Deutsch weniger wunderbar E-Bike heißt? Ich bin die Strecke auch schon mit dem Renn- und dem Stadtrad gefahren. Danach tat mir aber jeweils alles dermaßen weh, dass ich mich für den Arbeitsweg für das gefederte Gefährt mit Stromantrieb entschieden habe.

Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat nicht nur Zeit, über ökonomische und ökologische Fragwürdigkeiten nachzudenken – sie oder er kann sich auch zugleich überlegen, was es als Nächstens für die verbrannten Kalorien zu essen geben wird.

Cornelius von Tiedemann

Ja, auch dieses Rad wird von einer Batterie versorgt. Eine, die dabei hilft, dass ein Gefährt von etwa 25 Kilogramm einen Menschen von unter 100 Kilogramm (mehr ins Detail wollen wir an dieser Stelle nicht gehen), transportiert. Beim E-Auto sind es gut 2 Tonnen, die bewegt werden müssen, damit ein kleines, sitzendes Menschlein von A nach B gelangt.

Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat nicht nur Zeit, über diese ökonomischen und ökologischen Fragwürdigkeiten nachzudenken – sie oder er kann sich auch zugleich überlegen, was es als Nächstens für die verbrannten Kalorien zu essen geben wird. Und was man mit dem ganzen Geld anstellt, das man heute wieder nicht ins Auto gesteckt hat.

Der Sejrsvej in Rinkenis. Manchmal fahren die Autos hier sogar die vorgegebenen 50 Stundenkilometer oder weniger. Besonders nachts ist dies eher selten der Fall, wie Buddy von seinen Spät-Patrouillen zu berichten weiß. Foto: Cornelius von Tiedemann

Kein Übergang – kein Untergang

Beflügelt vom Gefühl der moralischen Überlegenheit und froh, mein spärliches Vermögen weder in NFTs noch in Tesla, sondern in ein E-Rad investiert zu haben, erreiche ich das Oberdorf, wo der Sejrsvej wartet. Wie ich den mit dem Rad überqueren soll, das wird mir leider nicht aufgezeigt – deshalb fahre ich einfach drüber, schließlich sind wir im Fahrradland Dänemark.

Während ich mich der nächsten Steigung widme, streifen meine Gedanken zurück zur E-Mobilität. 454 Kilogramm Batterien muss ein 100-Kilowattstunden-Tesla mit sich herumschleppen. Ein Großteil seiner Leistung geht also dafür drauf, die Batterien zu transportieren. Sechs Kilometer pro Kilowattstunde schaffen die besseren (und teuersten) E-Autos. Mit dem E-Rad bin ich mit so viel Saft zwischen 80 und 160 Kilometer unterwegs. Wohlgemerkt mit einem Hundertstel dessen, was die großen E-Autos im Bauch haben.

Aber ich schweife ab. Die zweite Abkürzung wartet – ein kleiner Stichweg bringt mich raus aus dem Ort – und endlich geht’s auch mal kurz bergab.

Radweg
Tote Hose: Normalerweise begrüßen mich hier Raubvögel. Heute liegt die Abkürzung verlassen vor mir. Foto: Cornelius von Tiedemann

Ich bin erst wenige Minuten unterwegs – und schon spüre ich sie: die Freiheit, die das Radfahren mit sich bringt. Mitten durch die Felder geht es, durch eine urige Siedlung, in der sich des Winters zwar nur selten Menschen, dafür häufig wilde und domestizierte Tiere tummeln.

Buskmosevej
Der Buskmosevej bei Rinkenis Foto: Cornelius von Tiedemann

Den Buskmosevej, die Vorfahrtstraße, die Rinkenis mit der westlichen Zivilisation verbindet, lasse ich, als ich aus der dörflichen Idylle wieder auftauche, vorerst links liegen. Zu schnell fahren mir dort die Autos und Lkw durch die ländlichen Windungen.

Stattdessen geht es geradeaus weiter, erneut vorbei an Landwirtschaft, diesmal im Großformat. Mein Wunsch, dass ich diesmal nicht mit ansehen muss, wie zahl- und wehrlose Schweine auf einen Tiertransporter, wahrscheinlich mit Endstation Großschlachterei in Blans verladen werden, geht in Erfüllung.

Am Horizont zur Rechten die Flensburger Förde. Schön.

Radweg
Am Ravnsbjergvej entlang führt echter Radweg nach Gravenstein (Gråsten) oder Quars (Kværs). Foto: Cornelius von Tiedemann

Plötzlich echte Fahrrad-Infrastruktur

Wäre ich den Weg nicht schon etliche Male gefahren, wäre ich jetzt baff: Als ich auf die Ost-West-Verbindung Ravnsbjergvej stoße, bietet mir die Infrastruktur einen richtigen Fahrradweg an. Zweispurig und immerhin mehrere Zentimeter von der Auto-Fahrbahn entfernt.

