Autonomie, Aufklärung und alte Meister: Rückblicke auf Nordschleswig im Dezember
Jürgen OstwaldJürgenOstwaldJürgen OstwaldFreier Mitarbeiter
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Die „Sonderburger Zeitung“, in der wir immer blättern, gab es schon seit 1873. Sie wird es bis zum Januar 1929 geben. Dann wird sie sich mit den anderen deutschsprachigen Zeitungen in Nordschleswig zur „Nordschleswigschen Zeitung“ zusammenschließen.Foto: Sonderburger Zeitung
Die Schlagzeilen dieses Dezembers unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.
Montag, 7. Dezember 1925
Ein Gruß aus Estland
Auf den vom Volkstingsabgeordneten Pastor Schmidt im Auftrage der Deutschen Verbände Nordschleswigs nach Estland übermittelten Gruß zur Errichtung der kulturellen Autonomie ist folgendes Antwortschreiben der deutschen Kulturverwaltung in Estland eingegangen:
Reval, den 23. November 1925 An die deutsche Volksgruppe in Dänemark z. Hdn. Herrn Pastor Schmidt-Wodder.
Sehr geehrter Herr Pastor!
Die deutsche Kulturverwaltung sagt Ihnen für ihre herzlichen Begrüßungsworte zur Eröffnungssitzung des deutschen Kulturrates ihren wärmsten Dank. Nach schweren Kämpfen am Ziele stehend wünschen wir unseren Brüdern in Nordschleswig Kraft im Ringen für ihr Volkstum. Möge es auch Ihnen bald gelingen durch eine kulturelle Selbstverwaltung Ihr reiches Schulwesen eigene Hand zu nehmen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Präsident Koch.
Für den Sekretär: Beermann.
Das „Gesetz über die Kulturautonomie der Minderheiten“ in der Republik Estland gestand der deutschen Volksgruppe als öffentlich-rechtlichen Personenverband eine besondere Selbstständigkeit im Staatsgefüge zu. Das hatte besonders für die Schulautonomie große Folgen. Die Idee der Kulturautonomie wurde besonders auf dem Minderheitenkongress in Genf (vgl. vorige Chronik) thematisiert. Schmidt-Wodder, Teilnehmer der Tagung, wünschte sich dieses Modell auch für Nordschleswig. Im Folketing stellte er das Modell ohne jeden Erfolg vor. Die Esten setzten sich allerdings auch im Völkerbund für die Übernahme dieser Einrichtung in anderen Staaten ein. Die Idee der Kulturautonomie von Minderheiten fand dort zwar Anerkennung, aber kein ostmitteleuropäischer Staat wandte das estnische Modell für das eigene Staatsgebiet an.
Donnerstag, 10. Dezember 1925
Vom Auslandsdeutschtum in Südtirol
Das Wüten der italienischen Staatsbehörden gegen die deutsche Sprache in Südtirol wird durch folgende Drahtung aus Bozen, 7. Dezember, beleuchtet: Die italienische Behörde hält gegenwärtig wildeste Jagd auf jeden deutschen Unterricht ab, der in Privathäusern an Kinder erteilt wird. Die Volksschullehrer sind durch Rundschreiben der Schulbehörde verpflichtet worden, unter Androhung der Entlassung ihre Schulkinder nach einem etwa am Orte erteilten deutschen Hausunterricht auszukundschaften. Liegt auch nur der Verdacht eines solchen Unterrichts vor, so werden Haussuchungen vorgenommen. Dabei werden sämtliche im Hause vorgefundenen deutschen Bücher beschlagnahmt. Die Personen, die deutschen Lese- und Schreibunterricht an Kinder erteilen, werden, falls sie nicht ortsangehörig sind, ausgewiesen o0der eingekerkert, die Ortsangehörigen mit Geldstrafen belegt. In denn letzten Tagen sind zwei Damen und ein Herr, letzterer ein abgebauter Lehrer und Familienvater, ausgewiesen worden. Kraft eines Abschubbefehls wurden sie in ihre Zuständigkeitsgemeinde gebracht, ohne deren Erlaubnis sie den Ort nicht mehr verlasssen dürfen. Ein ohne Pension enthobener Lehrer, der an deutsche Kinder privaten Deutschunterricht erteilt hatte und deshalb in seine Heimatgemeinde abgeschoben worden war, wurde, als er – wie im Abschubbefehl vorgeschrieben – sich bei den dortigen Carabinieri meldete, von diesen verhaftet und ins Gefängnis eingeliefert, wo er nun schon acht Tage in elendstem Zustande schmachtet. Auch sonst gab es in den vergangenen Tagen zahlreiche Verhaftungen und Misshandlungen von Deutschen. Der Bezirksschulinspektor Pini in Brixen erteilte den Befehl, die reichhaltige deutsche Lehrerbibliothek zu verbrennen.
