Klinik-Ärzte im Interview

Sorge um zu frühe Lockerungen

Sorge um zu frühe Lockerungen

Sorge um zu frühe Lockerungen

Mira Nagar/shz.de
Flensburg
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Dr. Mariam Kaspari, leitende Oberärztin und Pneumologin und Prof. Dr. Ulf Linstedt, Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin. Foto: Michael Staudt

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Dr. Mariam Kaspari und Dr. Ulf Linstedt berichten, wie sich Flensburgs Inzidenz in den Covid-Stationen widerspiegelt.

Der Lage in den Kliniken galt und gilt ein sorgenvoller Blick – vor allem als die Inzidenz in Flensburg besonders hoch war. Die leitende Oberärztin und Pneumologin Dr. Mariam Kaspari vom Franziskus-Krankenhaus und der Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin Prof. Dr. Ulf Linstedt (Diako und Franziskus) sprechen im Interview über die Auswirkungen der Pandemie – und warum der Ruf nach Lockerungen zu früh kommt.

Flensburg hat es ja von den Top zehn Hotspots ans andere Ende der Liste geschafft und gehört nun zu den Städten mit den bundesweit niedrigsten Inzidenzen. Wie macht sich das bei Ihnen in den Stationen bemerkbar?

Dr. Kaspari: Gerade im Januar und Februar hatten wir sehr hohe Belegungszahlen. Die haben jetzt deutlich abgenommen, sowohl auf der Normalstation als auch auf der Intensivstation. Was draußen an Inzidenzen gemessen wird, das merken wir auch hier im Krankenhaus.

Prof. Linstedt: Ein zweiter Aspekt: Wir mussten im Februar die normale Krankenversorgung deutlich einschränken und dazu noch etliche Patienten verlegen. Jetzt sind wir noch nicht ganz wieder im normalen Betrieb, aber schon auf einem guten Weg dahin.

Was sagen Sie zu denen, die daraus schließen: Jetzt kann man lockern?

Prof. Linstedt: Die Berechnungen, die wir kennen und die ich für zuverlässig halte, deuten darauf hin, dass wir bis Ende Mai einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen erleben werden, und dass damit die Intensivbetten wieder, wie im Februar, wirklich knapp werden. Wenn wir jetzt lockern, während die Infektionszahlen nicht stagnieren oder fallen, können wir in Flensburg unseren Vorsprung wieder verspielen. Aus Sicht eines Arztes sehe ich das also kritisch.

Ist es denn verkehrt, wenn bei hohen Inzidenzen auf freie Betten verwiesen wird?

Dr. Kaspari: Die Zahl freier Betten spiegelt nur bedingt den Belegungsdruck auf den Intensivstationen wider. Bettenkapazitäten kann man erweitern, indem man nicht dringliche Operationen oder Behandlungen verschiebt. Das geht bis zu einem gewissen Punkt, aber eben auch zu Lasten anderer Patienten, die dann ihre Behandlung verzögert erhalten.

Prof. Linstedt: Wir haben ja gesehen, wie sich jede Abteilung in der Behandlung von Patienten einschränken musste. Wenn ich eine Tumor-Operation zwei Wochen verschieben muss oder eine Hüfte ein paar Monate später einsetze, dann schadet das dem Patienten höchstwahrscheinlich nicht. Aber der Patient ist ja trotzdem noch da und muss eben etwas später operiert werden, dann schieben wir die nächsten Patienten vor uns her. Somit kommt es durch die zusätzlichen Corona-Patienten zur Verknappung der Versorgung.

Wo haben sich die Probleme als erstes gezeigt?

Dr. Kaspari: Am frühesten auf der Normalstation. Um an Covid-19 erkrankte Patienten versorgen zu können, mussten wir andere Behandlungsbereiche schließen, wie beispielsweise die geriatrischen Tageskliniken. Auf der Intensivstation hat es mit Unterstützung der Diako eine Verschiebung der Patientenströme gegeben und wir haben auch Patienten in andere Kliniken in Schleswig-Holstein verlegen müssen.

