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„Pogrom in Israel“

Pogrom in Israel

Pogrom in Israel

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Berlin
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Israel
Die israelische Flagge weht über Jerusalem. Foto: Taylor Brandon/Unsplash

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Es ist nicht abzuschätzen, wie sich diese Tragödie im „Heiligen Land“ weiter entwickeln wird. Sie ist aber auch ein Zustandsbericht unserer Welt, schreibt Jan Diedrichsen in seiner Kolumne „Voices“. Es ist dringend geboten, dass sich auch Europa Gedanken macht, mit wem man sich so alles abgibt und wem man sich anbiedert für billige Rohstoffe.

„Es handelt sich nicht um einen Krieg oder ein Schlachtfeld, sondern um ein Massaker. So etwas habe ich in meinem Leben noch nie gesehen, eher ein Pogrom aus der Zeit unserer Großeltern“, versucht Generalmajor Ital Veruv, die unvorstellbaren Bilder und Nachrichten aus Israel nach dem grauenhaften Mordzug der Hamas gegenüber der „New York Times“ in Worte zu fassen.

9/11-Metapher ungeeignet

Den Soldaten, die zur Hilfe eilten, zeigte sich ein Bild des Grauens. Eltern, die abgeschlachtet wurden, weil sie mit ihrem Körper versuchten, ihre Kinder zu schützen. Ganze Familien wurden ermordet. Berichte von geköpften Säuglingen. Junge Menschen wurden massakriert, als sie an einem Musikfestival teilnahmen, um den Frieden zu feiern. Frauen wurden vergewaltigt, missbraucht und als Trophäen zur Schau gestellt. Die Bilder und Berichte lassen nur noch Verzweiflung und Wut zu.

Derzeit wird häufig die 9/11-Metapher benutzt, um die Ereignisse in Israel zu beschreiben. Der Verweis auf den Terroranschlag von Terroristen auf New York am 11. September 2001 ist jedoch nicht zutreffend. Die USA wurden zwar durch die Terroranschläge in ihrem Selbstverständnis erschüttert, sahen aber nie den eigenen Staat, die eigene Nation in existenzieller Bedrohung. Anders Israel. Die Terroristen von Hamas hatten und haben nur ein Ziel: So viele Jüdinnen und Juden töten wie möglich, so grausam wie möglich. Die Traumata der Vergangenheit Israels werden über Nacht für alle Juden weltweit lebendig. Die Angst ist real.

Kriege lösen keine Probleme

Es erfüllt einen daher mit Ekel und Wut, wenn derweil in Neukölln in Berlin Bonbons verteilt werden und der Pogrom gegen unschuldige Zivilistinnen und Zivilisten gefeiert wird. Frauen, die lachend in die Kamera grinsen und sich über den Mord an Babys freuen können. In Kopenhagen werden die Blumen vor der israelischen Botschaft von vermummten Feiglingen entfernt. Vor der israelischen Botschaft in London protestieren 5.000 Hamas-Sympathisantinnen und -Sympathisanten. Es ist widerlich und wer hierfür Verständnis zeigt, sollte sich fragen, was für ein Mensch er ist.

Die Bilder und Berichte sind in ihrer Monstrosität so ungreifbar, dass sie gar nicht verarbeitet werden können. Doch die Folgen werden die Region und die Weltpolitik verändern. Wie? Das ist noch offen und wird auch von der Reaktion Israels abhängen. Mit aller Vorsicht und allem Verständnis für das Recht Israels, sich zu verteidigen, mag hier der Vergleich zur Reaktion der Vereinigten Staaten auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 besser passen. Die Reaktion der USA, die darauffolgenden Kriege, haben keine Probleme gelöst, sondern vielfältige geschaffen. Gescheitert im Irak, gescheitert in Afghanistan. Gescheitert in der gesamten Region.

Deutliches Zeichen setzen

Israel will die Mörder der Hamas zur Verantwortung ziehen. Sie werden der Region zeigen wollen, dass ein solcher Angriff nicht ungesühnt bleibt, um weitere Angriffe zu verhindern. Die USA zeigen mit einem Flugzeugträger-Verband ein deutliches Zeichen Richtung Iran: Ein Eingreifen Teherans hätte einen flächendeckenden Krieg mit Beteiligung der USA zur Folge. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass Iran an den Vorbereitungen aktiv beteiligt war. Hamas ist eine sunnitische Mörderbande. Der schiitische Iran hat mit der Hisbollah vor allem im Libanon seine eigenen Killer-Brigaden stationiert, die, so pervers das klingen mag, eifersüchtig sein werden, was die Hamas-Mörder angerichtet haben und selbst zuschlagen wollen. Hamas wiederum wird vor allem aus Katar und auch der Türkei unterstützt, politisch und finanziell. Die Muslimbruderschaft, eine der einflussreichsten sunnitisch-islamistischen Bewegungen im Nahen Osten, lässt grüßen.

Ein Zustandsbericht der Welt

Es ist dringend geboten, dass sich auch Europa Gedanken macht, mit wem man sich so alles abgibt und wem man sich anbiedert für billige Rohstoffe. Wenn der Emir von Katar am Donnerstag Berlin besucht und mit militärischen Ehren vom Bundespräsidenten und Bundeskanzler empfangen wird, dann sollte man auch die Ehrlichkeit besitzen zu sagen, mit wem man sich dort trifft – nämlich einem Hauptfinanzier und Unterstützer des Hamas-Terrorismus.

Die Menschen – rund 2 Millionen Zivilisten leben im dicht besiedelten Gazastreifen – zahlen für die Mörder der Hamas einen unerträglich hohen Preis. Seit Tagen werden Hamas-Stellungen bombardiert, Gaza wurde abgeriegelt, alles deutet auf eine israelische Bodenoffensive hin. Die Terroristen haben sich über Jahre in der Innenstadt, vorzugsweise in Nähe von Krankenhäusern, Schulen und Wohngebieten, verschanzt. Es ist nicht abzuschätzen, wie sich diese Tragödie im „Heiligen Land“ weiter entwickeln wird. Sie ist aber auch ein Zustandsbericht unserer Welt.

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