Montag, 14. Dezember 1925
Lessing in Tingleff
Ein deutscher Theaterabend des „Flensburger Stadttheaters“ in Andreas Hansens Gasthof war nach jeder Richtung hin ein voller Erfolg. Etwa 500 Personen aus Tingleff und aus weiterer Umgegend, die sich vorher in den in einzelnen Bezirken herumgetragenen Listen eingezeichnet hatten, füllten den Saal. Gespielt wurde „Minna von Barnhelm“. Es war eine ganz vorzügliche Aufführung.
Die Aufführungen des Lustspiels „Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück“ lassen sich nicht mehr zählen. Das Stück ist wohl das meistgespielte Drama der deutschen Literatur überhaupt. Kein Jahr vergeht, wo nicht irgendwo eine Inszenierung über die Bretter geht. Auch in Nordschleswig gab es zahlreiche Aufführungen, nicht nur 1925 (siehe Abb.), auch bereits im 19. Jahrhundert. Wie begann es? Die Uraufführung fand am 30. September 1767 im Hamburger Nationaltheater statt, der Lessingschen Unternehmung, die nicht lange durchhielt. Es ist erwähnenswert, dass Johann Friedrich Struensee fünf Jahre vor seiner Hinrichtung die Uraufführung des Lustspiels in diesem Theater besuchte. Struensee war damals Arzt in Altona, kam aber öfter nach Hamburg, wo er mit Lessing, der damals in Hamburg lebte, ausführlich über Medizinisches, Literarisches usw. debattierte. Auch in Nordschleswig wird man etwas später (denn die Uraufführung von 1767 war kein großer Erfolg) von dem Stück gehört haben. Im „Altonaischen Mercur“, der in unserer Region als wichtigste deutschsprachige Zeitung gehalten wurde und von Hand zu Hand ging, hieß es drei Jahre später am 16. August 1770: „Vorgestern, Abends nach 7 Uhr, erhoben beyde Königl. Majestäten sich wiederum nach Hamburg. Es geschahe solches dieses mal zu Wagen. Allerhöchstdieselben beliebten allda in dem großen Schauspielhause das bekante schöne Stück des Hrn. Leßings, Minna von Barnhelm, oder das Soldaten=Glück, aufführen zu sehen, und kehrten sodann bey Fackelschein nach Altona zurück, wo die Nacht die Pall Mall [Palmaille] mit Lampen illuminirt war.“ Diese Sonder-Aufführung für das dänische Königspaar im Jahre 1770 ging wahrscheinlich auf eine Anregung Struensees in Kopenhagen zurück. Der Darsteller von Major Tellheim war kein geringerer als Conrad Ekhof, wohl der bedeutendste deutsche Schauspieler des 18. Jahrhunderts. König Christian VII. hatte 1766 als Siebzehnjähriger den Thron bestiegen und seine damals fünfzehnjährige Kusine Caroline Mathilde geheiratet. Das Königspaar besuchte im Sommer 1770 auf der obligatorischen Reise in die Herzogtümer Altona. Im Herbst dann beginnt die Liebesbeziehung zwischen der Königin Caroline Mathilde und Struensee in Kopenhagen. Am 7. Juli 1771 bringt die Königin ein Mädchen zur Welt, das im spottenden Kopenhagen nur „Prinzessin Struensee“ genannt wird. Es ist Louisa Augusta (1771-1843), bekanntlich unsere spätere