Leitartikel

„Privat, aber nicht elitär“

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Lehrer und Politiker vom linken Flügel sehen mit Besorgnis den Anstieg der Schülerzahlen der Privatschulen. Die sind aber längst nicht alle elitär, stellt Chefredakteur Gwyn Nissen fest.

Allzu viele Kinder in Dänemark besuchen eine Privatschule. Das meinen zumindest Lehrer und Politiker vom linken Flügel: Wenn fast jedes fünfte Kind nicht mehr die Volksschule besucht, dann ist es eben keine Schule des Volkes mehr, so die Kritiker, die das private Schulsystem infrage stellen.

Der Anteil von Privatschülern liegt in Dänemark bei Erstklässlern bei 17,4 Prozent und sogar bei 20 Prozent in der Oberstufe. Unter 23 OECD-Ländern nimmt Dänemark damit Platz vier ein – nur in Großbritannien, Belgien und Spanien gibt es einen höheren Anteil an Schülern, die an Privatschulen unterrichtet werden.

Das gerade die Volksschullehrer protestieren, ist nicht unerwartet. Sie weisen darauf hin, dass die Volksschulen seit 2015 mit einer Milliarde Kronen weniger auskommen müssen, während der Staatszuschuss für Privatschulen von 71 auf 76 Prozent angehoben worden ist. In Wahrheit geht es aber weniger ums Geld, als um das eigene Image der Volksschule. Wenn immer mehr Eltern ihre Kinder lieber gleich in eine Privatschule schicken, liegt darin – so die Logik – auch eine Kritik an den öffentlichen Schule.

Aber kann man den Privatschulanteil als Barometer für die Zufriedenheit in der Volksschule betrachten? Die Debatte über Privatschulen in Dänemark ist eigentlich gar nicht so relevant wie in anderen Ländern. Die wenigsten dänischen Privatschulen sind elitär und die allermeisten aus ganz anderen Gründen entstanden.

Nehmen wir als Beispiel Nordschleswig: hier gibt es zum einen die Schulen der deutschen Minderheit, aber auch Gesinnungsschulen wie die christlichen Freischulen. Und schließlich gibt es jede Menge kleine örtliche Privatschulen, weil die Kommunen die öffentliche Schule vor Ort geschlossen haben: Rinkenis, Quars Jeising, Seegard, Blans, Bedstedt, Holebüll, Süder Wilstrup und andere Schulen sind nur entstanden, weil Eltern ihre Kinder in eine Dorfschule schicken möchten, statt in die große, zentrale Stadtschule.

Das ist keine Entscheidung gegen die Volksschule, sondern eine Entscheidung für die eigene kleine Privatschule und somit für das Dorfleben. Nimmt man diese Schulen und Beweggründe aus der Gleichung, dann ist es um der Volksschule in Dänemark gar nicht so schlecht bestellt. Und außerdem: Konkurrenz belebt das Geschäft. Die Volksschulen müssen sich im Wettbewerb mit den privaten und freien Schulen Mühe geben – und das tun sie auch. Dafür braucht man aber nicht am Geldhahn drehen, um es für die einen besser und die anderen schlechter zu machen. Und man muss weder politisch noch gesellschaftlich die Privatschulen schräg anschauen. Es ist für beide Schulformen Platz genug im kleinen Dänemark.

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