Leitartikel

Überm Tellerrand

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Sweet Ice Cream Photography/Unsplash

Viele Hochqualifizierte entscheiden sich gegen eine Beschäftigung in Nordschleswig, weil die attraktiven Arbeitsmärkte von Kopenhagen und anderen Großstädten zu weit weg sind. Aufgeben sei keine Lösung, meint Cornelius von Tiedemann. Lieber sollte die Infrastruktur geschaffen werden, um Nordschleswig vom Rand ins Zentrum zu rücken.

Nordschleswig hat seinen Bewohnern so einiges zu bieten – und die deutsche Minderheit mit ihren Institutionen und Angeboten trägt enorm dazu bei. Dennoch ist und bleibt es ein leidiges Thema: Hochqualifizierte Fachleute sind vielfach nicht bereit, hierherzuziehen. Erst am Mittwoch hat Danfoss-Chef Jørgen Mads Clausen dies in unserer Zeitung erneut deutlich gemacht. Auch beim Umzug staatlicher Behörden nach Nordschleswig hat sich dies gezeigt.

Was bei den Behörden vielleicht gar nicht so schlimm ist, weil dadurch Bewerber aus der Region eine Chance bekommen, fällt bei den Großunternehmen schon viel deutlicher ins Gewicht. Aller Initiativen, es den „Großstädtern“ so leicht wie möglich zu machen, nach Alsen zu kommen, zum Trotze. So berichtet Clausen, dass die Hälfte der Leute, die sein Unternehmen abwerben will, wegen der Lage in Norburg absagen.

Nun sollte dies nicht falsch verstanden werden. Es ist, davon ist fest auszugehen, nicht so, dass Alsen und Nordschleswig den hochqualifizierten Städtern per se nicht gefallen. Die potenziellen neuen Angestellten von Danfoss, Linak und Co. sind ja keineswegs alle geborene Städter. Viele von ihnen kommen selbst aus der „Provinz“ und haben dann ihre Ausbildung und erste Berufserfahrung in der Großstadt gemacht.

Das Problem für Unternehmen, die in dünn besiedelten Gebieten operieren: Gerade in dieser Lebensphase schlagen diese Menschen Wurzeln. Zwar sind wir im Allgemeinen viel mobiler als früher. Doch wenn der Lebenspartner, der Freundeskreis in Kopenhagen oder Aarhus sind und dort auch nicht wegwollen, dann lautet die Antwort selbst an noch so attraktive Arbeitgeber aus Nordschleswig vielfach: Nein.

Die Unternehmen und Kommunen tun bereits ihr Möglichstes, auch für Lebenspartner attraktive Jobs zu finden. Doch es ist halt so: Die ganz große Auswahl, die ganz große Vielfalt an Karrieremöglichkeiten haben Wirtschaftsmetropolen wie Kopenhagen und Hamburg. Nordschleswig hat sie nicht.

Der Schritt von Danfoss, attraktive Arbeitsplätze in Kopenhagen und Hamburg einzurichten, ist deshalb nur zu verständlich. Und aus deutsch-dänischer Sicht sind solche grenzüberschreitenden langen Tentakel nur zu begrüßen, auch wenn sie über den Tellerrand Nordschleswigs hinausreichen.

Doch für Nordschleswig kann es langfristig keine Lösung sein, sich aus dem Rennen um die klugen Köpfe zu verabschieden. Stattdessen muss der Landesteil infrastrukturell vom Rand ins Zentrum rücken. Und das ist möglich. Durch bessere und vor allem endlich schnellere Zugverbindungen nach Hamburg etwa (wer von Hamburg nach Sonderburg mit der Bahn reisen will, braucht dafür sagenhafte viereinhalb Stunden. Nach Köln dauert es eine Stunde weniger!). Und, ja, eine Brücke von Fünen nach Alsen würde helfen – und zwar viel mehr als jede einmalige Dezentralisierung staatlicher Arbeitsplätze.

Alsen, ganz Nordschleswig und auch Flensburg und Umland wären plötzlich ganz eng mit den Wirtschafts- und Lebensräumen Fünen und Seeland verbunden. Schade, dass die Politik in dieser Frage (noch) nicht über den Tellerrand schaut und Weitsicht beweist.

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