Herzogin von Augustenburg. In Kopenhagen geht das Stück Lessings im Königlichen Theater einige Monate später über die Bühne, erstmals am 14. Oktober 1771; zuletzt wird diese Inszenierung am 16. Januar 1772 gegeben, wenige Wochen vor Struensee Hinrichtung. Die Minna gab damals „Jomfru Bøttger“, wie sie genannt wurde (Elisabeth Rose, 1738-1793), zunächst Protegée von Holberg, bald auch Freundin von Charlotte Dorothea Biel. Sie war eine der bekanntesten (und meistbezahlten) Schauspielerinnen ihrer Zeit in Dänemark. Es folgten bis 1800 noch Dutzende weitere Aufführungen der „Minna von Barnhelm“ in Kopenhagen, auch in Odense. In Berlin wird es einige Schwierigkeiten geben wegen der Zensur. Schließlich geht es auch um sächsisch-preußische Gegenwartsfragen. Aber das Stück konnte nichts aufhalten. Überall wurde es aufgeführt. Keine deutsche Theaterstadt kam bald ohne das Lustspiel aus. Auch Nordschleswig nicht, vor 100 Jahren war es in Tingleff.
Dienstag, 15. Dezember 1925
Zwei Jahre vor der Aufführung in Tingleff gab es schon mal eine in Nordschleswig: Anzeige der Sonderburger Zeitung vom 20. Oktober 1923 über die Aufführung der „Minna von Barnhelm“ des Sonderburger Theatervereins.Foto: Königl. Bibliothek, Kopenhagen
Der Prälatenstuhl von Lügumkloster
Der dreifache Prälatenstuhl in der Klosterkirche, eines der ältesten Inventarstücke dieser prächtigen Zisterzienserkirche ist jetzt wiederhergestellt. Das Gestühl ist ausgeprägt frühgotisch und wird aus der Zeit um 1300 stammen. Die drei Spitzgiebel des Prälatenstuhles sind mit prächtigen Schnitzereien geziert und kunstvoll ausgesägten Rankenmustern. Auf dem Gebiet des mittelsten Sitzes fand man, unter vielen Farbenschichten versteckt, Reste einer Malerei auf Goldgrund. Diese ist auch wiederhergestellt.
Nach neuesten Forschungen sind die vier bedeutenden hochmittelalterlichen Austattungsstücke des Klosters Lügum, das Antependium, der Reliquienschrank, das Kruzifix und der Zelebrantenstuhl (Prälatenstuhl), alle zur gleichen Zeit entstanden, und zwar um 1320/1325, als die Klosterkirche abschließend fertig gestellt worden war. Der Zelebrantenstuhl befindet sich heute noch an seinem ursprünglichen Platz. Im Laufe der Zeit wurde er teilweise erneuert und ergänzt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde er von dem bekannten nordfriesischen Maler Carl Ludwig Jessen (1833-1917) restauriert bzw. überarbeitet, als es noch keine nennenswerten Richtlinien zur Theorie und Praxis der Restaurierung gab. 1925 wurden von dem Restaurator des Nationalmuseums in Kopenhagen, Niels Termansen, erstmals neue und moderne Restaurierungsmaßnahmen am Zelebrantenstuhl und den anderen mittelalterlichen Ausstattungsstücken im Kloster Lügum angewendet, die seitdem die übliche Praxis sind. Termansen restaurierte übrigens später u. a. auch die Altartafel in Loit-Kirkeby.
