Naturereignis

„Wir sind noch einmal davongekommen“ – 50 Jahre Sturmflut an der Westküste

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Das Wasser drang in Koldby an der nordschleswigschen Westküste in Häuser und Wirtschaftsgebäude ein.

Sirenen, Evakuierungen und brodelnde Wassermassen: Ein Blick zurück auf die Sturmflut von 1976 zeigt, wie nah die nordschleswigsche Westküste an einer Katastrophe war. Es ging nur um Haaresbreite glimpflich aus, wie aus dem Zeitungsarchiv hervorgeht.

Am Sonnabend, 3. Januar 1976, spielte sich mit der Sturmflut an der nordschleswigschen Westküste ein Naturereignis ab, das auch noch 50 Jahre später sichtbare Spuren in der Landschaft hinterlässt. Gab das damalige Kräftemessen mit der Natur doch letztlich den Anstoß für den Bau des vorgeschobenen Deiches und der Wiedauschleuse. 

Während der Sturm und der Schnee vor fünf Jahrzehnten über das ganze Land fegten und zu Problemen führten, entwickelte sich die Situation an der nordschleswigschen Westküste dramatisch und führte zur Evakuierung von Bewohnerinnen und Bewohnern.  

Bei der Zeitreise vermitteln das Stöbern im Zeitungsarchiv des „Nordschleswigers“ und in der Berichterstattung der damaligen Tonderner Lokalredakteurin Edith Wawrzyn Lund einen anschaulichen Einblick. 

„Um Haaresbreite ging die Katastrophe an Nordschleswigs Westküste vorbei. Hätte der Wind nicht in letzter Minute umgeschlagen, dann stünde jetzt ein Gebiet von der Größe der Insel Röm ganz bis rein nach Tondern unter Wasser. Gewaltige Wassermassen hatten bereits über die Deiche geschlagen; vor Ballum bzw. Jerpstedt, wo das Land zur See hin ungeschützt liegt, suchte sich das brodelnde Meer bis in die Dörfer seinen Weg. Häuser nahmen Schaden, Dächer und ganze Schuppen brachen zusammen, Schiffe und Boote wurden wie Streichhölzer an Land geworfen, Treibstofftanks von den Bauernhöfen schwammen vondannen. Die ganze Küstenstraße zwischen Jerpstedt und dem Röm-Damm lieferte gestern ein Bild des Chaos: Treibsel lag an der geräumten Straße aufgetürmt, darunter Reste von Booten und ganze Telefonpfähle. Einige tausend Menschen mußten am Sonnabendnachmittag ihre Häuser verlassen; sie mußten mit dem Schlimmsten rechnen“, brachte Edith Wawrzyn-Lund am Montag, 5. Januar, im „Nordschleswiger“ die Situation des turbulenten Wochenendes auf den Punkt.

Das Unwetter kündigte sich am Vorabend an

Viele Menschen aus Tondern retteten sich im eigenen Auto in die Sicherheit, wie aus dem Bildtext hervorgeht.

„Das Unwetter hatte sich bereits am Freitagabend mit heftigem Schneesturm angekündigt. Im Laufe der Nacht und des Sonnabend vormittags wurde die Situation immer kritischer, und um 12.20 Uhr wurde Alarm gegeben. Der Krisenstab, erst vor gut einem Jahr zusammengestellt, mußte eingesetzt werden. Ein Vierteljahr nach der großangelegten Katastrophenschutzübung an der Westküste hieß es für rund 400 Mann – ganz zu schweigen von der verängstigten Bevölkerung: Man mußte mit der lange befürchteten Katastrophe rechnen. 

Um 12.53 Uhr begann der Helferstab mit der Evakuierung des Tonderner Krankenhauses, rund eine Stunde später war die knapp 10.000 Einwohner große Stadt an der Wiedau wie ausgestorben. Dramatische Szenen spielten sich während der Evakuierung ab. Einige ältere Leute gerieten in Panik.

Zahlreiche Menschen hatten den Ernst der Situation nicht erfasst

Etliche Tonderaner hatten den Ernst der Situation überhaupt nicht mitbekommen. Als die Sirenen ertönten, wurde dieses Geheul teils vom Toben des Sturms übertönt. Manche Leute meinten, es wäre die Feuersirene und kümmerten sich nicht weiter darum. Andere lagen im tiefen Mittagsschlaf und hatten die Warnung und später die Aufforderung zum Verlassen der Stadt nicht gehört. Sie mußten von Nachbarn in aller Eile alarmiert werden. 

