Leitartikel

„Ein Leben im Überfluss – wie lange geht das noch gut?“

Ein Leben im Überfluss – wie lange geht das noch gut?

Ein Leben im Überfluss – wie lange geht das noch gut?

Apenrade/Aabenraa
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Fragt man die KI „Chat GPT“ was passiert, wenn wir in Dänemark weiterhin mehr natürliche Ressourcen verbrauchen, als uns zustehen, zeichnet die Antwortliste ein dystopisches Bild der Welt. Weil niemand wollen kann, dass es so eintritt, muss schnell ein Bewusstsein für die Folgen her, schreibt Gerrit Hencke in seinem Leitartikel. Denn die Anfänge erleben wir bereits.

Vorsicht, dieser Leitartikel könnte zu schlechtem Gewissen, Sorgen oder auch Gleichgültigkeit führen. Denn er behandelt ein unbequemes Thema, das viele in ihrem Alltag gerne ausblenden oder verdrängen wollen. Es geht um die Umwelt und darum, wie schlecht wir mit unserer Heimat umgehen. 

Sogenannte Haul-Videos, in denen Social-Media-Influencerinnen und -Influencer meist Billig-Klamotten aus Fernost präsentieren, Erdbeeren im Januar oder einen Kilometer mit dem Pkw fahren, um Brötchen zu holen: Überkonsum, Überangebot und steigende Emissionen tragen unter anderem dazu bei, dass die Menschheit die natürlichen Ressourcen, die unser Planet jährlich zur Verfügung stellen kann, immer früher verbraucht.

Dänemark ist vorne mit dabei. Denn alle natürlichen Ressourcen, die Dänemark bei gerechter weltweiter Verteilung im Kalenderjahr zustehen würden, sind seit vergangenem Sonnabend verbraucht. Damit leben die Menschen im Land seit einer Woche auf Pump – also auf Kosten anderer Länder und der Natur. 

Das ist ein seit Jahrzehnten bekanntes Problem. Den sogenannten „Country Overshoot Day“ berechnet der private Thinktank „Global Footprint Network“ regelmäßig – und er kommt immer früher. 2022 und 2023 lag er in Dänemark noch am 28. März, 2024 markiert er 12 Tage früher die eigentliche Verbrauchsgrenze. 

Dänemark braucht vier Erden

Fest steht: Würden alle Länder so viele natürliche Ressourcen verbrauchen wie Dänemark, dann bräuchten wir vier Erdkugeln. Weil dem aber nicht so ist, ist der Erdüberlastungstag, der „Earth Overshoot Day“, am 2. August. Ab da geht es, um es deutlich zu machen, an die Gesundheit unserer Erde.

Das klingt vielleicht erstmal okay, weil August ist ja schon Spätsommer, allerdings sind hier zwei Fakten, die nachdenklich machen: Noch vor 24 Jahren, im Jahr 2000, wurde der Earth Overshoot Day am 17. September markiert – anderthalb Monate später. Noch mal 24 Jahre zurück, 1976, war es der 21. November.

Vielfältige Gründe

Das ist komisch. Fahren doch heute E-Autos, findet sich fast überall Wind- und Solarenergie und technische Geräte verbrauchen viel weniger Strom als früher. Die Gründe für die Entwicklung sind jedoch vielfältig. Hier drei banale Beispiele.

Heute fahren mehr Autos auf den Straßen, auch wenn sie sauberer sind, als vor einigen Jahrzehnten. 1961 gab es beispielsweise 470.000 Pkw in Dänemark, 2023 waren es laut Danmarks Statistik rund 2,8 Millionen. 

„Fast Fashion“ ist ein Trend, den viele Unternehmen seit den 1980er Jahren als sogenannte Quick-Response-Strategie fahren – schneller, billiger, mehr. Produziert wird auf Kosten der Natur und der Gesundheit der Menschen. Manche Modemarken und Plattformen – etwa Shein und Temu – betreiben heute ein Geschäftsmodell, das dem „Fast“ noch ein „Ultra“ hinzufügt. Produkte für eine Wegwerfgesellschaft. Ist es kaputt, wird neu gekauft. 

Zu guter Letzt ist das globale Bevölkerungswachstum ein Problem und der Klimawandel sowieso. Und so übersteigt unsere Nachfrage das, was der Planet in einem Kalenderjahr regenerieren kann, immer weiter. Die Folge: Wir bauen ökologische Ressourcen weiter ab und sammeln Abfälle an – vor allem Kohlendioxid in der Atmosphäre. Aktuell braucht die Menschheit 1,7 Erden, um ihren Bedarf zu decken. Dem ein oder anderen mag es aufgefallen sein: Wir haben nur eine. 

Nur elf Länder vor Dänemark

Das muss auch den Menschen in Dänemark bewusster werden, liegt das Land mit dem Country Overshoot Day im März im unrühmlichen oberen Drittel der höchsten Verbräuche natürlicher Ressourcen. 