Freitag, 18. Dezember 1925
Der mittelalterliche Zelebrantenstuhl im Kloster LügumFoto: Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg/Katja Hildebrand
Der Attentatsplan gegen Stresemann
Wie an amtlichen Stellen verlautet, steht jetzt fest, dass der Attentatsplan gegen Stresemann über die Vorbesprechungen nicht hinausgediehen war. Irgendwelche Beziehungen zwischen den Verhafteten und politischen Parteien sind nicht festgestellt worden. Da weitere Aufklärung der Angelegenheit dem Untersuchungsrichter obliegt, können andere amtliche Stellen zunächst keine Mitteilung machen.
Diesen Worten folgt noch eine Zusammenfassung der Attentatspläne aus der „Vossischen Zeitung“ vom 16. Dezember, von der unten noch die Rede sein wird, und die gleichwohl und im Gegensatz zum oben Gesagten auf die parteipolitischen Zusammenhänge eingeht. Die Berichterstattung über die politischen Morde und ihre Planungen während der Weimarer Republik entspricht in unserer Zeitung ganz der Linie der bürgerlich-konservativen und rechtsgerichteten Presse in Deutschland. Sie ist abwiegelnd und benennt nicht die Gefahr, die der Demokratie durch die mangelnde Verfolgung - wenn überhaupt - der zahlreichen und zunehmenden Attentate drohte. Dieses Abwiegeln gilt auch für die deutschsprachige Presse Nordschleswigs. Blicken wir in die Hauptstadt Deutschlands: In Berlin waren die Attentatspläne Stadtgespräch. Unter dem 16. Dezember steht im Tagebuch des Diplomaten und kundigen Chronisten seiner Zeit, Harry Graf Kessler, folgender Eintrag: „Bei Stresemanns gegessen. Großes Diner in der Villa. Bosdari, der Türke, Kühlmann, Rüfenachts, Schachts, Zechs usw. Als ich über den Potsdamer Platz hinging, kam gerade die Postausgabe der „Voss“ [Vossische Zeitung] mit der Nachricht von einem Attentats Plan auf Stresemann. Stresemann, dem ich beim Eintreten zum Scheitern des Komplotts gratulierte, hatte auch eben erst vom Polizei Präsidium davon erfahren. Er klagte bitter über den mangelhaften Schutz durch die Gerichte; dass einem Mann wie Pudor, der offen zu seiner Ermordung aufreize, Nichts geschehe. Berger, der später kam, meinte: Früher hätten wir eine Justiz für den Staat gehabt (einseitig), nachher eine neben dem Staat, und jetzt eine gegen den Staat.“ An dem Diner nahmen neben dem Ehepaar Stresemann u. a. teil der italienische Botschafter Alessandro de Bosdari, der türkische Architekt Kemaleddin, der Diplomat und Industrielle Richard von Kühlmann, der schweizerische Gesandte in Berlin Hermann Rüfenacht mit seiner Frau Madeleine, der Diplomat des Auswärtigen Amtes Julius von Zech-Burkersroda mit seiner Gemahlin Isa, und der aus Tingleff gebürtige Politiker und Bankier Hjalmar Schacht mit seiner Frau Luise. Das treffliche Aperçu zur Justiz stammt von dem Schriftsteller, Kunstsammler und Ministerialbeamten Herbert von Berger, der eine Zeit lang Chef eines 1919 neu eingerichteten Verfassungsschutzes der Weimarer Republik war und an republikfeindlichen Kräften scheiterte und zurücktrat. Man war also an höchsten Stellen bei der Einschätzung der politischen Ausrichtung der deutschen Justiz in Übereinstimmung. Zu dem von Kessler erwähnten Pudor ist folgendes zu sagen: Heinrich Pudor war um 1900 ein in fast jeder kulturpolitischen Zeitschrift vertretener Autor und Kunstkritiker. Er kam aus der Reformbewegung der Zeit um 1900 und engagierte sich besonders in der Freikörperkulturbewegung, von denen die meisten sich später dem Nationalsozialismus zuwandten. Er war also bekannt und bald – namentlich in der Weimarer Zeit - wegen seines Antisemitismus usw. berüchtigt. Pudor hatte 1925 wegen des Locarno-Vertrages in mehreren Artikeln in der Zeitschrift „Hakenkreuz“ zur Ermordung Stresemanns und zu Gewalttätigkeiten gegen Juden aufgerufen. Er wurde nach einem längeren Prozess in Leipzig Mitte März 1926 zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Übrigens: Pudors erste selbstständige Publikation war 1890 eine Broschüre über den Haderslebener Julius Langbehn mit dem Titel „Ein ernstes Wort über „Rembrandt als Erzieher“ - das Langbehn-Buch war gerade erschienen und machte Furore.