24 Unfallrettungswagen, drei davon mit doppelter Kapazität, sowie weitere drei Personenwagen brachten aus dem Tonderner Krankenhaus 47 liegende und 110 sitzende Patienten (diese in Bussen) nach Apenrade, Sonderburg und Hadersleben in Sicherheit. Zweieinhalb Stunden dauerte es, bis das Krankenhaus geräumt war.

Deichbruch auf der Insel Röm

Um 12.46 Uhr musste der Röm-Damm für jeglichen Verkehr gesperrt werden. Um 12.55 Uhr erreichte die erste Meldung vom Deichbruch auf Röm die Katastrophenschutzzentrale in Tondern. Um 13.04 Uhr wurde vermeldet, dass der Sölstedter Krug eingestürzt sei, eine Minute später wurde Ruttebüll evakuiert. 13.03 Uhr zeigte die Uhr, als die Meldung eintraf, dass das Wasser den Deich bei Reisby bereits überspült hatte. Die Wellen schlugen dort über die Deichkrone und richteten verheerenden Schaden an. Minuten später wird befürchtet, daß das Emmerleffer Kliff nicht mehr standhält und von den Wellen überspült werden wird. 

Es gab eine Serie von Schreckensmeldungen. Die Tausende von Leuten warten mittlerweile in den Notquartieren in Jeising, Abel, Lügumkloster usw. auf eine Besserung. Lange Schlangen wartender Autos hielten vor den Notquartieren. Im großen und ganzen verhielten sich die Evakuierten ruhig und besonnen. Eilig gepackte Koffer mit dem Notwendigsten, mit wichtigen Papieren und ein bißchen Kleidung waren meist das einzige, was man in der Eile mitgenommen hatte.

Bewohner retteten sich auf den Dachboden

In Abel vertrieben sich die Evakuierten die Wartezeit mit Kartenspiel.

Um 13.46 Uhr: In der Sturmflutzentale schrillt zum x-ten Male die Alarmglocke: Ballum ist unter Wasser. Vieh ist ertrunken, einige Bewohner haben sich auf den Dachboden gerettet. Auf Röm bei Juvre sind weitere Gebiete jetzt vollkommen von den Wassermassen bedeckt. Drei Kinder und zwei Erwachsene müssen bei Buntje Ballum von CF-Leuten in Sicherheit gebracht werden. Sie konnten aus eigenen Kräften schon nicht mehr weg kommen. 

Um 14.10 Uhr droht der Emmerleffer Bevölkerung die Katastrophe: Das Wasser hat u. a. das Kliff ausgehöhlt, man muss mit dem Schlimmsten rechnen. Eine Minute später erreicht Tondern die gleiche furchtbare Nachricht aus Hoyer. Dort droht nicht nur bei der Schleuse, sondern auch am Strandweg, also vor Ort, ein Deichbruch. Doch schon um 14.21 Uhr kommt die beruhigende Nachricht: Bei Ballum sieht man das Wasser sinken. Um 14.26 Uhr ist das Tonderner Krankenhaus endgültig geräumt.

Schaulustige mussten von der Polizei verjagt werden

In Emmerleff Kliff beim Strandhotel wurde das Kliff ausgehöhlt.

Um 14.30 Uhr kommt eine haarsträubende Nachricht aus Ruttebüll: Aus der Gefahrenzone müssen über 30 „mutige“ Schaulustige buchstäblich von der Polizei verjagt werden. Während zahlreiche Bewohner ins Innere des Landes geflüchtet waren, suchten sie bei Ruttebüll im tobenden Orkan einen einmaligen Nervenkitzel. Im Neuen Friedrichenkoog bricht zur gleichen Zeit der Deich. Links und rechts des Röm-Damms erreicht das Unwetter ebenfalls mit Deichbrüchen seinen Höhepunkt. Ein Hubschrauber versucht das Ausmaß der katastrophalen Wassergewalt am Röm-Damm festzustellen. In Tondern erreicht ein Hilferuf die Polizei: An der Schiffbrücke hatte man eine Frau vergessen, die bei der Evakuierung nicht mitgekommen war. Sie stand unter leichter Schockeinwirkung, als Falck sie aus der ausgestorbenen Stadt rausbrachte. 