Prof. Linstedt: Für die Behandlung eines Covid-Patienten auf der Intensivstation benötigt man wegen des erheblich höheren Aufwandes mehr Personal als sonst. Weiterhin beträgt die Verweildauer eines Patienten mit Covid-19 in aller Regel mehrere Wochen, sonst liegt sie durchschnittlich bei drei bis fünf Tagen. Das heißt, dass wir unsere Behandlungsplätze reduzieren und Personal aus anderen Bereichen rekrutieren mussten. Da wir üblicherweise aber eine Auslastung von über 90 Prozent haben, bedeutet das eine deutliche Reduktion des Angebotes an Intensivplätzen für die sonst auch noch nötigen Versorgungen. Entlastung konnten wir schaffen, weil wir in der Diako zeitweilig eine zusätzliche Intensivstation betrieben haben.

Inwiefern ist es denn an Ihre Belastungsgrenze gegangen?

Prof. Linstedt: Die Belastungsgrenze der Krankenversorgung würde ich jetzt mal so definieren: Konnten wir alle Patienten behandeln und zwar auf dem heutigen Stand der Medizin? Und ja, das konnten wir zu jeder Zeit. Deshalb würde ich sagen, wir haben diese Belastungsgrenze nicht erreicht oder überschritten, sondern wir haben das, allerdings mit einer außergewöhnlichen Belastung für die wirklich motivierten Mitarbeiter, bewältigen können. Aber es war knapp!

Sie sagten eine Behandlung ist zeitlich sehr aufwändig. Was ist dafür alles notwendig?

Dr. Kaspari: Es gibt wenig spezifische therapeutische Maßnahmen, die man gegen die Erkrankung ergreifen kann. Es geht darum, die Patienten engmaschig zu monitoren, um zu entscheiden, ob der Patient stabil ist, oder ob er gegebenenfalls auf die Intensivstation verlegt werden muss zur Überwachung oder auch zur weiterführenden Unterstützung der Atmung. Auf der Intensivstation werden die Vitalfunktionen der Patienten dann kontinuierlich überwacht. Es geht dabei primär meist um die Atmung, die unterstützt werden muss, sei es durch eine intensivierte Form der Sauerstoffgabe oder, wenn unvermeidbar, auch durch eine Beatmung.

Prof. Linstedt: Und beatmet zu sein heißt ja nicht, dass der Patient daliegt, schläft und an der Maschine „hängt“, sondern es ist extrem aufwändig. Lebensfunktionen, die der Körper sonst eigenständig regelt – vom Husten über die Steuerung der verschiedensten Organfunktionen bis zur Nahrungsaufnahme – müssen minutiös überwacht und ständig nachgeregelt werden.

Was sagen die Patienten, die es geschafft haben, sobald sie wieder ansprechbar sind?

Dr. Kaspari: Die Patienten haben zumeist kein Erinnerungsvermögen an das, was passiert ist. Sie sind hinterher in der Regel dadurch, dass sie eine invasive Unterstützung hatten, sehr eingeschränkt in ihrer Gesamtsituation. Sie leiden unter einem generalisierten Muskelschwund, häufig auch einem Ganzkörperschmerz und haben meist einen langen Weg vor sich, um wieder mobiler und eigenständig zu werden. Psychologische Folgen nach einem langen Intensivaufenthalt sind auch nicht selten.

Gibt es auch Patienten, die langfristige Schäden haben?

Prof. Linstedt: Viele Menschen, die eine Covid-19 überstanden haben, sind immer noch nicht vollständig wieder hergestellt, und das scheint für diese Erkrankung typisch zu sein. Die alte Leistungsfähigkeit ist auch bei jungen Menschen in ganz vielen Fällen für eine lange, derzeit noch nicht absehbare Zeit nicht gegeben. Die Nachbehandlung von Covid-19-Patienten ist ein neuer Zweig in der Medizin, dem man sich jetzt intensiv widmet.

Ärgern Sie sich über Leute, die das Ganze überhaupt nicht ernst nehmen und auf Corona-Demos demonstrieren?