Montag, 21. Dezember 1925
Ein Halstuch für Schiller
Es ist amüsant, die Heroen der Menschheit, die so hoch über dem Alltäglichen zu schweben scheinen, bei Bedürfnissen zu überraschen, die sie mit anderen Sterblichen teilen. Wer kann sich z. B. Schiller vorstellen, wie er dringend nach einem sauberen Halstuch verlangt? Und doch liegt diese Situation einem Briefe des Dichters an den bekannten „Kunst-Meyer“, dem Freund Goethes, zugrunde, der in dem neuen Autographen-Versteigerungskatalog der Firma Stargardt veröffentlicht wird. „Ich richte an Sie, mein lieber Freund“, schreibt der Dichter aus Weimar vom 27. September 1800, „gleich zum frühen Morgen eine Bitte von so merkwürdiger Art, als sie Ihnen wohl noch nie vorgetragen worden sein wird. Ich brauche nämlich für heute notwendig – ein Halstuch; Meine Frau hat gestern aus Versehen alle meine Halstücher mit in die Wäsche tun lassen und damit in die lächerliche Verlegenheit gesetzt.“
Wir haben es schon öfter erlebt, dass der Redakteur unserer Zeitung (es gab nur einen, nämlich Emil Kühler, der das Blatt von 1901 bis 1929 betreute) sein Interesse für die Literatur der Goethezeit mit seinen Lesern teilen wollte. Und hier gab er nun einer kulturgeschichtlichen Petitesse Raum. Das macht den heute vergessenen Redakteur interessant und für den Chronisten immer sympathischer. Die Anekdote hat er aus einer anderen Zeitung oder einer Feuilleton-Korrespondenz, die er abonniert hatte, fast wörtlich übernommen. Aber Ach: Die große historisch-kritische Ausgabe der Werke Schillers, die Nationalausgabe, die 1940 zu erscheinen begann und nach 85 Jahren in diesem Jahr, 2025, mit Band 43 abgeschlossen wurde, hat in ihrem Band 30. Briefwechsel. Schillers Briefe. 1.11.1798-31.10.1800. Weimar 1961 diesen Brief nicht verzeichnet und publiziert. Dass er übersehen werden konnte ist schier unmöglich. Es bleibt vorerst ein Rätsel. Über Schillers Kleidung und die Preise seiner Stiefel oder Chemisetten usw. sind wir gut unterrichtet. Über die Halstücher im Spätsommer 1800 nicht. Küchler hat zwar richtig abgeschrieben, aber von einer wohl irgendwie falschen Nachricht.
Wachablösung im Gymnasium
Foto: DN
Das deutsche Gymnasium für Nordschleswig hat am Sonnabend seinen langjährigen Leiter Dr. Karl Heinz Sass verabschiedet und Hans Jürgen Nissen eingeführt, der sein Amt als Rektor gestern offiziell angetreten hat. Diese Wachablösung verdient Beachtung, übernimmt doch mit Hans Jürgen Nissen erstmalig ein deutscher Nordschleswig die Leitung des Gymnasiums, dessen 50jähriges Jubiläum bald bevorsteht und dessen Bedeutung - wie Konsul Bamberger herausstrich – weniger an der Zahl seiner Schüler als an der kulturellen und politischen Aufgabe für das deutsch-dänische Verhältnis und für die deutsche Minderheit in Nordschleswig liegt und das jungen deutschen Nordschleswigern die Möglichkeit bietet, in die deutsche Kultur, Sprache, Literatur und Geschichte eingeführt zu werden.