Nach der Aufhebung des Katastrophenalarms wird gegen 16.30 Uhr über Rundfunk bekanntgegeben, daß die Grenzübergänge in Seth/Böglum, Aventoft/Mühlenhaus und Ruttebüll/Rosenkranz vorübergehend geschlossen sind, um den Rückstrom der „Tondern-Heimkehrer“ nicht zusätzlich zu belasten. Über den dänischen wie über den deutschen Rundfunk kommen laufend Aufforderungen, Fahrten ins Katastrophengebiet zu unterlassen. Das geht auch am Sonntag so weiter. An Nordschleswigs Westküste halten sich die meisten Westküstler auch daran. Dennoch hält es einige nicht zu Hause – doch die Polizei hält sie von den Einsatzorten fern.

Der erwartete Höhepunkt des Orkans blieb aus

Hoyer Schleuse nach der Sturmflut Anfang Januar 1976

Gegen 17 Uhr konnten die evakuierten Westküsten-Bewohner wieder in ihr Häuser zurückkehren. Der Wind hatte umgeschlagen und der für 16 Uhr erwartete Höhepunkt des Orkans trat nicht ein. 

An der Hoyer Schleuse hatte das Wasser 4,88 Meter über normal erreicht, nach deutscher Rechnung lag es damit 3,98 Meter über dem mittleren  Hochwasser. 52 cm höher zeigte der Pegel als bei der letzten Sturmflutkatastrophe 1962. An der Westküste vernahm man ein hörbares Aufatmen: Wir sind noch einmal davongekommen …“

Ein Mann kam bei der Evakuierung ums Leben

Ältere Menschen aus den Pflegeheimen wurden nach Abel in die Schule gebracht. Dort mussten sie teils auf Tischen liegen, wie aus dem Bildtext hervorgeht. Das Foto zeigt den damaligen Amtsbürgermeister Erik Jessen im Gespräch mit einigen der Älteren.

Bei der Evakuierung aus dem Tonderner Krankenhaus gab es ein Todesopfer. Ein Krankenwagen aus Vejle, der bei der Evakuierung des Hospitals in der Wiedaustadt eingesetzt war, verunglückte auf dem Weg ins Haderslebener Krankenhaus auf der schneeglatten Straße bei Skovby, wobei ein Patient ums Leben kam. Bei dem Verstorbenen handelte sich um den ehemaligen Landwirt Søren Lausten Nissen aus Harres bei Bredebro.

„Ein neuer Seedeich hätte die Evakuierung der Bevölkerung verhindert“, lautete damals die Einschätzung  von Tonderns Polizeimeister Erik Bøving, der den Krisenstab leitete. Er nannte es auch unbefriedigend, dass das Telefonnetz in Tondern zusammengebrochen sei. „Für die Arbeit der Polizei haben wir ja die Funkverbindung, aber es ist unzumutbar, dass die Bevölkerung in einer solchen Situation nicht die Polizei anrufen kann. Nach meiner Ansicht muss die Telefonzentrale durch neue Leitungen auch künftig für einen solchen Notfall gerüstet sein“, so Bøving.

Staatsminister Anker Jørgensen besichtigte die Deichschäden 

Staatsminister Anker Jørgensen (l.) schaute sich mit dem damaligen Deichgrafen Thomas Dethlefsen aus Ruttebüll die Schäden an.

Zwei Tage nach der verheerenden Sturmflut, am Montag, 5. Januar 1976, besichtigte der sozialdemokratische Staatsminister Anker Jørgensen gemeinsam mit Minister Niels Matthiasen die Deichschäden an der nordschleswigschen Westküste. 

Während sich das Folketing am 6. Januar mit den Flutschäden und der Frage der Deichverstärkung befassen wollte, war sich der nordschleswigsche Amtsrat weiterhin einig und forderte einen vorgeschobenen deutsch-dänischen Seedeich. 

Dieser würde mehr Sicherheit bringen als die Verstärkungen des bestehenden Deiches, so Amtsbürgermeister Erik Jessen, der auch an der Besichtigung teilnahm. 

Am 7. Januar schrieb „Der Nordschleswiger“ dann, dass der vorgeschobene Seedeich so gut wie beschlossen sei und Kopenhagen und Kiel sich über das gemeinsame Projekt im Prinzip einig seien.

Bemühungen für den Bau des Deiches von Emmerleff Kliff (Emmerlev Klev) im Norden bis zum Hindenburgdamm im Süden gab es bereits vor der Sturmflut, jedoch war man nicht auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. 

Der etwa zwölf Kilometer lange und 7,3 Meter hohe Deich wurde von 1979 bis 1981 gebaut und beschützt seither die Tonderner Marsch. Die Einweihung mit einem Volksfest erfolgte 1982.