Geschichte

Besuch im KZ Ladelund: Was vom Grauen übrig blieb

Merle Bornemann, SHZ
Ladelund
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Ein Teil des Panerabwehrgrabens, den die Häftlinge 1944 aushoben, ist noch erhalten. Foto: Merle Bornemann, SHZ

Nur wenige wissen, dass auch in Schleswig-Holstein Konzentrations-Außenlager und zahlreiche Lager für Zwangsarbeiter existierten. Wie eine Schulklasse den Exkurs in die Vergangenheit erlebt.

Barfuß und mit dünnen Lumpen am Körper hievten die Häftlinge Schaufel um Schaufel Erde aus dem Graben. Die Körper bibbernd im novemberkalten Grundwasser. Nass gingen sie abends schlafen, um am nächsten Morgen mit gefrorenen Hosen wieder aufzuwachen. Wenn sie denn überhaupt aufwachten.

Als der Gedenkstättenleiter Raimo Alsen die Bedingungen im Konzentrationslager Ladelund schildert, kann man das Entsetzen in den Gesichtern vieler Schüler, die heute mit ihren Lehrern in die Gedenkstätte gekommen sind, deutlich sehen. Sie gehen in die 9. Klasse der Gemeinschaftsschule Schafflund, sind 15, 16 Jahre alt und gehören einer Generation an, in der kaum noch Familienangehörige aus dem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte erzählen können – weil selbst die Großeltern erst nach dem Krieg geboren wurden oder noch zu klein waren, um sich an die Erlebnisse zu erinnern. Und der Pädagoge weiß: „Gedenkstätten sind verunsichernde Orte.“

Im Geschichtsunterricht haben die Schüler das Thema Nationalsozialismus behandelt, Pflichtstoff in Klasse 9. Ihr Lehrer Martin Hansen setzt dabei auch auf Filme. „Die Schüler reagieren immer heftig, haben nicht selten Tränen in den Augen“, erzählt er. „Aber so ein Besuch hier ist noch viel wichtiger. Sie müssen das vor Ort sehen und erleben.“

Mit Bildern und persönlichen Geschichten versucht Raimo Alsen, den Schülern die Ereignisse im Ladelunder Lager zu verdeutlichen. Foto: Merle Bornemann, SHZ

Namen und Nummern

Als die Jugendlichen an den Massengräbern der 300 Männer, die hier zu Tode gequält wurden, stehen, liest Raimo Alsen einige Namen aus den Grabbüchern vor. Und erklärt, dass ihre Namen im Lager keine Rolle spielten. Sie wurden durch Nummern ersetzt.
„Was würde es mit dir machen, wenn ich nur noch 5718 zu dir sagen würde?“, fragt er eine Schülerin. „Ich hätte lieber einen Namen, der gehört ja zur Persönlichkeit“, antwortet sie prompt.
Dann liest Alsen einen Brief vor, den der Ladelunder Pastor Johannes Meyer nach Kriegsende an die Hinterbliebenen schickte und ihnen vom christlichen Begräbnis in dem kleinen Dorf an der dänischen Grenze berichtete.
„Was macht man, wenn man so einen Brief bekommt? Wer hätte geantwortet?“, fragt er in die Runde. Ein paar Hände zeigen auf. „Warum könnte das hilfreich sein, so einen Brief zu bekommen?“ Gewissheit darüber zu haben, was mit dem geliebten Mann oder Sohn geschehen ist, dass er christlich und mit Gottes Segen begraben wurde, einen Trauerort zu haben – all das kitzelt er mühsam aus den Schülern raus. Tod, Trauer und Gräueltaten des NS-Regimes sind für 16-Jährige einfach wahnsinnig weit entfernt.

Deshalb bringt der Pädagoge drei Personen ins Spiel, die er mit großformatigen Bildern vorstellt: den bereits erwähnten Pastor Johannes Meyer, den überlebenden Häftling Jannes Priem (2013 verstorben) und den sadistischen Lagerkommandanten Hans Griem. Alle drei spielen auch in der Ausstellung eine Rolle, sie stehen exemplarisch für die grausame Episode in diesem eisig kalten nordfriesischen Spätherbst 1944.