Freitag, 5. Dezember 1975
Ein frühes Selbstbildnis von Picasso
Bei Christie´s in London wurde jetzt ein frühes Selbstbildnis Picassos aus dem Jahre 1901 von einem Privatkäufer aus Frankreich für rund 284.000 Pfund (fast 1,5 Millionen Mark) ersteigert. Das Bild befand sich bisher im Besitz des Amerikaners Fletcher Jones in Los Angeles.
Das Gemälde „Ich, Picasso“ (Yo, Picasso) wird, würde es heute auf einer Auktion angeboten werden, wohl fast das Hundertfache dessen erzielen, was es vor fünfzig Jahren erbrachte. Das Gemälde wurde 1901 in einer Ausstellung des berühmten Galeristen Ambroise Vollard in Paris zuerst gezeigt, über die dieser in seinen Lebenserinnerungen geschrieben hat. In Deutschland wurde 1913 die erste Einzel-Ausstellung mit Werken Pablo Picassos in der „Modernen Galerie“ Heinrich Tannhausers in München gezeigt, eine der ersten deutschen Adressen für die Moderne. In dieser Ausstellung fand sich auch das Gemälde „Yo, Picassso“ und dort sah es Hugo von Hofmannsthal, der das Werk kaufte. Es hing fortan bis zu seinem Tod 1929 in seinem Arbeitszimmer. Das Erbe trat Hofmannsthals Tochter Christiane und ihr Mann, der Indologe Heinrich Zimmer an, die es mit in die Emigration nahmen, die von den Nationalsozialisten erzwungen worden war. Zimmer war ein Bewunderer und Freund Emil Noldes, er hatte gerade 1926 in der Festschrift zum 60. Geburtstag des Malers einen Beitrag geschrieben. Picasso hielt die Galerie Tannhauser stets in dankbarer Erinnerung, sodass das Haus nach dem Krieg im Jahre 1922 eine weitere Einzelausstellung mit Werken Picassos zeigen konnte. Und diese Ausstellung war es, die auf eine junge Malerin, die damals in München bei dem Maler Hans Hofmann in seiner „Schule für Bildende Kunst“ studierte, einen unauslöschlichen und wegweisenden Einfluss ausübte, der in ihrem Werk eine Kehrtwende einleitete, und an die sie sich stets erinnerte: Franzisca Clausen. Das Gemälde „Yo, Picasso“ war zwar nicht dabei. Das hing in Rodaun. Aber zahlreiche uns bekannte andere Werke Picassos waren in dieser viel besuchten Ausstellung zugegen, sodass wir konkrete Anregungen im Werk der Künstlerin verfolgen könnten.
Yo, Picasso. Gemälde. 1901. 74x60 cm. PrivatbesitzFoto: Wikipedia.com
Dienstag, 30. Dezember 1975
Klopstock-Ausgabe
Mit der „Deutschen Gelehrten-Republik“ ist jetzt ein weiterer Band der Hamburger Klopstock-Ausgabe ausgeliefert worden. Ein nächster Band, der nach Angaben der Universität Hamburg „Klopstocks Arbeitstagebuch“ als Erstveröffentlichung enthält, ist bereits im Druck. In diesem Jahr erschienen bereits das Epos „Der Messias“ und eine „Klopstock-Bibliographie“.
Über Klopstock erscheint demnächst allerlei in unserer Zeitung - wegen der Übersiedlung Klopstocks nach Dänemark vor 250 Jahren. Und zwar nicht nur über seine Dichtungen usw., sondern auch z. B. über seinen Hut, den er abzunehmen sich beim Übergang über die Grenze ins Königreich an der Königsau wohl nicht scheute.