Deutsche Minderheit

„Wie eine gemeinsame Zeitreise“ – Else Holm über „Lebensgeschichten“

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Die Tinglefferin Else Holm ist 94 Jahre alt und hat es sehr genossen, ihre Erinnerungen mit anderen aus der Minderheit zu teilen.

Was tun gegen Einsamkeit und Bedeutungsverlust im Alter? Ein deutschsprachiges Erzählprojekt in Nordschleswig gibt älteren Menschen aus der deutschen Minderheit Raum, ihre Geschichte zu erzählen – und zeigt, wie Erinnerungen verbinden und Zuhören neue Nähe schafft.

„Nächsten Tag in der Schule kam der Lehrer mit Stock und fragte mich: Na Else, haben wir uns gestern getroffen?“ Das haben sie. Und statt mit „Heil Hitler“ zu grüßen, hatte die junge Else Holm geknickst. „Tja, dann musste ich die Hände auf den Tisch legen.“ Und Schläge einstecken.

Die 94-Jährige zögert kurz, bevor sie die Szene erzählt. „Das war ja damals ganz normal“, sagt sie.

Geschichten einer ganzen Generation

Aufgewachsen im Krieg – erst in Hadersleben (Haderslev), später in Tingleff, wo ihre Eltern ein Eisenwarengeschäft betrieben – erlebte sie vieles, was ihre Generation in der deutschen Minderheit verbindet: geschlossene Schulen, internierte Väter, ein Leben zwischen dänischer Mehrheit und deutscher Minderheit. Sie sei irgendwie dänisch, irgendwie deutsch – aber eigentlich weder das eine noch das andere. „Eigentlich bin ich einfach nur synnejysk.“

Was Else Holm erzählt, ist keine Einzelgeschichte. Es sind Erinnerungen, die viele in der Minderheit teilen. Genau deshalb bringt der Sozialdienst Nordschleswig ältere Menschen in seinem neuen Projekt gegen Einsamkeit „Lebensgeschichten“ zusammen. Viele ältere Menschen fühlen sich einsam – besonders in ländlichen Regionen, wo Kontakte weniger werden und Mobilität abnimmt. Das zeigen etliche Studien, ist aber auch das, womit der Sozialdienst in seiner Arbeit jeden Tag konfrontiert wird.

Sein neues Projekt knüpft an das dänische Konzept von „Fortæl for Livet“ an, das bereits in mehreren Kommunen läuft. Der Sozialdienst hat es jedoch eigens für Nordschleswig übertragen: „Die ältere Generation der deutschen Minderheit teilt nicht einfach Erinnerungen“, erklärt Projektleiterin Karin Hansen. Sie teilt auch eine gemeinsame Sprache, eine Kultur und die Geschichte Nordschleswigs.

Projekt gegen Einsamkeit: Erinnerungen teilen, Gemeinschaft finden

Geschichten wie die von Else Holm zeigen das, und sie stehen im Mittelpunkt des Projekts. In kleinen Gruppen von acht bis zehn Teilnehmenden erzählen ältere Menschen aus ihrem Leben – begleitet von Fachkräften der Familienberatung. So entsteht ein geschützter Raum, in dem Erinnern nicht Rückzug bedeutet, sondern Teilhabe.

Wenn ältere Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen, fühlen sie sich gestärkt und gesehen. Das berichtet etwa auch das Projekt „Fortæl for Livet“: Teilnehmende stärkten durch das Erzählen ihre Identität spürbar, und es entstand Nähe zu den anderen Gruppenmitgliedern.

Die Erfahrungen von Else Holm und ihrer Gruppe bestätigen das Konzept des Sozialdienstes: Eine Gruppe trifft sich im Abstand von einem Monat viermal im Haus Quickborn. Potenzielle Teilnehmende werden von den Familienberaterinnen gezielt angesprochen. So erreicht das Projekt auch Menschen, die vielleicht von selbst nicht auf die Idee gekommen wären, ihre Lebensgeschichte zu teilen.

Ergänzung zu den „Besuchsfreunden“

„Es geht nicht um Sensationen oder Heldengeschichten“, erklärt Karin Hansen. „Jeder hat etwas zu erzählen. Es geht ums Zuhören und darum, gehört zu werden.“ Die Gespräche seien oft tiefgründig, berührend, manchmal auch leicht. Im September startet bereits die zweite Runde. „Die Gruppe haben wir schon zusammen“, sagt Hansen. Da einige Familienberaterinnen noch weitere Menschen anfragen, sei es möglich, dass eine weitere Gruppe zeitnah startet.

Neue Kontakte durch alte Geschichten

Ob die Gruppe auch nach den vier Treffen in Kontakt bleibt, liege an den Teilnehmenden selbst. „Einige kennen sich ja bereits“, sagt Hansen. Wenn dieser Effekt jedoch eintreten würde, wäre das ein schöner Effekt, so die Familienberaterin, „aber das Projekt soll auch in sich abgeschlossen funktionieren“.

Else Holm war eine der ersten acht Teilnehmenden. „Ich kannte schon zwei, die anderen habe ich dort erst kennengelernt“, erzählt sie. „Es war spannend, ihre Geschichten zu hören.“ Vieles sei ihr bekannt vorgekommen, manches war neu. „Wenn man älter ist, trifft man ja nicht mehr so oft neue Leute.“

Vor allem nicht solche, die sich ebenfalls daran erinnern, wie es war, als man auf Nordschleswigs Straßen dem Führer gehuldigt hat, oder mit gerade einmal 14 Jahren ins Berufsleben eingestiegen ist, weil die deutschen Schulen geschlossen wurden.

„Ja“, resümiert Else Holm, „es war schön, gemeinsam zu sitzen und zu reden.“

Im September werden neue „Lebensgeschichten“ dazukommen – neue Erinnerungen, die im Erzählen wieder lebendig werden.