Prof. Linstedt: Ärgern ist ein bisschen milde ausgedrückt. Wenn ich an einen lokalen Pseudoexperten denke, der mit der hohen Reputation eines ehemaligen Bundestagsabgeordneten und Arztes verbreitet, Infektiosität, Krankheitsverlauf und Sterblichkeit seien nicht schlimmer als bei einer Grippe und Coronaviren gäbe es sowieso schon immer. Die Heftigkeit der Krankheitsverläufe, die hohe Sterblichkeit, die Langwierigkeit der Behandlung und die deutlichen Beeinträchtigungen im Gefolge der Erkrankung, die wir hier in unseren Krankenhäusern mit eigenen Augen sehen, sprechen eine andere Sprache. Eine solche Häufung von derartig schweren Krankheitsverläufen habe ich in den 30 Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit noch nicht gesehen.

Wir sind ja zum Glück davon entfernt gewesen - aber haben Sie sich Gedanken gemacht, in einer Triage entscheiden zu müssen?

Dr. Kaspari. Klar haben wir uns Gedanken gemacht uns soweit vorbereitet, wie man sich darauf vorbereiten kann. Es gibt Leitfäden dazu, wie eine Triage stattfindet. Die Vorbereitung ist primär fachlich, aber wenn es soweit gekommen wäre, hätte man das auch mit psychologischer Begleitung durchführen müssen.

Prof. Linstedt: Wenn alle Intensivbetten belegt sind, und es kommen weitere Schwerkranke, kann man in dieser Zwangslage verschieden verfahren. Entweder man bestimmt, der Patient, der schon da ist, bleibt. Oder aber man bewertet die Situation und entscheidet nach den Erfolgsaussichten, wer das Bett bekommt. Man kann statistisch, aber eben nicht individuell, häufig voraussagen, wenn eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein Patient versterben wird. Unser Vorgehen ist, und das haben wir gemeinsam festgelegt, dass wir Patienten, die bereits auf einem Intensivbett liegen, weiterbehandeln, und wir die Versorgung der neuen Patienten anderweitig gewährleisten müssen, dann mit den besten noch zur Verfügung stehenden Mitteln.

Dr. Kaspari: Wir sind sehr froh, dass wir zu keinem Zeitpunkt triagieren mussten. Wir waren davon weit entfernt. Auch wenn wir wenig freie Betten hatten, gab es ja die Möglichkeit, zu schauen, was andere Kliniken tun können, sodass wir niemals vor der Entscheidung standen, einem Patienten Behandlungen vorenthalten zu müssen.

Was muss oder wird sich am Gesundheitssystem ändern?

Dr. Kaspari: Ich persönlich hoffe ja, dass man sich zumindest beim Thema Schutzausrüstung so aufstellen wird, dass eine Produktion in Europa stattfindet und man jederzeit solche Pandemien bewältigen und die Mitarbeiter schützen kann. Dass wir nicht wieder dastehen und uns fragen, ob wir morgen genug Vorräte haben. Ansonsten wünschen wir uns natürlich, dass das Gesundheitssystem vor allem personell besser ausgestattet wird. Aber wahrscheinlich bleibt das ein frommer Wunsch. Denn an der Finanzierungssituation ändert sich ja nichts. Die Haushalte sind ja eher schlechter geworden durch Corona.

Prof. Linstedt: Man muss erstmal sehen, wie die verschiedenen Krankenhäuser aus der Coronaphase herauskommen. In Flensburg haben wir Ausgleichszahlungen bekommen, die die finanziellen Folgen für unsere beiden Krankenhäuser abgemildert haben. Andere Krankenhäuser, die ebenfalls den Betrieb herunterfahren mussten und wegen besserer Inzidenzen im Kreis keine Zahlungen vom Bund erhalten haben, bekommen finanziell ein richtiges Problem. Weiterhin: Schlaglichtartig hat sich in dieser Pandemie gezeigt, dass das wesentliche Manko der Mangel an Mitarbeitern war. Beatmungsplätze hätten wir ein Mehrfaches bereitstellen können, es fehlt aber an Intensivpflegekräften. Das ist nun wahrlich keine neue Nachricht, zeigt aber, wo eines der großen Probleme in der Praxis liegt.

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