Kulturkommentar

„Schön verschreiben 10.0“

Schön verschreiben 10.0

Schön verschreiben 10.0

Apenrade/Aabenraa
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Haben wir Journalistinnen und Journalisten heimlich und in Eigenregie unseren Aufgabenbereich erweitert? Ja! Denn außer dem Informieren, Kritisieren und Unterhalten mit dem geschriebenen Wort können wir es nicht lassen, unermüdlich das Leben verschönern zu wollen. Hier wieder einige unveröffentlichte Spezialitäten, die erst jetzt und hier zum Lesestoff werden.

Mehr denn je bin ich davon überzeugt, dass Verschreiber kein Zufall sind, wenn wir Wörtern durch Weglassen, Verdrehen oder Hinzufügen von Buchstaben zu einer neuen Bedeutung verhelfen. Weltverbessern inklusive.

Was liegt da zum Beispiel näher, als einem Krieg, wenn wir ihn schon nicht beenden können, mit einem erfundenen Wort zu begegnen – und ihn somit zumindest sprachlich aus der Welt zu schaffen?!

Denn: Krieg ist krank. Krieg macht krank – oder tot. Krieg hat Folgen:  vergewaltigte Frauen, versehrte Männer, traumatisierte Kinder.

Möglicherweise ist meiner Kollegin deshalb das Wort Kriegsgräbervorsorge aus der Feder geflossen. Wo kein Krieg ist, dort, wo die Vorsorge gegriffen hat, da muss sich auch niemand anschließend fürsorglich um die Gräber kümmern.

Aber nun zu einem weniger schweren Thema. Obwohl …

Als ein Kamerateam des „NDR“ vor einiger Zeit für einen Bericht über die Grenzroute in Renz vorbeischaute, hatte es Glück – und vermutlich anschließend mehr Speck auf den Hüften. Denn im dortigen Museum wurde gerade eine nordschleswigsche Kaffeetafel aufgetischt. Wie mein Kollege schrieb, erfreut sich diese alljährlich stattfindende Veranstaltung großer Beleibtheit. Kann auch als Welt-Verbessern durchgehen – schließlich wollten wir hier ganz fürsorglich auf die möglichen Folgen einer Kalorienbombe hinweisen.

Kalorienreich ist bekanntlich auch Alkohol. Wie wir schrieben – oder zu schreiben versuchten, bis die Korrektur dazwischenfunkte –, wurden bei einem Einbruch in einen Schuppen auf Alsen Gastflaschen gestohlen. Oder wie der Chefredakteur dazu bemerkte: „Bei uns zu Hause heißt das Rotwein.“

Dieses alkoholische Getränk war vor einiger Zeit noch Bestandteil des Abendmahls in der Kirche. Möglicherweise hatte das eine Kollegin noch im Hinterkopf, als sie in der internen Kommunikation mailte, es fehle für die Wochenendausgabe des „Nordschleswigers“ noch ein Wirt zum Sonntag.

Sonntags einen Wirt um sich zu haben, der eine leckere Speise nach der anderen auftischt, während das eigene Tun sich darin erschöpft, diese zu verputzen – eine großartige Vorstellung. Hinfort mit den Gedanken an die Gefahr der zunehmenden Beleibtheit.

Im Zuge der Beihilfe für eine schönere Welt haben wir uns außerdem der Nachhaltigkeit gewidmet und einem Unternehmen zu mehr positiver Außenwirkung verholfen. Wenn ein Verpackungskonzern von der nordschleswigschen Westküste in Kolding eine kleine Zweigestelle einrichten wird, hat sich die Leserschaft darunter wohl Einwickelmaterial aus organischem, nachwachsendem Rohstoff vorzustellen. Da können sich andere Unternehmen gern eine Scheibe von abzweigen – komplett kalorienarm, versteht sich.  

Apropos verstehen. Das setzt zunächst einmal ein offenes Ohr voraus. Deshalb plädieren wir auch dafür, bei großen Herausforderungen den Stier an den Hörern zu packen.

Mögen sich alle Kriegstreiber dieser Welt an ihren Lauschern geschnappt fühlen, in das ein gewaltiges Brüllen aus Milliarden Kehlen eindringt: Kriegsgräbervorsorge!!!

Die in diesem Kulturkommentar vorgebrachten Inhalte sind nicht von der Redaktion auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie spiegeln die Meinung der Autorin oder des Autors wider und repräsentieren nicht die Haltung des „Nordschleswigers“.

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