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Heimunterricht: Vater Thiemo Koch sieht Probleme für Integration

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Thiemo Koch
Für Thiemo Koch ist der Schulbesuch ein wesentlicher Bestandteil für eine erfolgreiche Integration in die dänische Mehrheitsgesellschaft.

Thiemo Koch unterrichtete seinen Sohn in Deutschland zeitweise selbst. Die Debatte um das Homeschooling verfolgt der Neu-Apenrader daher besonders intensiv. Nachdem „Der Nordschleswiger“ über Eltern berichtet hat, die für ihre Kinder vor allem Vorteile im Heimunterricht sehen, ist der gebürtige Lübecker eine der kritischen Stimmen. Er sieht vor allem Probleme bei der Integration in die Mehrheitsgesellschaft.

„Ich glaube, es ist immer wichtig, ein Teil der Mehrheitsgesellschaft mit seinen Besonderheiten zu sein, da seinen Platz zu finden und keine Angst davor zu haben“, sagt Thiemo Koch über die Debatte um das Homeschooling. Der gebürtige Lübecker mit dänischen Wurzeln lebt seit zwei Jahren in Apenrade, engagiert sich politisch und grenzüberschreitend für das deutsch-dänische Zusammenleben.

Wie viele der Eltern, die ihre Kinder zuhause unterrichten, hält er ebenfalls nicht viel von Mehrheitspädagogik, Anpasserei und harten Strukturen und habe in 35 Jahren durch seine Arbeit in Deutschland viele Biografien erlebt, wo das Schulsystem nicht funktioniert hat und andere Wege gefunden werden mussten.

Habe man ein Kind mit besonderen Bedürfnissen, sei es völlig legitim, es zeitweise zu Hause zu unterrichten. Er sagt ganz klar: „Eltern, die Homeschooling machen, wollen immer das Beste für ihre Kinder. Aber ich sehe eben auch die großen Gefahren.“

Eigene Erfahrungen

Dafür zieht Thiemo Koch im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ seine eigene und die Geschichte seines Sohnes heran. Er selbst lebt mit einer Lese-Rechtschreibschwäche und hatte rückblickend keine leichte Schulzeit und kein einfaches Elternhaus, wie er erzählt. Dennoch studierte er Sozialpädagogik, Innenarchitektur und bildete sich zusätzlich in Vermittlungswissenschaften fort. Heute betreibt er einen grenzüberschreitenden Handel mit Gebrauchtmöbeln. Seinen Sohn Linus, der mit Autismus lebt, unterrichtete Koch in Deutschland zeitweise zuhause.

Bis dahin war es jedoch ein langer Weg, schildert Koch. Heute ist Linus 22 Jahre alt, lebt in Hamburg und wird in der Firma seines Vaters im Bereich Einzelhandel ausgebildet. „Er kann sein alltägliches Leben bestreiten, ist aber hochsensibel und hat in Situationen mit vielen Menschen und hohem Druck Probleme“, sagt Koch.

Eine Diagnose bekam sein Sohn erst vor anderthalb Jahren. Noch vor der Schulzeit war er in zwei Kliniken, doch eine Diagnose für sein Verhalten wurde nicht gestellt. Vielmehr wurde damals ein Erziehungsproblem attestiert.

Sohn zuhause unterrichtet

Du gibst immer nur deine Sichtweise vor. Du bist ein Vorbild für deine Kinder. Genauso gibt es aber auch andere Vorbilder, andere Biografien, die deine Kinder beeinflussen können.

Thiemo Koch

In der Grundschulzeit profitierte Linus vom Lübecker Inklusionsmodell mit Schulbegleiterinnen und -begleitern, bis das Angebot aus finanziellen Gründen auslief. Danach kam sein Sohn in eine Integrationsklasse mit „20 Problemfällen“, schildert Koch die Zeit nach der Grundschule. Ab dem Zeitpunkt geriet das System für Linus ins Wanken, weil keine Förderung mehr stattfand.

„Das Hilfesystem in Deutschland hat versagt. Das Schulsystem konnte ihn nicht mehr fördern“, sagt Koch. Weil die Hilfsmöglichkeiten und die Unterstützung von heute auf morgen weggefallen seien, litt auch das schulische Zusammensein darunter. Linus verlor die Lust am Lernen und „Ende der Klasse 7 war das Thema Schule erledigt“. Weil es jedoch die Schulpflicht gibt, musste diese erfüllt werden. „Mein Sohn saß zweimal die Woche für 90 Minuten in einem leeren Klassenraum zur Schulpflichterfüllung“, so Koch.

Da er selbst Pädagoge ist, musste etwas passieren. Die Behörden entschieden, Linus sei nicht mehr beschulbar und das Problem im Elternhaus zu finden. Koch, mit dem Image des Lebenskünstlers und Flohmarkthändlers, wurde vorgeworfen, er könne nicht erziehen. „Ich musste mich stark machen. Linus stand kurz vor der Kindesentnahme“, sagt Koch rückblickend. Er entwickelte ein Konzept mit Hilfe von außen, stand in ständigem Kontakt mit dem Kultusministerium und machte sich seine Zugehörigkeit zur dänischen Minderheit sowie die schulischen Regelungen zunutze, die auch für Schaustellerfamilien gelten.