Der einzige Fehler in der Konstruktion: Es geht erst einmal wieder nur bergauf. Im Berufsverkehr mit E-Rad kein Problem, in der Freizeit auf der komplett durch Willenskraft betriebenen Maschine jedoch ein echter Abtörner. Auch landschaftlich kann Dänemark noch viel von den Niederlanden lernen.

Cornelius
Selbstporträt mit Helm: Stilvoll geht anders. Foto: Cornelius von Tiedemann

Während ich mit 26 km/h den Berg hinaufstrampele, lausche ich der wohligen Stimme eines Erzählers, der mir das neueste Werk von Amor Towles vorträgt. Wunderbar, auch wenn Autos eine zentrale Rolle spielen. Schließlich handelt das Buch von einem Abenteuer in den USA vor 60 Jahren. Heute hat die Welt zum Glück längst erkannt, dass Autos im Alltag eine viel zu große Rolle spielen.

Ich erwache aus meinem Tagtraum und stelle mir eine schimpfende Leserin vor: Wie kannst du denn beim Radfahren Hörbuch hören? Viel zu gefährlich!

Also erstens, antworte ich nonchalant, höre ich auch mit den kleinen Kopfhörerchen in den Ohren noch circa 37,4-mal so viel, wie du in deinem Tesla von der Umwelt mitbekommst. Und zweitens ist das Hörbuch gerade vielleicht doch nicht so spannend, wenn ich jetzt schon Selbstgespräche in Hinblick auf einen später zu schreibenden Artikel führe. Und was habe ich eigentlich ausgerechnet gegen Tesla? Bin ich etwa in Wirklichkeit nur neidisch?

Vorfahrt Fahrrad
Vorfahrt fürs Fahrrad Foto: Cornelius von Tiedemann

Da steht ein Pferd auf der Spur

Auf den Radwegen tummelt sich vieles, was nicht dorthin gehört. Als ich vom Ravnsbjergvej in den Buskmosevej abbiege, wo die Radweg-Verbindung bis nach Quars durchgängig ist (halleluja!), begegne ich so manchen alten Bekannten.

Buskmosevej
Jeder Laie weiß: Pferde sind keine Fahrräder. Foto: Cornelius von Tiedemann

Leider handelt es sich dabei nicht um Radfahrende, sondern um Unrat. Während die Auto-Fahrbahn leer gefegt ist, liegen auf dem Radweg Zweige und ganze Äste, Laub, Matsch und Pfützen – und Pferdeäpfel.

Denn für viele in Nordschleswig gelten Radwege offenbar als Pferdepfade. Dabei ist es gesetzlich vollkommen zu Recht verboten, mit Pferden die Radwege zu versperren – und zu zertrampeln. Entsprechend untersagt ist es auch, sie mit riesigen Kothaufen zu verunreinigen.

Schließlich stellt der Kot nicht nur ein Ärgernis, sondern auch eine Gefahr für Leib, Leben und Würde dar: Wer möchte schon von Pferdemist ins Jenseits befördert werden?

Quars
Radinfrastruktur aus der Abteilung für Improvisationskünste. Foto: Cornelius von Tiedemann

Es stinkt mir in Quars

Dass es vor Quars elendig zu stinken beginnt, hat derweil weniger mit den wie mit dem Nudelholz ausgerollten Pferdeäpfeln zu tun, sondern mit der neuen Biogasanlage. Wie mir die Kollegin S. aus der Lokalredaktion Sonderburg später verrät, soll dies laut Plan nur in der Anfangsphase der Fall sein. Ich werde es ja in den kommenden Wochen merken.

Im Ort angekommen, wundere ich mich einmal mehr darüber, wie nachlässig Fahrrad-Infrastruktur auch in Dänemark oftmals an bestehende Wege angeschlossen wird. Über einen merkwürdig verbogenen schmalen Pfad soll ich mich am Ende des Radweges auf die Landstraße bewegen. Ich tue, was von mir verlangt wird.

Avntoftvej
Kein Radweg auf dem Avntoftvej Foto: Cornelius von Tiedemann

Freiwild ohne Jäger auf dem Avntoftvej zwischen Quars und Seegaard

Vom Søndertoft in Quars biege ich gemeinsam mit einigen Autos nach links in den Avntoftvej ab, der mich zur Autobahnüberführung bei Seegaard (Søgård) bringen soll. Fahrradweg: Fehlanzeige.

Die Autos und Lkw rauschen in hoher Geschwindigkeit an mir vorbei. 80 km/h sind erlaubt, längst nicht alle halten sich daran. Doch weil es hier keine Fahrbahnmarkierung gibt, die einen Fahrradweg vorgaukelt, radele ich auf einer Fahrbahn mit den Autos und Lastwagen zusammen.

