Leitartikel

Ein wenig schockiert

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Auch Dänemark hat der Demokratie viel zu verdanken. Foto: Scanpix

„Das Vaterland ist wichtiger als Demokratie“, sagte der EU-Abgeordnete der Dänischen Volkspartei, Morten Messerschmidt. Wer die Demokratie als zweitrangig darstellt – der begeht einen Tabubruch, der – gerade in der Tageszeitung einer Minderheit, die alles, was sie hat, Demokratie und Völkerverständigung verdankt – nicht unkommentiert bleiben darf, meint Cornelius von Tiedemann.

„Das Vaterland ist wichtiger als Demokratie“, sagte der EU-Abgeordnete der Dänischen Volkspartei, Morten Messerschmidt, am Montag in der Sendung P1 Debat in Danmarks Radio. „Ich bin jetzt ein wenig schockiert“, sagte daraufhin Stine Bosse, die als Vorsitzende der Europabewegung an der Debatte zum Thema Katalonien teilnahm. Es ist gut, dass Messerschmidts Satz nicht unkommentiert blieb.

Und es ist kein Wunder, dass Stine Bosse als liberale Europäerin „ein wenig schockiert“ über Messerschmidts Satz war – scheint er doch aus Zeiten zu kommen, die viele für längst überwunden hielten. Doch Krisen wie jene in Katalonien, sie sind ein Festschmaus für die ewig Gestrigen und ihre kulturnationalistische und somit antieuropäische Propaganda.

Im Einzelnen gibt es viel über die Katalonien-Frage zu sagen und dazu, welche Rolle Demokratie, nationale Souveränität, Minderheiten- und Völkerrecht spielen. Ein Satz jedoch, der in diesem und keinem Zusammenhang im 21. Jahrhundert gesagt gehört, ist der, den Messerschmidt gesagt hat – zumindest nicht so, wie er ihn gesagt hat. Er hätte doch auch sagen können, dass die Souveränität des spanischen Staates höher zu bewerten ist als ein regionales Referendum.

Doch seine Mission war ja auch nicht die konstruktive Debatte. Messerschmidt ist Populist und nutzt Auftritte wie jenen bei P1 Debat gezielt für die politische Agenda seiner Partei. Dagegen lässt sich nichts sagen. Gegen die Agenda schon. Denn Messerschmidts Satz war ganz bewusst formuliert und eine gezielte Provokation, um die Grenzen des Sagbaren einmal mehr nach rechts zu verschieben.

Jenen, denen das Pochen auf Begrifflichkeiten wie der des Vaterlandes wichtiger ist als der Erhalt der Demokratie, sei nochmals und immer wieder gesagt, dass sie mit dem Feuer spielen. Ja, Messerschmidt vertritt Dänemark und nicht Deutschland und somit ein Land mit einer eigenen, ganz anderen Geschichte. Doch auch für ihn gilt, dass jene, für die der Nationalgedanke über allem stand, die Welt immer und immer wieder in verheerende Kriege geführt haben. Dass wir, auch in Dänemark, Wohlstand und Frieden der Demokratie und der europäischen Zusammenarbeit zu verdanken haben.

Dass sich einige eine weniger enge Zusammenarbeit wünschen und dafür auch argumentieren, das ist Demokratie! Wer jedoch die Demokratie als zweitrangig darstellt – der begeht einen Tabubruch, der – gerade in der Tageszeitung einer Minderheit, die alles, was sie hat, Demokratie und Völkerverständigung verdankt – nicht unkommentiert bleiben darf.

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