Leitartikel

„Kleinvieh macht auch Mist“

Kleinvieh macht auch Mist

Kleinvieh macht auch Mist

Apenrade/Aabenraa
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Die rote Regierung will die warme Hand sein, die die Menschen in Dänemark beschützt. Doch kapselt sie die dänische Gesellschaft damit vielleicht auch ein, fragt Cornelius von Tiedemann.

Im dänischen Gesamthaushalt sind zwei Millionen Kronen eine geradezu lächerliche Summe. Aus der Froschperspektive allerdings sind sie ein riesiger Haufen Geld. Und wenn denen, die sich ohnehin chronisch vernachlässigt fühlen, ein solcher Haufen genommen wird, stellt sich das ihnen naturgemäß als weiterer Beleg für dieses Gefühl dar.

So geschehen im vergangenen Jahr, als die damalige Regierung der Süddänischen Uni zwei Millionen Kronen nahm (bzw. nicht erneut bewilligte), mit denen am Standort Esbjerg die Belange der ländlichen Räume erforscht werden sollten.

Unter anderem in Tondern zeigte sich die Politik wenig erfreut darüber.

Die neue Regierung will das Geld nun wieder nach Esbjerg leiten. Am dortigen Zentrum für Landdistriktforschung sei es am besten aufgehoben, sagen die Sozialdemokraten.

Das passt in ihre Strategie, so viele Menschen wie möglich zufriedenzustellen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie gehört werden. Die Sozialdemokraten wollen die warme Hand sein, die Dänemark umsorgt, das zeigte sich auch in Mette Frederiksens Eröffnungsrede im Folketing neulich.

Zugleich und als Abgrenzung zeichnet sich so ganz automatisch das Bild der bürgerlichen Parteien als kalte, berechnende Technokraten, die den Wettbewerb (zum Beispiel um die Forschungsmittel) als Selbstzweck sehen.

Es ist schon bemerkenswert, wie die rote Regierung es in kürzester Zeit geschafft hat, sich überall da beliebt zu machen, wo es dem Empfinden der Menschen nach bisher irgendwie ungerecht zuging. Und das ist bekanntlich so ziemlich überall.

Wer hat nicht das Gefühl, dass es für seine Sache eigentlich mehr Aufmerksamkeit, mehr Geld, weniger Hindernisse geben müsste?

Ganz große Versprechen gibt es nicht. Aber der Ton macht oft die Musik – und um gleich noch eine Phrase zu dreschen: Kleinvieh macht auch Mist.

Leider baut auch die neue Regierung, die sich auf diese Weise flächendeckend um Zuneigung buhlt, mit ihrer Strategie Mist. Denn auch in der Sicherheits- und Ausländerdebatte kommt sie denjenigen entgegen, die jammern. Jenen, die Angst haben. Angst zum Beispiel vor Fremden.

Es ist machtstrategisch der richtige Weg, deren Sprache zu sprechen. Es führt dazu, dass die Sozialdemokraten in Dänemark ihren Genossen in Europa zeigen, wie Machterhalt oder -gewinn sogar als Sozialdemokraten gelingen kann.

Doch ist es nicht auch verantwortungslos, Ängste, die zu großen Teilen nicht auf tatsächlichen Gefahren beruhen, zu würdigen und am Lodern zu halten, ja, zu schüren, nur um zeigen zu können, dass man sich als Sozialdemokratie auch um diese „Sorgen und Nöte“ kümmert?

Die Begütigungs-Politik der Sozialdemokraten glättet viele Wogen. Sie schafft es auch dort, wo nicht traditionell rot gewählt wird, auf dem Lande zum Beispiel, Anerkennung und Zustimmung zu sichern.

Doch wenn sie nicht auch dafür sorgt, das Selbstbewusstsein und die Offenheit der Menschen in Dänemark zu stärken, sondern wenn sie nur dafür sorgt, dass alle, die in das Schema des Normaldänen passen, sich auf eine starke, warme Regierungshand verlassen können, die sie vor der vielfältigen Wirklichkeit der modernen Welt bewahrt, dann wirft das Fragen auf.

Igelt Dänemark sich immer weiter ein? Und ist das zielführend – menschlich, humanistisch gesehen, aber auch rein ökonomisch betrachtet?

Werden die Menschen in Dänemark nicht möglicherweise noch unsicherer und noch schlechter gewappnet für eine Welt, in der die Herausforderungen – und die Möglichkeiten und Abenteuer – am besten gemeinsam angegangen werden?

Das große Ganze ist aus der Froschperspektive aber eben nicht zu sehen. Im Gegensatz zum Kleinvieh, das immer auch Mist macht.

In jedem Sinne des Wortes.

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