Die Folge: Sie halten in fast allen Fällen deutlichen Abstand, überholen manchmal sogar komplett auf der Gegenspur. Besonders Lkw-Fahrende nehmen hier Rücksicht, so meine Erfahrung.

Milan
Ein Greifvogel am Avntoftvej Foto: Cornelius von Tiedemann

Dennoch: Ein Aasgeier zieht bereits seine Kreise über mir. Moment … schnell die Kamera gezückt: Es scheint sich doch um einen Milan zu handeln. Mit dem Weitwinkelobjektiv aus der Hüfte geschossen ist es schwer auszumachen – zumal für einen ornithologischen Analphabeten wie mich.

Mit dem Rad unterwegs habe ich immer wieder solche Begegnungen, nicht nur mit Federvieh, auch Füchse, Rehe, Hasen sind mir schon begegnet. Sehr gesprächig sind sie meistens nicht. Aber man kommt sich doch näher als mit dem Auto.

Keine Infrastruktur für Radfahrende bei Seegaard Foto: Cornelius von Tiedemann

Mit Sicherheit kein gutes Gefühl

Als ich mich aller Widrigkeiten zum Trotze und beflügelt durch den Einklang mit der Fauna Seegaard nähere, lasse ich vor der Kreuzung an einer Bushaltestelle erst einmal einige Kraftfahrzeuge passieren. Schließlich wollen wir alle freundlich zueinander sein.

In wenigen Metern geht es für mich nach rechts. Auch hier fühle ich mich nicht sonderlich sicher, die Geschwindigkeiten sind hoch, die Aufmerksamkeit ist oft niedrig und nicht auf die Radspur gerichtet.

Pfütze in Seegaard
Pfütze im Kreisverkehr an der Autobahn: Nasse Füße für forsche Radlerinnen und Radler. Foto: Cornelius von Tiedemann

In den zwei Kreisverkehren über der Autobahn verlasse ich mich nicht darauf, dass hier alle den vorgegebenen Schulterblick praktizieren, sondern versuche, Blickkontakt herzustellen oder abzuwarten, bis die Luft rein ist. Hier auf die Vorfahrt zu pochen, könnte sich als tödliche Rechthaberei herausstellen.

Schneise durch die einzigartige Natur: Die Sonderburg-Autobahn bei Seegaard. Foto: Cornelius von Tiedemann

Fahr'n fahr'n fahr'n über die Autobahn

Als ich die Autobahn überquere, wage ich einen Blick in die Ferne. Kaum etwas los auf dem etwa zehn Jahre alten Milliardenprojekt. Es soll sich gelohnt haben, sagen die Verantwortlichen: Heute gibt es mehr Kfz-Verkehr in der Gegend als früher. Die Umgebung sei belebt worden.

Ein Radschnellweg wurde leider nicht gebaut. Obwohl hinlänglich erwiesen ist, dass nicht nur Schnellwege für Autos mehr Autos anziehen – sondern (gut vernetzte) Schnellwege für Fahrräder auch dafür sorgen, dass mehr Menschen mit dem Rad fahren.

Wieder einmal schüttele ich den behelmten Kopf. Und trete erneut in die Pedale, um den einsetzenden Weltschmerz mit Dopamin, Serotonin und Endorphin aus Eigenproduktion zu verdrängen.

Parken auf Radspur
Am Flensborg Landevej wird auf der längsten Strecke der per Farbe vom Schwerlastverkehr „getrennte“ Straßenrand als Radweg ausgegeben. Gelegentlich wird er auch als Haltestelle genutzt. Foto: Cornelius von Tiedemann

Immer geradeaus – meistens

Auf dem Flensborg Landevej geht es dann immer geradeaus bis nach Apenrade. Als Radweg dient der Straßenrand. Geschützt werden wir „weichen“ Verkehrsteilnehmenden vor tonnenschweren Blechgeschossen durch eine gestrichelte Linie auf dem Asphalt.

Die hindert die Kfz-Fahrenden jedoch überraschenderweise nicht daran, gelegentlich, zum Beispiel beim Blick auf Smartphone oder Bordbildschirm, auf unsere Spur abzudriften, oder dort für eine Pause einfach mal anzuhalten.

Lkw
In der tatsächlichen Fahrsituation ist der Lkw noch deutlich näher am Radfahrenden. Foto: Cornelius von Tiedemann

Für die Kfz-Fahrenden ist es vollkommen legal, hier in wenigen Zentimetern Abstand an mir vorbeizudonnern. Sobald ein Radweg auf die Straße gemalt ist, merke ich, dass kaum noch jemand Rücksicht auf mich nimmt. Mit dem vorsichtigen Abstand ist es vorbei. Es hat ja alles seine Ordnung so.