Raimo Alsen erzählt auch von den Kapos – Häftlingen, die zu Mitarbeitern der Lagerleitung wurden und zur Aufgabe hatten, andere Häftlinge zu schlagen, die zu langsam arbeiteten. „Die Kapos wussten: Wenn sie nicht genug prügeln, verlieren sie ihren Status wieder“, erklärt der Pädagoge das perfide System.

Eine Infografik zeigt das Lagersystem in Schleswig-Holstein. Foto: M. Tessmer, GWF-Ausstellungen Hamburg

Als die Schüler sich schließlich in der Ausstellung umsehen, bildet sich nach und nach eine immer größere Menschentraube an einer Info-Tafel mit dem Titel „Das Lagersystem“. Zuerst steht dort ein Junge, vertieft in die Schleswig-Holstein-Karte, die übersät ist mit kleinen gelben Punkten. Jeder einzelne steht für ein Zwangsarbeitslager.

Davon gab es Hunderte im Land. Schüler kommen hinzu, bleiben ebenso hängen. Das Erstaunen, gemischt mit Entsetzen, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Finger wandern über die Karte. „Guck mal, da wohne ich. Da war auch sowas“, sagt ein Mädchen und zeigt auf den Ort Stadum.

Das ist genau die Reaktion, die sich Raimo Alsen bei der Konzeption der Schau gewünscht hat. Ein Moment der Erkenntnis, ein Gedankenanstoß, weil die Schüler merken, dass Geschichte auch bei ihnen vor der Haustür spielt.

Er gesellt sich zu der Schülergruppe und erklärt: „Das waren natürlich nicht alles so große Lager wie hier.“ „Na das reicht ja schon“, sagt der Junge, der als Erster gefesselt vor der Karte stand, und geht mit einem Kopfschütteln weiter. „Einfach krass“, platzt es aus seiner Mitschülerin heraus.

Wie wird mit der Geschichte umgegangen?

„Mit 15, 16 Jahren sind Schüler in der Lage, das Thema von der psychologischen Entwicklung her zu durchdringen“, sagt Raimo Alsen. Zum Schluss, im Stuhlkreis, wirft er ein Foto in die Mitte. Ein großer Gedenkstein mit der Aufschrift „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Dieser Stein liegt dort, wo das eigentliche Lager einst stand – rund einen Kilometer von der Ausstellung und den Gräbern entfernt. Rundherum stehen ein paar alte Bäume und eine Informationstafel, ansonsten wächst Getreide, so weit das Auge reicht. Denn die letzte Baracke wurde 1970 abgerissen. „Nicht uninteressant, dass da nichts mehr zu sehen ist, oder?“, fragt er in die Runde. „Das zeigt, wie man hier mit Geschichte umgegangen ist.“

Würde, Ethik, Erinnerungskultur – all das spielt bei einem Rundgang durch die Gedenkstätte eine große Rolle. Doch Alsen weiß, dass Heranwachsende mit diesen Begriffen oft noch wenig anfangen können. Jedoch hofft er, dass sie eines aus ihrem Besuch in Ladelund mitnehmen: „Dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist und man immer dafür kämpfen muss.“

Hintergrund: KZ Ladelund

Skizze des Au0enlagers Ladelund. Foto: Wikimedia Commons
Vom 1. November bis 16. Dezember 1944 befand sich in Ladelund ein Außenlager des KZ in Hamburg-Neuengamme – eines von insgesamt 87. Die Häftlinge waren hauptsächlich politische Gefangene und Widerstandskämpfer aus dem niederländischen Dorf Putten. Sie mussten Panzerabwehrgräben ausheben, um den befürchteten Einfall alliierter Truppen über die dänische Grenze zu stoppen – die jedoch nie kamen. Ausgelegt für 200 Personen, waren die Baracken mit 2000 Häftlingen vollkommen überbelegt und die Zustände entsprechend miserabel. 300 Männer kamen ums Leben und wurden auf dem Friedhof neben der Kirche begraben. Noch heute kommen Angehörige zu den Gräbern, um der Opfer zu gedenken.
Geleitet wurde das KZ von SS-Untersturmführer Hans Hermann Griem. Nach Augenzeugenberichten soll er Lebensmittel unterschlagen haben, hatte Freude an sadistischen Quälereien, erschoss selbst mehrere Häftlinge und war häufig angetrunken. Nach der Auflösung der Lager war er bis März 1945 Kommandant im Emslandlager Dalum. Für seine Taten wurde Griem nie verurteilt.
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