Brücken in die Gesellschaft bauen

„Mein Ziel war, Linus wieder die Lust am Lernen zu vermitteln.“ Sein Sohn sollte Teil der Mehrheitsgesellschaft sein, und dafür wollte Thiemo ihm die Brücken bauen, um wieder ins System zu kommen. „Ich wollte ihn standfest fürs Leben machen“, sagt der Wahl-Apenrader.

Über seinen Betrieb ging Linus später zunächst ins Praktikum, wurde stückweise ausgebildet und angestellt. Obwohl er den Stoff beherrschte, konnte sein Sohn wegen der hohen Sensibilität den Ersten Allgemeinbildenden Schulabschluss (Abschluss nach der 9. Klasse) in Hamburg nicht abschließen.

Zwar gab es vor der Schulzeit bereits Überlegungen, nach Dänemark zu gehen. Das sei jedoch mit der damaligen Partnerin nicht möglich gewesen, so Koch. „Dänemark ist eben nicht für alle das Traumland.“ Später sei es dann aus diversen Gründen zu spät gewesen.

Selbstreflexion entscheidend für Erfolg

Thiemo Koch
Thiemo Koch hat in Apenrade einen Zuzügler-Stammtisch ins Leben gerufen.

„Heute mache ich ihm Angebote, und er entscheidet selbst, ob es zu ihm passt“, sagt Koch, der seine Rolle als Vater und Pädagoge als „fürchterliche Konstellation“ beschreibt. Weil man auch gefühlsmäßig involviert sei, sei Selbstreflexion eine der wichtigsten Fähigkeiten im Homeschooling. Wer das nicht habe, der schränke seine Sichtweise ein. Das führe am Ende zu mangelnder Kritikfähigkeit.

Er selbst sagt, er habe seinen Sohn nur unvollständig unterrichten können. „Ich kann und weiß ja nicht alles. Ich bin kein Übermensch. Trotz vieler Beziehungen und Kontakte ist es dennoch unvollständig. Du kannst nicht leisten, was Schule und das Drumherum leisten können“, ist Koch überzeugt. „Trotz der Unterstützung, die wir hatten, konnten wir es nicht schaffen, die Qualität zu bieten, die Schulsystem und Gesellschaft leisten können.“

Deutsche, die nach Dänemark auswandern und ihre Kinder zu Hause unterrichten, sieht der Wahl-Apenrader daher kritisch. „Ich bezweifele nicht die guten Absichten, aber ich habe gelernt, dass du eine Zeit lang außerhalb des Systems sein und auch mal durchfallen kannst. Aber, und das ist auch der Ansatz als Minderheit, wir wollen ja Brücken bauen, wir wollen ein Teil der Mehrheitsgesellschaft sein. Da bietet Dänemark enorm viel.“

Spielregeln in Dänemark

Viele Zugewanderte kämen nicht, weil sie Dänemark so toll finden, sondern weil Homeschooling möglich ist. „Wenn ich hier nach Dänemark einwandere, dann wandere ich – egal ob ich Türke, Syrer, Italiener, Grieche oder Deutscher bin – in ein anderes Wertesystem ein und da gibt es Spielregeln.“ Doch die Mehrheit der Homeschooler-Familien denke, sie könnte hier alles tun, sagt Koch.

Aus der Kommune Sonderburg wisse er von wohlhabenden Familien, die zwar ihren Erstwohnsitz in Nordschleswig hätten, aber den Lebensmittelpunkt weiterhin in Deutschland. Sie seien hier gemeldet, nur um dieses Recht auszunutzen.

„Die dänische Gesellschaft ist aber eine Wir-Gesellschaft, eine Gemeinschaft“, so Koch. Er kenne Familien, die aus Deutschland heraus den Entschluss gefasst haben, das deutsche Schulsystem hinter sich zu lassen, weil es eben hart oder nicht gut war. Die Leute gingen dann nach Dänemark, nicht weil es Dänemark ist und die dänische Gesellschaft, sondern weil es hier die Homeschooling-Möglichkeit gibt und man so gut wie nicht kontrolliert werde.

Homeschooling ein Problem

Wenn ich hier nach Dänemark einwandere, dann wandere ich – egal ob ich Türke, Syrer, Italiener, Grieche oder Deutscher bin – in ein anderes Wertesystem ein und da gibt es Spielregeln.

Thiemo Koch

Das liege unter anderem an den fehlenden Ressourcen. „Hier brennt es ja bei den Kommunen. Wir haben in den Grenzlandkommunen eine starke Kritik, dass Homeschooling eigentlich unerwünscht ist.“ Er kenne niemanden, auch nicht in der Politik oder bei den Kommunen, der das nicht abstellen will, sagt er auch mit Verweis auf den Brandbrief, den die vier Kommunen Nordschleswigs vor wenigen Wochen an die Regierung in Kopenhagen verfasst haben.