Stille Post ohne Pferd

Kein Pferdemist übrigens auf der Schnellstraße. Pferde sind heute eben eher als Sportgeräte im Einsatz und dienen nicht mehr zum Transport von A nach B.

Sonst wäre das Haus, in dem ich lebe, heute auch kein Wohnhaus, sondern noch immer Zwischenstation für Postkutschen auf dem Weg von Sonderburg nach Flensburg (und zurück!), wie ursprünglich.

Heute wird meine Post nach Flensburg erst mal nach Kopenhagen gekarrt und dann von dort aus in den Verteiler „Rest der Welt“ geworfen. Bis sie in Flensburg ankommt, wäre die Pferdekutsche, samt Zwischenstopp in unserer Küche, schon etliche Male um die Förde gerollt. Aber das ist ein anderes Thema.

Radweg
Ein Radweg tut sich auf am Flensborgvej Foto: Cornelius von Tiedemann

Kurz vor Apenrade tut sich plötzlich ein Radweg auf. Leider gibt es auch hier wieder einiges zu meckern. Wer es hören will, kann sich bei mir melden.

Kreuzung
Zum Drücken absteigen: Unpraktische Ampel vor Apenrade Foto: Cornelius von Tiedemann

Nicht nur der schlechte Zustand des Radweges ist ärgerlich. Auch die teils unlogischen Übergänge nerven. Nur ein Beispiel: Wer auf Ampelknöpfe drücken will, muss erst einmal vom Rad absteigen.

Immerhin: Es muss keine Begründung für den Wunsch des Straßenübertritts eingereicht werden – und ein Zeuge ist auch nicht nötig.

Von Fahrradständern keine Spur Foto: Cornelius von Tiedemann

Zur Rechten tut sich dann die Apenrader Förde auf, und die zahlreichen Zugänge zum zumindest im Sommer beliebten Süderstrand rauschen vorbei. Leider komplett ohne Fahrradständer.

Ich glaube schon, mein Schwein pfeift, da merke ich: Ich bin es selbst!

Vor Erstaunen. Denn erstmals auf der Strecke fallen mir kleine blaue Hinweisschilder mit vereinfacht dargestellten Fahrrädern und Richtungspfeilen darauf auf. Ich scheine mich also tatsächlich auf einer Fahrradroute zu befinden, oder auf gleich zweien. Auf dem einen Schildchen steht 5 und auf dem anderen 8. Was mir diese Hinweise nützen sollen, weiß ich nicht so genau.

Mehr würde es mir helfen, wenn es Hinweise dazu gäbe, wie ich ins Zentrum gelange, wie zum Campus, zum Stadion, zum Schloss und so weiter. Nur mal so als verrückte Idee.

Kystvej Apenrade
Trotz Bordsteinkante: Auch in Apenrade kommen sich Lkw und Radfahrende sehr nahe. Foto: Cornelius von Tiedemann

Keine eindeutigen Überwege in Apenrade

Im Zentrum Apenrades angekommen, versuche ich, trotz fehlender Überwege über den Kystvej zu gelangen, und schleiche mich von hinten durch die Gassen der Stadt ans Medienhaus heran.

Dort stehen bereits zahllose Autos – und das Rad samt Anhänger der Kollegin H.

Jeden Werktag fährt sie damit ihre Kinder in die für Jungmenschen zuständigen Institutionen – und danach sich selbst zur Arbeit. Auch ganz ohne Wettbewerb tut sie dies. Eine unbesungene Heldin des Alltags?

Nein, einfach nur eine unbesungene vernunftbegabte Mitbürgerin.

Hinterm Medienhaus parkt es sich gut, aber schlecht. Foto: Cornelius von Tiedemann

Der Marsianer ist gelandet

Oben in der Redaktion erwarten mich – was sonst – Hunde. Auf Nordi, unserem Maskottchen, trete ich mir die Schuhe ab. Und Floki, kanadischstämmiger Anhang des Radfahr-hassenden Kollegen D., glotzt mich zunächst ungläubig an und beginnt dann zu knurren.

Vermummt, mit Warnweste, rotem Blinklicht am Helm, gelber Tasche und schwerem Batteriepack in den Händen stehe ich vor ihm wie ein Eindringling aus dem All. „Das hat er noch nie gemacht“, sagt sein Herrchen, das mein Marsmenschen-Outfit schon gewohnt ist.

Floki
Nordi und Floki warten in der Redaktion Foto: Cornelius von Tiedemann

Die nächste Mit-dem-Rad-zur-Arbeit-Woche ist dann im Mai. Vielleicht sehen wir uns ja auf einem der sogenannten „Radwege“ in Nordschleswig, auf dem Weg von Hund zu Hund. Ich darf jetzt erst einmal etwas essen. Denn nicht nur Floki, auch mein Magen knurrt.

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