Nur elf Länder erreichen den Stichtag in diesem Jahr früher. Gerade einmal 41 Tage nach Jahresbeginn ist Katar mit dem 11. Februar Spitzenreiter. Luxemburg erreicht den Country Overshoot Day am 20. Februar. Beide Länder haben einen hohen Pro-Kopf-Verbrauch und müssen viele Ressourcen importieren. 

In den USA fällt der Stichtag auf den 14. und in Kanada auf den 15. März. In Deutschland ist der Tag am 2. Mai erreicht, in Kirgistan zum Beispiel erst am 30. Dezember.

Ja, Veränderung ist schwer und unbequem. Aber sie fängt mit unserem eigenen Konsumverhalten und Lebensstil an. Muss es jeden Tag Fleisch sein? Muss ich zwei Kilometer mit dem Auto fahren? Muss ich wirklich ständig neuen Modetrends folgen oder das neueste Smartphone haben?

KI schlägt Lösungsansätze vor

Klar ist auch: Niemand in den Industrienationen möchte gerne gewissen Luxus und Bequemlichkeit aufgeben und in vielen Schwellenländern erarbeiten sich die Menschen gewisse Annehmlichkeiten gerade erst. 

Trotzdem muss jede und jeder hierzulande sein Konsumverhalten hinterfragen. Denn die zwei wichtigsten Fragen bleiben: Wie lange geht das noch gut und was kommt danach? Die Frage habe ich der Künstlichen Intelligenz (KI) „Chat GPT“ gestellt. Die Liste der Antworten liest sich ziemlich dystopisch.

Umweltzerstörung, Klimawandel, Ressourcenkonflikte, wirtschaftliche Instabilität und Gesundheitsprobleme sind Folgen, deren künftiges Ausmaß viele noch nicht begreifen, obwohl wir die Anfänge bereits erleben. Unser Lebensstil insgesamt ist in Gefahr, wenn wir ihn nicht zurückschrauben. 

Die KI kennt aber auch Lösungsansätze. Mehr Nachhaltigkeit und Naturschutz durch Recycling und bewussteren Konsum zum Beispiel. Klar, wir wissen das eigentlich alle. Nur wir müssen uns auch bewegen. 

Einzeln gemeinsam

Wer bis hier hin gelesen hat, dem schlägt die KI noch mehr vor, was man selbst tun kann. „Bildung und Bewusstsein“ zu Umweltfragen sowie „politische Beteiligung“ stehen in der Vorschlagsliste. Damit gemeint ist: Lernen und Wissen weitergeben und sich engagieren. 

Das ist dann aber weder „links“, noch „grün“, noch „versifft“ – auch wenn es manche so sehen. Was sie nicht sehen: Es geht dabei um unsere Lebensgrundlage. 

Es kann also jeder Mensch etwas tun, er muss aber aktiv werden. Ein afrikanisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Also los. 

Berechnung des Earth Overshoot Day

Eine zentrale Größe bei der Berechnung des Erdüberschusstages ist der ökologische Fußabdruck. So wird der Flächenbedarf berechnet, den ein Individuum, eine Gemeinschaft oder eine Nation benötigt, um ihren Lebensstil aufrechtzuerhalten, und die erzeugten Abfälle zu entsorgen. Dieser Fußabdruck wird in globalen Hektar (gha) gemessen und umfasst verschiedene Kategorien:

  • CO2-Fußabdruck: Die Menge an biologisch produktiver Fläche, die benötigt wird, um die Kohlenstoff-Emissionen zu absorbieren, die durch den Energieverbrauch verursacht werden.
  • Ackerland-Fußabdruck: Die Fläche, die für den Anbau von Nahrungsmitteln und Rohstoffen benötigt wird.
  • Weideland-Fußabdruck: Die Fläche, die für die Viehzucht und Tierproduktion erforderlich ist.
  • Forstfläche-Fußabdruck: Die Fläche, die benötigt wird, um Holz und Holzprodukte bereitzustellen.
  • Bauland-Fußabdruck: Die Fläche, die für Siedlungsflächen und Infrastruktur benötigt wird.

Als weitere Berechnungsgrundlage kommt die Biokapazität der Erde zum Tragen. Damit ist die Fähigkeit des Planeten gemeint, erneuerbare Ressourcen zu produzieren und Abfälle zu absorbieren. Sie wird ebenfalls in globalen Hektar gemessen und umfasst Ressourcen wie Ackerland, Weideland, Fischgründe und Wälder. Die Biokapazität wird regional und global erfasst, um festzustellen, wie viel nachhaltige Ressourcenproduktion und Abfallabsorption möglich ist.

Mit einer Formel wird abschließend berechnet, wie groß der Fußabdruck im Vergleich zur Biokapazität ist.

Quelle: fortomorrow.eu

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