Diese Woche in Kopenhagen

„Wie schön, dass unbekannte Köpfe auf den Wahlplakaten zu sehen sind“

Wie schön, dass unbekannte Köpfe auf den Wahlplakaten zu sehen sind

Wie schön, dass unbekannte Köpfe auf den Wahlplakaten sind

Kopenhagen
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Spitzenkandidatinnen und -kandidaten für die Europawahl bekommen Schützenhilfe von ihren Parteivorsitzenden, weil die meisten von ihnen in der breiten Öffentlichkeit unbekannt sind. Doch das muss kein Nachteil sein, meint Walter Turnowsky.

Am Sonnabend kletterten Parteimitglieder in die Laternenpfähle, um Plakate aufzuhängen. Der Wahlkampf zur Europawahl am 9. Juni ist in seine heiße Phase gegangen. 

Wobei: So richtig heiß fühlt es sich eigentlich noch nicht an – selbst die Außentemperaturen sind im Vergleich zum Wochenende wieder etwas niedriger. Die Kandidatinnen und Kandidaten tun zwar ihr Bestes, aber so richtig Stimmung scheint nicht in die EU-Bude zu kommen.

Bei den Wahlplakaten ist übrigens dieses Mal ein interessantes Phänomen zu beobachten. Auf etlichen von ihnen befindet sich neben der Kandidatin oder dem Kandidaten noch eine zweite Person, die gar nicht kandidiert.

Schützenhilfe

Und vielleicht kommt dir diese Person sogar bekannter vor, als die, bei der du dein Kreuzchen machen kannst. Es handelt sich nämlich dabei um die Parteichefin oder den Parteichef, die oder der dir anvertrauen, wem sie ihre Stimme geben wollen. Und siehe da: Es ist die Spitzenkandidatin oder der Spitzenkandidat ihrer Partei. 

Die heißen zum Beispiel Kira Marie Peter-Hansen, Kristoffer Storm, Per Clausen, Niels Flemming Hansen und Christel Schaldemose. Sollten die dir nicht auf Anhieb geläufig sein, brauchst du dich dafür in keinster Weise zu schämen. Den meisten anderen geht es genauso – zumindest war das im Februar so.

Nur eine bekannte Kandidatin und ein bekannter Kandidat

Laut einer Epinion-Umfrage für „DR“ und „Altinget“ kannte eine Mehrheit nur neun der elf Spitzenkandidatinnen und -kandidaten nicht. Nur der ehemalige Fernsehmoderator Morten Løkkegaard von Venstre und die profilierte Meinungsbildderin Stine Bosse von den Moderaten sind mehrheitlich bekannt. Nur jeweils 30 und 37 Prozent gaben an, sie nicht zu kennen.

Besagter Løkkegaard war bei den Wahlen vor fünf Jahren auch Spitzenreiter im dänischen Kandidatenfeld, und daher plakatiert Venstre ihn auch eifrig. Auch Bosse ist im Großformat auf Stadtbussen zu sehen – übrigens gemeinsam mit einem gewissen Bergur Løkke Rasmussen. 

Letzterer muss, was Bekanntheit anbelangt, auf den gemeinsamen Nachnamen mit seinem Vater setzen. Den finden wir übrigens auch auf Plakaten, und zwar ganz allein – obwohl der Parteichef und -gründer gar nicht antritt. Die Moderaten müssen nämlich trotz einer bekannten Spitzenkandidatin um ein Mandat bangen.  

Die Promis fehlen

Nicht alle der weniger bekannten Spitzenkandidaten erhalten Schützenhilfe ihrer Parteichefinnen und -chefs. So muss die langjährige sozialdemokratische EU-Abgeordnete Christel Schaldemose ohne die Empfehlung ihrer Chefin Mette Frederiksen auskommen. Dafür sind deren Vorgängerin Helle Thorning-Schmidt und Vorvorgänger Poul Nyrup Rasmussen auf den Plakaten eingesprungen.

Bei früheren Europawahlen haben bekannte Kandidaten wie der ehemalige Staatsminister Poul Nyrup Rasmussen (Soz.) und der jetzige Chef der Dänischen Volkspartei, Morten Messerschmidt, ordentlich abgeräumt. Doch vielleicht sollen wir gar nicht so traurig sein, dass dieses Mal die Politprominenz im Kandidatenfeld fehlt. 

Inhalt statt Personen?

Es könnte ja sein, dass wir im Rest des Wahlkampfes ein wenig über die politischen Ziele der Parteien und ihrer Kandidatinnen und Kandidaten erfahren dürfen – statt über die Vorzüge beziehungsweise Schwächen einzelner Personen zu diskutieren. Hoffen darf man ja. 

Und vielleicht wird der Wahlkampf ja auch noch – wenn schon nicht heiß – dann wenigstens etwas wärmer. In Dänemark konzentriert er sich traditionsgemäß auf wenige Wochen. 

Ach ja, die Parteizugehörigkeit der oben erwähnten Kandidatinnen und Kandidaten wollte ich noch erwähnen. Sie vertreten in genannter Reihenfolge die Sozialistische Volkspartei, die Dänemarkdemokraten, die Einheitsliste, die Konservativen und die Sozialdemokratie. 

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Leitartikel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
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