Mehr Leistungsdruck

Immer mehr junge Menschen wenden sich an die Telefonseelsorge

Jan Peters
Jan Peters Hauptredaktion
Kopenhagen
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In der Schule solle ein Umfeld geschaffen werden, in dem über Probleme gesprochen werden kann. Foto: Claus Fisker / Ritzau-Scanpix

Die Zahl der Anrufe bei der Telefonseelsorge für Kinder und Jugendliche ist in den vergangen fünf Jahren markant gestiegen. Fachleute geben dem schulischen Leistungsdruck und den sozialen Medien die Schuld dafür.

Die Zahl der Anrufe bei der telefonischen Seelsorge für Kinder und Jugendliche (Børnetelefonen) ist seit 2012 markant gestiegen. Im vergangenen Jahr gab es über 12.000 Gespräche bei der Beratungsstelle. Fünf Jahre zuvor waren es weniger als die Hälfte. Das geht aus Zahlen eines Berichtes hervor, den die Kinder- und Jugendorganisation Børns Vilkår in Zusammenarbeit mit den gemeinnützigen TrygFonden erstellt hat.

Personal hat nicht genügend Zeit

Børns Vilkår nennt vor allem den Leistungsdruck in der Schule sowie die Nutzung der sozialen Medien als Grund für die Entwicklung. „Diesen jungen Menschen geht es nicht gut. Sie haben es schwer, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind, haben es aber auch schwer mit anderen“, sagt Rasmus Kjeldahl, Direktor von Børns Vilkår.

Für ihn gilt, dass Kinder einen guten Kontakt zu Erwachsenen haben, um sich gesund zu entwickeln. „Viele Kinder verbringen jedoch Tag für Tag viel Zeit in den Institutionen. Darum sind wir enorm abhängig davon, dass sie ihre Einbindung, der Kontakt zu Erwachsenen und das soziale Leben in den Institutionen gut funktioniert“, meint er und kritisiert anschließend, dass „das Personal in vielen Institutionen nur wenige Minuten am Tag für das einzelne Kind zur Verfügung hat“. Auch die Eltern sollten sich Zeit für ihre Kinder nehmen und sich nicht von ihrem Handy ablenken lassen, rät er weiter.

Junge Menschen sind nicht auf das Leben vorbereitet

Per Schultz Jørgensen, früherer Professor für Sozialpsychologie, Kinder- und Jugendforscher sowie früherer Vorsitzender des Børnerådet meint ebenfalls, dass die jungen Menschen in der heutigen Zeit unter immer höherem Leistungsdruck stünden. „Die Gesellschaft wird immer individueller. Es ist dem Einzelnen überlassen, das Leben zu meistern und seinen Weg zu finden. Viele sind darauf nicht vorbereitet“, sagt er.

Per Schultz Jørgensen meint allerdings weiter, dass es generell eine deutlich größere Offenheit für psychische Probleme gebe, weshalb sich die Kinder und Jugendlichen vermehrt an die Notrufseelsorge Børnetelefonen wenden würden.

Mehr Fokus auf Schulgemeinschaft

Bei der landesweit arbeitenden Organisation Skole og Forældre wird der steigende Perfektionsgedanke als Grund für die mehr werdenden Probleme bei den jungen Menschen erkannt. „Viele Kinder fühlen sich unter Druck gesetzt, wenn sie – vor allem in der Schule – ständig leistungsbereit sein müssen“, erklärt der Vorsitzende Rasmus Edelberg.

Er rät, dass Lehrer und Eltern noch mehr über die Entwicklung der Kinder sprechen müssten und in der Schule der Fokus darauf liegen sollte, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der die Probleme besprochen werden könnten.

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Leitartikel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
„Schöne Zahlen“