Das Bildungsangebot Homeschooling richte sich seiner Ansicht nach in erster Linie an dänische Familien. „Aber doch nicht an Ausländer“, sagt Koch.

„Hier werden Gesetze anders gemacht. Solange es niemanden stört, ist es erlaubt. Aber wenn es einen stört, dann kommt die Keule.“ Thiemo Koch rechnet damit, dass die Politik in Kopenhagen irgendwann einen Passus ergänzen könnte, der den Heimunterricht für Zugewanderte einschränkt und vielleicht erst nach ein paar Jahren der Integration erlaubt.

Einzelne Bausteine sind zu wenig

Der Besuch von Vereinen, Treffen mit anderen Homeschoolern oder die dänische Nachbarin, die den Nachwuchs unterrichtet: „Das ist mir zu wenig Integration“, sagt Koch. „Das Schulsystem, sei es in Deutschland oder Dänemark, ist doch viel komplexer.“ In Dänemark fingen viele Freundschaften im Grundschulalter an. „Schule, und alles, was damit zusammenhängt, angenehme und nicht angenehme soziale Kontakte, das macht doch das Leben erst aus und nicht diese zwei, drei Punkte, die sich die Eltern für das Kind überlegen.“ Es sei zwar toll, ein-zweimal die Woche am Vereinsleben teilzunehmen – bei der Feuerwehr oder beim Sport –, aber Gesellschaft ist doch viel mehr. Die angenehmen und positiven Bausteine herauszunehmen, sei zwar schön, aber in einer Gesellschaft gehöre auch Reibung dazu.

Schule sei überdies wichtig für das Verständnis von Gemeinschaft und Demokratie. „Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass ich mich hier in die Wir-Gesellschaft integriere. Sonst brauche ich hier in Dänemark gar nicht aufzutreten“, sagt Koch.

Deutsche Parallelgesellschaft

Der gebürtige Lübecker fürchtet, dass sich hier eine Parallelgesellschaft entwickelt. „Deutsche meinen, sie sind die etwas besseren Ausländer und müssten sich nicht besonders mit Integration auseinandersetzen.“ Mit dem Hauskauf und dem Steuernzahlen sei es aber nicht erledigt. „Deutsche haben eine Integrationsleistung zu erbringen“, so Koch. Dazu gehöre auch der Schulbesuch. Das Problem sei, dass einige wenige, die negativ auffallen, ein schlechtes Licht auf alle anderen werfen würden.

Da die Kinder auch irgendwann erwachsen werden, zweifele er daran, dass sie im Heimunterricht wirklich die Förderung bekommen, die das System leisten kann, um in einer hochkomplexen Gesellschaft zu bestehen. „Es tut keinem weh, wenn Kinder zu Hause beschult werden, aber was sind die Auswirkungen auf die Kinder hinterher?“, fragt Koch und nennt etwa Wissensverluste oder einen fehlenden Schulabschluss. Das nehme Kindern enorme Chancen. „Es ist immer ein Rausnehmen der Kinder aus der Mehrheitsgesellschaft.“

Schule, und alles was damit zusammenhängt, angenehme und nicht angenehme soziale Kontakte, das macht doch das Leben erst aus und nicht diese zwei, drei Punkte, die sich die Eltern für das Kind überlegen.

Thiemo Koch

Das Problem für Koch: „Du gibst immer nur deine Sichtweise vor. Du bist ein Vorbild für deine Kinder. Genauso gibt es aber auch andere Vorbilder, andere Biografien, die deine Kinder beeinflussen könnten.“

Appell für die Schule

In Ausnahmefällen könne er den Heimunterricht verstehen, doch oftmals fehle es an Vorabsprachen mit der Kommune, die auch Wege aufzeigen könne, was es in Dänemark an Hilfesystemen überhaupt gibt. Das Homeschooling sei auch ein schwammiger Begriff, und die jährliche Kontrolle beziehe sich ausschließlich auf die Wissensentwicklung. Auch die persönliche Entwicklung, das soziale und familiäre Umfeld spielten aber eine Rolle.

Daher wollte er seinem Sohn immer Brücken bauen, wo es möglich ist, um einen Platz in der Mehrheitsgesellschaft zu finden. „Ich nehm’ mein Kind nicht raus und pack es nicht in Watte. Ich will, dass er lebensfähig wird und auf eigenen Beinen steht, damit er seinen eigenen Weg gehen kann. Mit seiner Charakteristik als Autist. Das ist ja nichts Schlimmes.“

Wenn ihr die Chance habt, geht rein in die Institutionen der dänischen Gesellschaft.

Thiemo Koch

Daher appelliert Koch: „Wenn ihr die Chance habt, geht rein in die Institutionen der dänischen Gesellschaft. Da wird euch auch geholfen.“

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